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Life is too short for boring stories

Ganz allein war er. Neben dem Zaun zum Bad saß er auf seinem roten Bobby Car. 35 Grad. Kein Schatten. Er sah durch den Zaun. Sehnsüchtig sah er auf die Badenden. Eine Frau mit einem Jungen erbarmte sich. „Sie können den nicht mitnehmen“, erklärte der Bademeister lapidar. „Warum nicht?“, fragte die Frau. „Wer übernimmt die Verantwortung?“, sagte er bloß. „Und wer übernimmt die Verantwortung, wenn er dort draußen in der glühenden Hitze zusammenbricht?“, entgegnete die Frau. Der Bademeister zuckte bloß mit den Achseln. Das hieß wohl so viel wie, das geht mich nichts an. Außerhalb des Bades, da kann er sogar krepieren. Ich bin nicht verantwortlich. Alle kannten den Jungen, sahen ihn durch den Ort fahren mit seinem kleinen roten Bobby-Car. Und er war erst fünf.

Man könne nichts machen. Das sagte man der Kindergärtnerin. Er kam immer alleine in den Kindergarten. Man könne nichts machen. Man wolle einmal schauen. Geschaut hat man nicht. Mehr besorgte Bürgerinnen meldeten sich. Es bestünde kein Handlungsbedarf. Er habe Familie. Dort solle er bleiben. Eine Großmutter, die zu alt war und zu gebrechlich um sich zu kümmern. Aber es war Familie. Und sie wohnten in einem Haus. Die Frau lud ihn ein. Er aß als hätte er ewig nichts zu essen bekommen. Und er war ängstlich wie ein scheues Reh. Ja, seine Mutter war in Kalksburg. Dafür wäre der Vater da. Auch wenn er immer wieder untertauchte. Sein Auto hatte ein rumänisches Kennzeichen. Steuersachen hieß es. Aber dafür gab es einen Onkel. Auch den kannte man im Ort. Drogenopfer hieß es. Psychotisch. Aber er war da. Selbst Opfer. Der große Bruder war auffällig, schon in der Volksschule. Da wäre eh nichts mehr zu machen. Und die Schwester mit ihren vierzehn Jahren eiferte der Mutter nach. Aber da war Familie und kein Handlungsbedarf.

Dann war der Sommer vorbei. Er fuhr immer noch mit seinem kleinen, roten Bobby Car durch den Ort. Die Menschen hatten sich daran gewöhnt. Bis eines Tages das Bobby Car verlassen am Hauptplatz stand. Der Junge war nicht da. Die Frau sah es und hatte Angst, dass ihm etwas passiert sein könnte. Das sei nicht der Fall, beruhigte man sie. Und was sie das überhaupt kümmere. Ob sie verwandt sei mit dem Jungen. Nein, aber er lag ihr am Herzen. Das verstand man nicht. Aber man müsse ja nicht alles verstehen. Jedenfalls habe man politisch interveniert. Heute morgen war die Polizei gekommen und habe ihn abgeführt. Wohin? Zu einer Pflegefamilie hatte man gehört. Auch wenn es nicht üblich war. Er hatte ja Familie.

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