Xenia Veritas war ins Auto gesprungen, sobald sie vom Herzinfarkt ihres Mannes erfahren hatte. Es war schnell gegangen. Gerade hatte er eine Besprechung beendet und war dabei, sich von den Gesprächspartnern zu verabschieden, als er sich plötzlich mit der Hand an die Brust griff, röchelte und in sich zusammensank. Umgehend war die Rettung gerufen worden, die einen Herzinfarkt feststellte. Auf dem Weg ins Krankenhaus rief Xenia ihre Schwiegermutter an. Eigentlich wollte sie diese nur darüber informieren, was geschehen war, doch dann ging es mit ihr durch. Wie sehr hatte sich Xenia bemüht, Hartmut dazu zu bringen, sich gesünder zu ernähren. Bluthochdruck hatte er bereits. Das war für Xenia das erste Alarmsignal gewesen. „Aber Bluthochdruck, das hat über 50 doch jeder“, hatte ihre Schwiegermutter gemeint, „Das ist eben so, damit muss man leben.“ „Du meinst also, krank zu sein ist quasi ab einem gewissen Alter naturgegeben?“, fragte Xenia und musste sehr an sich halten, nicht die Beherrschung zu verlieren.
Man muss es also hinnehmen, ohne was dagegen zu machen. Xenia, die sich seit vielen Jahren vegan ernährte, war daran gelegen, auch ihrem Mann die Vorteile einer pflanzen basierten Ernährung nahe zu bringen. Natürlich wurde uns erzählt, Bluthochdruck sei normal. Damit man weiter genügend Medikamente an den Mann und die Frau bringen konnte, doch das wollte Xenia nicht akzeptieren. Hartmut bemühte sich sehr, wollte auch mitziehen, doch da waren die langen, zehrenden Arbeitstage, an denen er immer wieder in den alten Trott zurückfiel. Gewohnheiten, wie sich mal schnell eine Leberkässemmel zu holen, ließen sich eben nicht so leicht abstellen. „Aber es gibt mittlerweile so viele, leicht zugängliche Alternativen“, hatte Xenia zu ihm gesagt. „Ja, aber nicht dort, wo ich immer hingehe. Und in der Nähe ist es das Einzige“, hatte ihr Hartmut erklärt. „Gut, dann gebe ich Dir was mit, was Gesundes, was schmeckt“, hatte Xenia erwidert und es auch gemacht. Hartmut war es sich zufrieden, denn seine Frau gab sich wirklich die größte Mühe. Er musste sich eingestehen, es war auch nicht so schlecht, wie er befürchtet hatte. Ganz nebenbei nahm er ab, ohne zu hungern und er fühlte sich insgesamt besser. Doch dann kamen wieder die Zeiten, in denen Xenia viel zu tun hatte, auch einige Wochen hintereinander verreist war, da sie Ausstellungen in anderen Städten hatte. Da war Hartmut regelmäßig in alte Gewohnheiten zurückverfallen. Auf die Idee, er könne sich selbst um sein Essen kümmern, war er nie gekommen. Doch am schlimmsten war das Vorgehen seiner Mutter. Manchmal kam es Xenia so vor, als würde Mechthild wie eine Spinne im Netz nur darauf lauern, dass die Schwiegertochter abwesend war, um den Sohn mit ihren klebrigen Fäden in Form von „richtigem“ Essen, wie sie es nannte zu umgarnen. „Richtiges Essen für einen Mann, das ist Fleisch, weil er ja Vitamine und so braucht“, war die Ansicht von Mechthild, „Meinem Hubert hat das auch nicht geschadet.“ Der Schwiegervater war schon vor einigen Jahren an Darmkrebs gestorben, was genauso naturgegeben war, wie Bluthochdruck. Da könne man eben nichts machen, wenn der Krebs käme. Als wenn dieser sich aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen in dem einen Körper einnistete und in einem anderen nicht. „Du hast ihn krank gefüttert!“, hätte Xenia der lieben Schwiegermutter am liebsten ins Gesicht geschleudert, doch sie hatte sich bis jetzt beherrscht, weil sie überzeugt davon war, dass sie es nicht begreifen konnte. Zu eingefahren war sie in ihrem Glauben an das, was angeblich schon immer so war. Natürlich hatte sie es auch anders probiert, sie darauf hingewiesen, dass die Menschen gesünder waren zu Zeiten, da es nicht so viel Fleisch gab. Aber all das half nicht. Doch jetzt, da es um das Leben ihres Mannes ging, konnte sich Xenia nicht mehr beherrschen. Sie würde nicht zulassen, dass Mechthild auch ihren Sohn krank machte, doch wie sollte sie das anstellen? Schließlich verstand sie, dass Hartmut seine Mutter liebte. Und genau diese Liebe war es, die alles kaputt machte, eine Art der Vereinnahmung, die es nicht zuließ, dass man irgendeine Form der Kritik äußerte, sei sie noch so konstruktiv. Und während Xenia beim Krankenhaus ankam, saß ihre Schwiegermutter zu Hause, völlig überzeugt davon, dass sie alles richtig gemacht hatte. Sie musste alles richtig gemacht haben, denn wenn nicht, dann würde das doch bedeuten … Nein, das konnte sie nicht einmal denken.
Du willst wissen, wie es weitergeht? Der dritte Teil erscheint am 13. August. Sei dabei.

