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Life is too short for boring stories

„Dann will ich Ihnen etwas erzählen. Ich wuchs in einer Arbeiterfamilie auf. Mein Vater war im Straßenbau beschäftigt und meine Mutter ging putzen. Alles ganz normal also. Wenn meine gut situierten Schulkameradinnen nach der Halbtagsschule nach Hause gingen, erwartete sie ein warmes Essen, sie wurden umsorgt und es stand Hilfe bei den Schulaufgaben zur Verfügung. Im Zweifel gab es Nachhilfe, denn sie konnten es sich leisten. Aber was ist mit den Kindern der Arbeiterinnen? Schlüsselkinder hat man sie früher genannt. Sie gingen nach Hause und niemand war da. Erst am Abend kamen die Eltern erschöpft von der Arbeit. Selbst, wenn sie gewollt hätten, sie wären nicht in der Lage gewesen, den Kindern bei den Aufgaben zu helfen, weder die Ressourcen noch die eigene Ausbildung machten es möglich, als kostenlose Zusatzlehrerinnen zu fungieren. So wird in unseren Schulen einerseits die Verantwortung dafür, dass Lerninhalte auch ankommen, an die Eltern delegiert, die für sich alleine stehen. Und andererseits werden natürliche Bildungsvorsprünge zementiert, die Decke nach oben eingezogen.

Ja, grundsätzlich ist es jeder möglich jeden Bildungsweg einzuschlagen, den sie möchte, aber es wird Menschen, die nicht den Vorzug einer bürgerlichen Herkunft haben, sehr schwer gemacht. Doch nicht nur die Voraussetzungen sind andere, oftmals scheitert es auch an den finanziellen Möglichkeiten der Eltern. Der Schulbesuch selbst ist gratis, aber was rundherum noch gefordert wird, bringt wirtschaftlich schwächere Menschen oft an die Grenze der Belastbarkeit. Ein erster Schritt wäre die Ganztagsschule, die zumindest einen Teil der Unterschiede verbessern könnte. Ausbildung ist etwas für die, die es sich leisten können und damit weit weg von einer eigentlich demokratischen Einrichtung. Demgegenüber spricht der Kommunismus für tatsächliche Bildung für alle, auch bereits Erwerbstätigen, durch Arbeitsschulen, Abendschulen oder andere Einrichtungen, die barrierefrei in Anspruch genommen werden können. Bildung ist ein Gut, das allen zugänglich sein muss. Der Kapitalismus züchtet durch die Profitorientierung bzw. die Notwendigkeit der Eigenfinanzierung eine zumindest drei Klassen Bildungsgesellschaft. Weil Menschen von vornherein verschiedene Wertigkeiten zugeordnet werden.“
„Als wenn die das in Anspruch nehmen würden. Man muss Menschen zu Leistung zwingen, durch Ordnung und Disziplin, denn diese sind von Natur aus faul und bleiben, so weit es möglich ist, jeder Anstrengung fern. Zwang und Druck ist die einzige Möglichkeit.“

„Indoktrination haben Sie vergessen. Sind deshalb unsere Schulen immer noch so organisiert wie die preußischen Militärakademien, mit ihrem 50 min Rhythmus. Was lernen die Kinder dort? Disziplin, Unterordnung und Autoritätshörigkeit. Das ist die Aufgabe der Schule, sonst nichts oder zumindest wenig.“
„Dennoch, die Natur des Menschen verlangt dies“, und damit sieht sie demonstrativ zu dem Kellner, der an der Bar lehnt und stumpf vor sich hinsieht und erst nach dreimaligen Rufen bequemt er sich, an den Tisch zu kommen, um eine weitere Bestellung aufzunehmen, „Sehen Sie, was ich meine. Das ist die Natur des Menschen.

Szene IV.

„Wie ist die Natur des Menschen?“, fragte erste Dame nach.
„Der Mensch ist von Natur aus faul. Wenn man will, dass er etwas tut, ganz gleich was, dann muss man ihn unter Druck setzen. Er hat keinerlei Eigeninitiative. Er bedarf der Leitung und Führung, speziell der Pöbel, Anleitung durch Menschen, die im Rang höher stehen, quasi von Natur aus durch ihr Wissen und ihr Geld. Der Erfolg zeigt es, dass es so richtig ist. Was würden die einfachen Menschen machen, wenn sie nicht gezwungen wären, arbeiten zu gehen? Sie würden den ganzen Tag faul herumliegen und nichts tun.“
„Sie meinen die Damen und Herren auf den Privatjachten, die sich bedienen lassen …“
„Sie ziehen es ins Lächerliche, nein, ich meine diese abgerissenen, verwahrlosten Gestalten, die keine Aufgabe im Leben haben und sich auch keine finden können. Und um zu gewährleisten, dass man sie nicht jeden Morgen aufs Neue zusammenklauben muss, um irgendetwas auf die Reihe zu bringen, hat man gewisse Disziplinierungsmaßnahmen ergreifen müssen. Der Kampf der Chefetage ist ein ständiger gegen diese Natur des Menschen, die ihn dazu treibt, sich treiben zu lassen. Führung, Ordnung und Autorität muss ihnen vermitteln, was sie zu tun haben. Die, die oben sind, sind es ja nicht umsonst, sondern weil sie es durch Einsatz, harte Arbeit, ehrliches Streben und persönlichen Verzicht dazu gebracht haben. Dass dann – zugegebenermaßen – nachfolgende Generationen ab und an davon schmarotzen, das ist unbestritten. Der Großteil bleibt aber in der Rolle und damit tragen sie zum Gelingen der Gesamtgesellschaft bei. Umso besser es jenen geht, die das Sagen haben und den Überblick haben, desto mehr fällt für die andern ab. Eigentlich kann man sie als Retter aus der Not, als Ritter in glänzender Rüstung sehen, die das Elend der Unbedarften völlig selbstlos lindern. Und eine der Voraussetzungen bilden die Schulen, die den Führenden einen kleinen Teil dieser Bürde abnehmen.“
„Bei diesem Menschenbild kann es auch nicht anders sein. Das bedeutet aber, dass die Menschheit schon während der lange Periode, in der es weder Patriarchat noch Herrschaft gab, längst untergegangen sein muss.“
„Das heißt es nicht. Es war damals eben, dass die Führer inoffiziell gehandelt haben. Irgendwann waren sie aber nicht mehr dazu bereit, dies für Gottes Lohn zu tun, sondern haben sich den Anteil geholt, der ihnen zusteht. Ja, während dem Mittelalter, da hat man noch gewusst, dass jeder Mensch an die Stelle geboren wurde, an die er gehört und dass daran nichts zu ändern ist. Egal was passiert oder wie die Umstände sind. Demgegenüber gibt es im Kapitalismus diese Durchlässigkeit nach oben. Jeder kann alles erreichen mit genügend Anstrengung“, zeigte sich die Dame in Herausgeputzt überzeugt.

Geh zu Teil 5 hier.

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