Das Wunschbaby (1)

Das Wunschbaby (1) – Alle Geschichten
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Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!

Stockfinster und bitterkalt war es, doch Ronja Ribberich spürte es kaum, denn der Schmerz, der sie innerlich zu zerreißen drohte, war stärker als jede äußere Empfindung. So spürte sie weder die Kälte noch den Regen, der unablässig auf sie niederprasselte. Dabei hatte sie so gehofft, dass sie dadurch herausgerissen werden würde, aber es half nicht. Ohne darauf zu achten, wohin sie ihr Weg sie führte, lief sie durch die Straßen. Vielleicht, so ihre Hoffnung, würde sie irgendwann vor Erschöpfung zusammenbrechen. Endlich musste sie tatsächlich innehalten. An eine Hausmauer gelehnt, heftig nach Atem ringend, verharrte sie. Gleich würde sie weitergehen. Vielleicht nach Hause. Doch was war das für ein zu Hause, in der sie nicht mehr war? In dem sie nicht auf Ronja wartete, um sie zu begrüßen? Die Tränen begannen wieder zu fließen und vermischten sich mit dem Regen, der ebenfalls über ihr Gesicht lief. Doch was war das? Eine dunkle Gestalt näherte sich einer großen Mülltonne, die praktischerweise direkt unter einer Laterne stand. Mit einer Hand öffnete die Gestalt den Deckel, legte ein undefinierbares Bündel hinein, das sie mit der anderen Hand gehalten hatte und schloss das Behältnis wieder. Dann huschte sie lautlos davon, was bei dem anhaltenden Regen allerdings keine Kunst war. Was konnte das gewesen sein, was sie da hineingelegt hatte?

„Das war sicher nur Müll, schließlich ist es eine Tonne, die dafür da ist“, versuchte sich Ronja einzureden, doch dagegensprach, dass er es mitten in der Nacht, im strömenden Regen getan hatte, als wollte er verhindern, dass irgendjemand auf der Straße war, der ihn hätte beobachten können. Schließlich war Ronja die einzig Verrückte, die hier herumlief. Außerdem hatte diese Person das Etwas nicht etwa hineingeworfen, sondern vorsichtig hineingelegt, als könnte sonst etwas kaputt gehen. „Misch Dich nicht ein, mich Dich nicht ein, misch Dich nicht ein“, sagte sich Ronja immer wieder vor, auch wenn sie wusste, dass es sinnlos war. Sie ließ sich noch nicht einmal von sich selbst gute Ratschläge geben. „Genau so passiert es immer“, schalt sie sich im Gedanken weiter, „Wenn das nicht wäre, dann hättest Du damals nicht die kleine Merle entdeckt und würdest jetzt nicht so leiden.“ Unwillkürlich kehrten Ronjas Gedanken zu der Nacht zurück, in der sie den Mischling fand, abgelegt ebenso in einer solchen Tonne. „Warum muss immer mir so etwas passieren?“, fragte sie sich, „Und das mit dem Finden, das wäre ja noch nicht das Schlimmste, aber Du fühlst Dich immer gleich verantwortlich.“ Gerade mal zehn Wochen, geschätzt, war Merle alt, als Ronja sie fand und ins Tierheim brachte. Doch dort redete man so lange auf sie ein, bis sie bereit war, Merle zu behalten. Die kleine Hundedame hatte sich ganz fest in ihre Arme gekuschelt. Es blieb Ronja fast nichts anderes übrig. Das war nun 15 Jahre her. 15 gemeinsame Jahre, die nun völlig unverhofft zu Ende gingen. Ganz so unverhofft nicht, denn mit diesem Alter ist ein großer Hund schon sehr alt. Dennoch kam es plötzlich. Merles Herz war einfach stehengeblieben. Hinter dem Haus hatten sie sie begraben, Ronjas Mann und sie. Und jetzt war das Haus so leer, ohne die Fröhlichkeit, die Lebenslust und das Zutrauen dieses vierbeinigen Wesens. „Also geh einfach zurück oder bloß weg. Soll sich doch wer anderer kümmern“, forderte Ronja sich auf, um sofort einzuwenden, „Wer sollte das denn sein? Ist ja niemand da, außer Dir.“ Und dann tat sie, was so unausweichlich war, wie der Sonnenaufgang am nächsten Morgen. Ronja ging zu der Mülltonne, hob den Deckel an und sah sich um. „Zumindest ist es eine Tonne, in die Papier geworfen wird“, dachte Ronja noch, bevor sie das Bündel entdeckte. In eine blassrosa Decke gewickelt lag etwas. Vorsichtig hob es Ronja heraus. Dass es kein Hund war, das merkte sie sofort, aber es war etwas Warmes. Das spürte sie durch die Decke hindurch. Da begann das Etwas leise zu jammern, was den letzten Zweifel über das, was es war, ausräumte. „Wieder ein Baby“, dachte Ronja seufzend, „Ein ausgesetztes Baby, aber ein menschliches. Verdammt, es muss sofort ins Krankenhaus.“ Die Decke war schon völlig durchweicht vom anhaltenden Regen. Es war höchste Zeit sich in einen Innenraum zu begeben, damit das Kleine nicht erkrankte. Einige Minuten später betrat Ronja mit dem Bündel, das sie unter ihren Mantel geborgen hatte, um es so gut wie möglich vor dem Regen zu schützen, die Notaufnahme des hiesigen Krankenhauses. Völlig durchweicht stand sie in dem grell erleuchteten Raum, der menschenleer wirkte. Endlich ging eine Türe auf und eine übernächtig wirkende medizinische Fachkraft betrat den Raum. „Ich habe ein Baby und möchte es abgeben“, sagte Ronja und streckte der anderen Person das Bündel entgegen, die es annahm. Ronja drehte sich um, um das Krankenhaus zu verlassen, doch sie fand sich aufgehalten. „Nicht so schnell“, knurrte ein vierschrötiger Mann, „Du glaubst doch nicht, dass Du so einfach Deine Verantwortung los wirst. Wir holen jetzt die Polizei.“ Seufzend ließ sich Ronja auf einen Stuhl fallen, weil ihr sowieso alles Einerlei war.

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