Prüfend sahen die Polizistinnen Jose an. Konnte man dem Mann trauen, so dunkelhäutig wie er war mit dem exotischen Aussehen, dem schwarzen Haar und den durchdringenden Augen, schienen sie zu denken. Dann blickten sie auf das Baby, das friedlich in Ronjas Armen schlummerte und eine frappante Ähnlichkeit mit Jose aufwies, was zumindest die oberflächlichsten Äußerlichkeiten betraf. „Dürfen wir uns einmal umsehen?“, fragte Melitta Moosgruber spontan. Ronja war zu erschöpft, um Einwände zu erheben und Jose meinte nur ruhig, dass sie nichts zu verbergen hätten. Diese Nachsuche im Haus verlief allerdings ebenso erfolglos wie alle anderen Recherchen, die sie bezüglich der Familie Ribberich-Martinez unternahmen. So blieb der kleine Junge, den er intuitiv Jordi nannte, ein klassischer katalanischer Vorname, der so viel wie Landarbeiter bedeutete, wie Ronja natürlich wusste, nachdem sie ihrem Mann zuliebe Katalanisch gelernt hatte. „Warum nur ist er so angetan von dem Kleinen?“, fragte sich Ronja, die sich noch sehr gut daran erinnerte, wie ablehnend Jose dem Gedanken gegenübergestanden hatte, Merle zu behalten, damals, als Ronja ihn fand. „Und warum war es so nass gewesen im Vorzimmer, als sie nach Hause kam?“, dachte Ronja weiter, doch dann war sie schon eingeschlafen.
Jordi blieb und entwickelte sich zu einem lebenslustigen Jungen, mit dem Jose viel unternahm. Alle Versuche, die Mutter ausfinden zu machen, waren ergebnislos verlaufen. Als Jordi sechs Jahre alt war adoptieren Ronja und Jose ihn offiziell. „Wann wollen wir es ihm sagen?“, fragte Ronja eines Tages. „Sobald er danach fragt“, erwiderte Jose achselzuckend. Doch Jordi fragte nicht. Warum sollte er auch? Er war ebenso dunkel wie sein Adoptivvater und sah ihm zum Verwechseln ähnlich. Jose war Lehrer und verbrachte den Sommer bei seiner Familie in einem kleinen Ort in Katalonien. Jordi war immer mit dabei. Mit aller Selbstverständlichkeit lernte er neben Deutsch auch Spanisch und Katalanisch. Mit 18 schloss er die Schule ab und verkündete, er wolle nicht studieren, sondern arbeiten gehen. „Ich habe übrigens auch schon was gefunden“, verkündete er freudestrahlend. „Und was ist das?“, fragte Ronja nach. „Ein Sekretariatsposten am Spanisch-Deutschen Institut“, erklärte Jordi ihr, „Da war diese Frau im Spanischunterricht und stellte das Institut vor. Sie heißt Alejandra. Ich habe mich lange mit ihr unterhalten und sie meinte, sie würde dringen jemanden suchen, da sie zwar perfekt Deutsch spricht, aber mit dem Schreiben hapert es.“ Ronja war es nicht entgangen, dass Jose bei der Nennung des Namens Alejandra merklich zusammengezuckt war. Oder hatte sie es sich nur eingebildet? „Wie heißt sie mit Nachnamen?“, fragte nun Jose. „Diaz“, antwortete Jordi prompt, „Typischer geht es nicht mehr.“ „Hattest Du nicht einmal eine Schülerin, die so hieß?“, hakte Ronja nach. „Das kann gut sein. Aber ich hatte so viele Schülerinnen“, erklärte Jose ausweichend. Ronja fragte nicht weiter nach. Wahrscheinlich, weil sie Antwort fürchtete, denn ihr kam ein schwerwiegender Verdacht. Konnte es denn sein, dass Jose irgendetwas damit zu tun hatte? Jordi sah ihm so verdammt ähnlich. Und da war noch etwas, was ihr erst viel später wirklich bewusst geworden war. Sein Regenmantel war nass gewesen, in dieser Nacht. Und auch auf dem Boden waren Wassertropfen verspritzt gewesen. Was, wenn er? Aber nein, sie wollte es einfach nicht glauben. Nicht ihr Jose, der ihr bis jetzt ein wunderbarer Ehemann gewesen war. Aber was für eine Erklärung könnte es sonst geben? Sofort versuchte sie, diesen Gedanken in den hintersten Winkel zu verbannen. „Wie alt ist Alejandra?“, fragte sie ausweichend. „Keine Ahnung“, entgegnete Jordi achselzuckend, „Aber frag sie doch einfach selbst. Sie kommt dann vorbei. Wir wollen miteinander ins Kino gehen.“
Im selben Moment läutete es an der Tür. Diensteifrig sprang Jordi auf, um zu öffnen. Tatsächlich stand Alejandra davor und lächelte verhalten, denn nicht nur Jordi stand im Flur, sondern hinter ihm konnte Alejandra Ronja erkennen. Jordi umarmte die Kollegin und drückte ihr ein Küsschen auf die Wange. „Ich würde Euch bitten noch ein paar Minuten ins Wohnzimmer zu kommen“, forderte Ronja, um sich dann in dasselbe zu begeben, ohne sich zu versichern, dass die beiden ihr folgten. Sie war sich einfach sicher, dass sie es tun würden. Kurz darauf saßen alle vier auf den bequemen Fauteuils und Ronja sah Alejandra durchdringend an: „Sie haben meinen Sohn im Müllcontainer entsorgt und Jose ist der Vater. Ist es nicht so?“ Die Anschuldigung hing wie ein unangenehmer Geruch in der Luft, der sich nicht mehr vertreiben ließ.
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