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Life is too short for boring stories

„Muss das wirklich sein? Nur weil Du vor, ich weiß nicht, gefühlten 100 Jahren für den Typen geschwärmt hast, brauchst Du doch jetzt nicht auf ein Konzert zu gehen“, motzte ich unablässig, auch wenn ich genau wusste, dass es keinen Sinn hatte. Wenn Nastasja sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann blieb es dabei. Hart wie die russische Tundra.

„Hör mal, dieser Typ, wie Du Dich so despektierlich auszudrücken pflegst, war seinerzeit der beste Blues-Musiker von ganz überall, und Du weißt ja wie es mit Bluesern ist, sie sind wie Rotwein. Je älter, desto besser“, konterte sie augenblicklich, um dann noch ihren unübertroffenen Trumpf auszuspielen, „Und Du weißt, dass ich da nicht alleine hingehen kann. Willst Du mich denn wirklich im Stich lassen, Deine allerbeste Freundin?“

Ja, ich gebe es zu, ich bin leicht weichzukochen, aber ehrlich, wer könnte da nein sagen?

„Also gut, wo findet das ganze Spektakel statt?“, fragte ich, betont leidend.

„Im Bluesland, dem Lokal, in dem er das letzte Mal aufgetreten ist, bevor er, bevor er, nun, bevor er eine kleine künstlerische Pause einlegte“, erklärte sie mir, „Aber Du wirst sehen, er ist großartig.“

„Und woher willst Du das wissen?“, wollte ich erfahren, wo er doch so eine lange Pause eingelegt hatte und noch dazu nur in der verklärten Erinnerung meiner Freundin talentiert war.

„Weil ich sämtliche seiner Tonträger besitze“, erklärte sie, nicht ohne einen Anflug von Stolz in der Stimme, „Er hat einige aufgenommen. Pause machte er nur live. Er ist quasi ein Insider-Tipp.“

„Und wann soll das losgehen?“, erkundigte ich mich mürrisch.

„In einer Stunde“, antwortete Nastasja glücksstrahlend, dass sie mich überredet hatte, doch mir wurde gleichzeitig heiß und kalt.

„Das sagst Du mir erst jetzt?“, und begann sofort kopflos herumzulaufen.

„Wenn Du so stur bist. Hättest Du eher ja gesagt, hättest Du jetzt nicht die Hektik“, meinte sie achselzuckend, jeden meiner Schritte verfolgend, „Und wenn es Dich nicht interessiert, warum ziehst Du dann neue Strümpfe an?“

„Weil die alten alle kaputt sind“, erwiderte ich barsch. Darüber zog ich das kleine Schwarze, das auch kommentiert wurde, aber was gab es Praktischeres.

 

„Oh mein Gott!“, fluchte ich vor mich hin, als wir uns durch die Menge zwängten, denn das Lokal war gesteckt voll, „Das konnte doch nicht wirklich sein. Da kommt irgend so ein abgehalfterter Typ und alle flippen aus.“ Endlich standen wir direkt vor der Bühne. Der eine oder andere hatte zu spüren bekommen wie gut sich Bleistiftabsätze am Fuß anfühlen. Aber das ist ein Mittel, das ich nur einsetze, wenn es wirklich nicht anders geht.

„Oh mein Gott!“, flüsterte ich leise vor mich hin, doch diesmal war es kein Fluch, bloß eine kleine Irritation, denn dieser Mann, der mit der Gitarre auf die Bühne kam, war nicht abgehalftert, „Wie guter Rotwein“, schoss es mir durch den Kopf, „Und noch dazu hatte dieser sehr intensiv atmen dürfen.“ Er war nicht besonders groß, aber breitschultrig, mit sanften, beinahe traurig wirkenden Augen. Das gehört dazu, will man überzeugend Blues singen. Automatisch überprüfte ich, ob meine Strümpfe korrekt saßen. Mir wurde gleichzeitig heiß und kalt, wieder, aber nicht aus Ärger, sondern aus Erregung. Dabei hatte er noch nicht einmal den Mund aufgemacht. Er stellte sich zum Mikrofon, keinen Meter von dem Platz entfernt, an dem ich stand. Nahe genug, dass ich sein Parfum riechen konnte. Unwillkürlich schloss ich die Augen und sog den herben Duft in mich ein, während ich die Beine ein wenig breiter stellte, weil ich den ersten Anflug von Schwindel spürte. Kurz begrüßte er das Publikum, gab einen kleinen Vorgeschmack auf seine raue, männliche Stimme, und dann endlich stimmte er das erste Lied an. Ich musste mich am Bühnenrand festhalten, so sehr ging mir diese Stimme durch Mark und Bein. Eine eigenwillige, doch beeindruckende Interpretation von „Nobody Knows You When You’re Down And Out“. Ich versank in der Stimme, im Rhythmus, und im Schmerz dieses Liedes. Er hatte mich gewonnen, mich völlig in seinen Bann gezogen. Die nächsten Lieder kannte ich nicht, aber ich hatte mich schon zu sehr in den Strudel hineinziehen lassen. Meine Umgebung schien sich aufzulösen. Da war nichts mehr, als die Wellen, die durch mich hindurchglitten, die Stimme und seine Augen. Dann stimmte er „Still Rainin“ an, und da durchfuhr ein Zittern meinen Körper. Wie von Ferne drangen die ersten Textzeilen an mein Ohr, während mich seine rauchige Stimme wie ein Wasserfall umspülte, „Clouds, one by one, fill the sky …“. Das Licht begann sich zu drehen, der Schwindel war nun nicht mehr nur in meinem Kopf, sondern durchzog mich vom Haaransatz bis zu den Zehenspitzen, und als er an der Stelle angelangt war, an der es hieß „I watch my world slowly fade into black“, war es zwar nicht die Welt, aber ich, der schwarz vor Augen wurde. Meine Knie sanken ein und ich glitt in eine sanfte Ohnmacht. Als ich erwachte, war die Welt tatsächlich in Schwarz versunken.

„Geht es Dir wieder besser?“, fragte die Stimme, die ich gerade noch auf der Bühne gehört hatte.

„Hast Du mich aufgefangen?“, entgegnete ich statt einer Antwort.

„Ja, und ich hatte das richtige Gespür, so wunderschöne Strümpfe, wie Du unter Deinem schwarzen Kleid trägst“, meinte er, ein wenig verlegen, „Ich kam nicht umhin es festzustellen, nachdem Dein Kleid ein wenig verrutscht war. Wir sind wohl beide ein wenig old-fashioned. Deshalb habe ich Dich kurzerhand in meine Garderobe gebracht. Ich hoffe, das ist in Deinem Sinne.“

„Durchaus, und mit dem old-fashioned kannst Du recht haben“, meinte ich lächelnd, „Und deshalb werde ich meinem Retter auch auf eine Art danken, die man old-fashioned nennen kann.“ Und zog seinen Lippen zu meinen, sie zu küssen. Wie gerne ich doch old-fashioned bin.

2 Gedanken zu “Ziemlich Old-Fashioned

  1. hanshartel sagt:

    wie romantisch … diese old-fashioned Musiker

    Gefällt 1 Person

    1. novels4utoo sagt:

      Oh ja, und die gibt es angeblich immer noch

      Gefällt mir

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