Hartmut saß aufrecht im Bett, als Xenia das Zimmer betrat. Er war mit Apparaturen verbunden, die unablässig piepsten und Diagramme malten. Es war höchst befremdlich. Maschinelle Überwachung. „Hallo Du!“, sagte Xenia und küsste ihren Mann auf den Mund, während sie sich zu einem Lächeln zwang, das half, ihre Angst zurückzustellen. „Hallo Du!“, erwiderte Hartmut und seine Stimme gab die Erschöpfung wieder, die ihn einnahm, „Schön, dass Du da bist. Ich hatte schon gedacht, alles wäre aus.“ „Natürlich bin ich da, wo sollte ich sonst sein“, erklärte Xenia, während sie seine Hand fasste, die sich feucht und kalt anfühlte, aber sie ließ sich davon nicht abschrecken, „Was haben die Ärzte gesagt?“ „Ich werde morgen operiert und bekomme zwei Stents gesetzt. Dann müsste eigentlich alles wieder in Ordnung sein.“ Xenia wusste, was das bedeutete, wollte aber nicht näher darauf eingehen, denn noch hatte sie keinen Weg gefunden, ihn aus dem zu befreien, was ihn zwangsläufig wieder hierherführen würde. Deshalb verlegte sie sich darauf, mit ihm über alltägliches, unverfängliches zu plaudern, , bis die Krankenschwester Xenia des Zimmers verwies. Sie verabschiedete sich mit der Zusicherung am nächsten Abend wieder da zu sein.
Hartmut schlief unruhig in dieser Nacht, denn er machte sich große Sorgen. Doch diese waren unbegründet, denn die Operation verlief wie geplant, ohne irgendwelche Komplikationen. Als er erwachte, fühlte er sich bereits viel besser. Gut genug, um Hunger zu verspüren. Die Schwester brachte ihm Frankfurter. Mit großem Appetit verspeiste er diese. Danach stand er auf und spazierte den Gang entlang. Neben der kardiologischen befand sich die onkologische Abteilung. Hier war sein Vater gelegen und gestorben, wie er sich nur allzu lebhaft erinnerte. Vorsichtig betrat er den menschenleeren Gang. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals. Er sah seinen Vater vor sich, wie er, abgemagert und schmerzerfüllt, vor sich hinsiechte. Diesen Anblick würde er nie vergessen. Er hätte nicht hierherkommen sollen, denn er spürte, wie er sich innerlich verkrampfte. Das konnte nicht gut sein, in seinem Zustand. Da entdeckte er einige Broschüren, die in einem Aufsteller standen. „Krebsprophylaxe“ war der Titel des einen. Seine Neugierde war geweckt. Konnte es denn sein, dass es etwas gab, was man tun konnte, um seinem Schicksal zu entrinnen? Obwohl, wenn man entrinnen könnte, dann wäre es nicht Schicksal, denn auf dieses hat man bekanntlich keinen Einfluss. Er packte die Broschüren zusammen, ging damit zurück in sein Zimmer, begab sich ins Bett und begann zu lesen. Mit Feuereifer widmete er sich seiner Lektüre. Zuletzt legte er alle zu einem Stapel geordnet zur Seite und dachte nach. All die Zivilisationserkrankungen wie Diabetes 2, Krebs, Bluthochdruck und eben auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie es bei ihm vorlag, waren zu einem Großteil auf den Lebensstil, den modernen, zivilisierten, wie es hieß, zurückzuführen. Dass man Alkohol und Zigaretten meiden sollte, das war ihm klar gewesen. Gerade der Feldzug gegen das Rauchen hatte tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis, damit auch in seinem, hinterlassen. Ebenso war es ein offenes Geheimnis, dass wir generell eine bewegungsarme Gesellschaft waren, zu viel saßen und auch kürzeste Strecken mit dem Auto zurücklegten. Natürlich hatte er auch gewusst, dass die Ernährung eine Rolle spielte, doch dass sie solch einen großen Einfluss hatte, das hätte er nicht gedacht. In erster Linie war es das Fleisch, aber auch die Milchprodukte, die dazu beitrugen, dass wir immer kränker wurden. „Die beste Krebsprophylaxe ist eine pflanzenbasierte Ernährung“, war in einer der Broschüren gestanden. Warum hatte das niemand gesagt, damals bei seinem Vater? Es hatte schon einen eher bitteren Beigeschmack, dass diese Anregungen dort gegeben wurden, wo Menschen untergebracht waren, für die diese schon zu spät kamen. Es kam ihm wie purer Zynismus vor, diese Informationen dort zu geben, wo sie niemand mehr benötigte. In jeder Arztpraxis sollte das aufliegen. Die Kinder in der Schule, die Eltern sollten informiert werden. So wie sie über die Gefahren des Rauchens aufgeklärt wurden, müsste man auch auf die Ernährung eingehen. Es wäre doch gar nicht so schwer. Oder doch? Was hatte er zu essen bekommen, nach der Operation, die notwendig gewesen war, weil er sich falsch ernährte? Es waren Frankfurter gewesen. Eine tiefe Verunsicherung erfüllte ihn plötzlich. Er hatte etwas zu essen bekommen, was dazu beitrug, dass er krank wurde und das in einem Krankenhaus. Wie passte das zusammen?
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