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Life is too short for boring stories

„Was ist passiert? Wie bist Du nach Montpellier gekommen?“, fragte Diana, als Kendra endlich mit ihr telefonierte. „Mit dem Auto“, antwortete diese lapidar. „Was heißt mit dem Auto?“, zeigte sich Diana überrascht. „Ich habe ja ein Auto“, meinte Kendra. „Ja, aber keinen Führerschein, also wie bist Du dahingekommen und warum“, insistierte ihre Mutter. „Eine Freundin ist gefahren und nun ja, wir hatten gerade nichts Besseres zu tun und da sind wir halt so losgefahren und plötzlich waren wir da. Jetzt ist sie auf irgendeiner Party, der Tank ist leer und ich bin ganz alleine. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Es tut mir so leid. Ich war so dämlich“, zeigte sich Kendra endlich zerknirscht. Diana brauchte eine Weile, bis sie die Informationen, die sie gerade bekommen hatte, verarbeiten konnte, doch sie wäre nicht sie gewesen, wenn sie nicht sofort eine Lösung parat hatte. „Gut, ich werde Dir Geld überweisen und dann setze ich mich in den Zug und hole Dich, Dich und das Auto“, erklärte Diana resolut. „Ach Mami, Du bist die Beste. Danke, danke, danke!“, drang die Stimme ihrer Tochter an ihr Ohr, „Ich schwöre Dir auch, dass ich so etwas nie wieder machen werde.“ Tränenerstickt waren diese letzten Worte. Es waren wohl Tränen der Erleichterung. Und neben den Schmerz trat die Sorge bei Diana.

Kurze Zeit später saß Diana im Zug nach Montpellier. 21 Stunden Zugfahrt standen ihr bevor. 21 Stunden, die sie zurückgeworfen sein würde auf ihre eigenen Gedanken, ihr desolates Innenleben, die schmerzhafte Erinnerung an ein Glück, das hätte sein können und die desperate, alles übertönende Sorge um ihre Tochter, die so weit weg von ihr war. Wie würde sie Kendra vorfinden? Hatte sie das Geld bekommen und könnte in einer Pension unterkommen oder würde sie die Nacht irgendwie auf der Straße zubringen müssen, auf der Straße in einer Stadt, die sie nicht kannte, in einem Land, in dem Menschen wohnten, deren Sprache sie nicht verstand? Aber war sie nicht mutig und umsichtig zugleich, ihre Tochter?

Die Reise schien endlos. Diana versuchte zu lesen, doch ihre Gedanken ließen sich nicht halten. Immer wieder drifteten sie ab, zu ihm, der sie so warm und sicher gehalten hatte und von dem sie gemeint hatte, er würde sie verstehen. Zu Anfang hatte er auch großes Interesse gezeigt, an ihr, an ihrer Arbeit, an ihrem Leben. Fast wäre sie versunken, in diesem Früher, doch da legte sich schon wieder der Trauerflor der Erkenntnis darüber, der ihr bewusst machte, dass er sie nur benutzt hatte, so lange da niemand anderer, besserer war. Doch was war besser an dieser anderen? Konnte man so etwas überhaupt erklären, ein besser sein bei einem Menschen, zu dem man sich hingezogen fühlte und dafür einen anderen eiskalt und völlig gedankenlos abservierte? Nein, nicht einmal abservierte, sie könnte ja nach wie vor die Lücke füllen, falls die andere einmal nicht greifbar wäre. Ein Leben auf Wartetaste. Keinesfalls würde sie sich auf so etwas einlassen. Das hatte sie nicht verdient und auch nicht notwendig. Es war ihr bewusst, sie war nur der Notnagel, die Lückenbüßerin gewesen. So lange sie es nicht gewusst, so lange sie noch an ihn und seine Liebe geglaubt hatte, war ihr daraus auch kein Vorwurf zu machen, doch jetzt, da sie sich darüber im Klaren war, gab es keine Entschuldigung mehr. Er fehlte ihr, das musste sie sich eingestehen, aber nie mehr würde er einen Platz in ihrem Leben haben. Sie musste nur durch dieses Tal der Schmerzen hindurch und vielleicht fand sie dann den Menschen, der ihre Liebe erwiderte und sie nicht bloß benutzte. Darauf musste sie sich konzentrieren, durch den Wald der Tränen hindurch zur sonnigen Lichtung der Freude gelangen. 21 lange Stunden kämpfte sie, beständig begleitet von der Sorge um Kendra. Eigentlich sollte es nichts anderes geben, nichts was wichtiger war, als sie wohlbehalten nach Hause zu holen. Endlich fuhr der Zug in Montpellier ein. Entschlossen stieg sie aus. Ihr Weg führte sie in die große Eingangshalle. Und da stand sie, Kendra, ihre Tochter, unversehrt und gesund. Diana bemerkte, dass sie sich suchend umsah. Als sie ihre Mutter bemerkte, ließ ein Lächeln ihr Gesicht erstrahlen. Sekunden später konnte Diana Kendra umarmen. Es war so gut, sie wieder bei sich zu wissen, so gut bei ihr zu sein, so gut, dass sie sogar ihren Schmerz vergaß.

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