Wenige Minuten später waren die Vertreterinnen der Exekutive vor Ort, in Gestalt zweier Frauen. Sie stellten sich als Melitta Moosgruber und Verena Veitz vor. Sie forderten Ronja auf alles ganz genau zu erzählen. Und das tat sie. Wie sie nicht schlafen konnte, im Ort herumlief und dann sah, wie eine Gestalt etwas in den Müllcontainer legte. „Ich war ganz alleine auf der Straße und stellen Sie sich vor, die Müllabfuhr wäre gekommen und hätte es nicht bemerkt“, schloss sie ihren Bericht. „Sehen Sie, genau das macht uns stutzig“, begann Melitta Moosgruber, „Welcher normale Mensch geht mitten in der Nacht bei dem Wetter auf die Straße? Und obwohl sie angeblich so durch den Wind sind, bemerken Sie sogar, wenn sich etwas Seltsames ereignet. Sie müssen zugeben, das klingt alles sehr verdächtig.“ „Ich denke, ich habe es ausführlich erklärt. Wenn Sie es nicht verstehen, kann ich es nicht ändern. Jedenfalls ist das Baby in guten Händen. Darf ich jetzt gehen?“, sagte Ronja resigniert, die auf einmal sehr müde war.
Immer und immer wieder passiert es, dass Menschen Lebewesen wie Dreck behandeln. Dabei machen sie bei der eigenen Spezies auch nicht Halt. So ein hilfloses kleines Wesen einfach dem Verderben auszusetzen. Was musste man für ein Mensch sein, um so etwas fertigzubringen? So wie bei Merle damals. Und damit holte Ronja das ganze Elend des Verlustes ihres geliebten Hundes wieder ein. „Nein, wir sind noch nicht mit Ihnen fertig“, erklärte nun Verena Veitz, „Ich sage Ihnen, was wir denken. Sie haben das Baby geboren und in den Müllcontainer gelegt. Dann plagte Sie doch das schlechte Gewissen und sie kamen auf die Idee, es ins Krankenhaus zu bringen und uns diese Lügengeschichte aufzutischen.“ „Wenn Sie meinen“, erklärte Ronja schnippisch. „Wir bekommen die Wahrheit schon noch aus Ihnen heraus“, herrschte sie Melitta Moosgruber an, „So einfach kommen Sie nicht davon.“ „Und wenn Sie sie aus mir herausprügeln müssen? Wollten Sie das sagen?“, fragte Ronja erschöpft. „Natürlich nicht, aber die Wahrheit kommt immer ans Licht. Wir werden alle befragen, die Sie kennen“, meinte Verena Veitz. „Tun Sie, was Sie nicht lassen können“, entgegnete Ronja matt, „Ich möchte nur nach Hause.“ „Und was ist mit Ihrem Baby? Das werden Sie ganz bestimmt nicht einfach hierlassen“, meinte Melitta Moosgruber. „Wie zwei Tennisspielerinnen, die sich die Bälle zuwerfen“, dachte Ronja über die zwei Polizistinnen. „Es ist nicht mein Baby“, sagte sie laut.
„Guten Abend, meine Damen“, unterbrach sie eine tiefe, sonore Stimme. Alle wandten sich dieser zu. Sie gehörte zu einem großen, schlanken Mann, den der weiße Kittel als Arzt auswies, „Gestatten, Doktor Wandl, Wilfried Wandl. Ich bin der diensttuende Kinderarzt und kann Ihnen mitteilen, dass der Junge kerngesund ist. Natürlich gehört er kräftig aufgepäppelt, aber er hat alles gut überstanden. Gut, dass Sie ihn so schnell gefunden haben“, damit wandte er sich an Ronja. „Darüber bin ich auch sehr froh“, erklärte diese, „Dann kann ich jetzt gehen.“ „Liebe Frau Ribberich“, zeigte sich der Arzt von seiner charmantesten Seite, „Könnten Sie den Kleinen nicht mitnehmen? Wir sind chronisch unterbesetzt und im Säuglingsheim ist auch kein Platz. Es wäre nur für kurze Zeit und Sie haben sich schon sehr gut um ihn gekümmert.“ „Ich habe mich überhaupt nicht gekümmert, bloß aus dem Abfall geklaubt und hierhergebracht, zu dem ihn irgendeine Person gelegt hatte“, erklärte Ronja verärgert. Dass sie dann doch zustimmte, lag weniger an den Überredungskünsten des Arztes, als vielmehr an ihrer Erschöpfung. Die Polizistinnen fuhren sie sogar nach Hause. Ronja brachte nicht nur das Baby, sondern auch eine umfangreiche Sammlung an Dingen mit, die man so braucht, wenn man einen Säugling zu versorgen hat.
An der Türe wurden sie von ihrem Mann, José Martinez, empfangen. „Was ist denn mit Dir los? Ich habe mir solche Sorgen gemacht?“, meinte dieser und wollte seine Frau umarmen, aber das ging nicht, weil sie den Kleinen hielt. „Ich erzähl Dir alles“, meinte Ronja tonlos, aber erst, wenn ich geschlafen habe. „Wer sind Sie?“, fragte Melitta Moosgruber, die bisher unbeachtet hinter Ronja gestanden hatte. „Ich bin José Martinez, Ihr Mann“, antwortete dieser amüsiert, denn die Szene erschien ihm ziemlich skurril, „Warum kommt meine Frau in Polizeibegleitung?“ „Das müssten Sie doch wissen!“, fuhr ihn Verena Veitz an, die sich von seinem exotischen Aussehen und Akzent nicht beirren ließ, „Ihre Frau hat unserer Meinung nach heimlich ein Kind geboren, wollte es in den Müll werfen, besann sich eines Besseren und brachte es in die Klinik.“ „Tatsächlich?“, erwiderte José, der nun nicht mehr amüsiert war, sondern vom heiligen Zorn des spanischen Mannes beseelt war, der seine Frau beschützen wollte, „Sie meinen also im Ernst, meine Frau wäre schwanger gewesen und ich hätte nicht bemerkt? Meine Frau hätte ein Kind geboren und es gäbe keine Spuren? Wenn Sie nicht so voller Vorurteile wären und meine Frau ein wenig kennen würden, würden Sie wissen, dass sie zu denen gehört, die immer alle rettet, nicht aussetzt. Es ist erschreckend, was Sie sich da herausnehmen und das nur, weil Sie eine Uniform tragen.“
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