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Life is too short for boring stories

Und dann war alles anders. Von einem auf den anderen Moment schien nichts mehr zu sein wie es gerade eben noch war. Oder doch nicht? Der Mond stand voll und satt am Himmel, und doch stand er anders für mich. Die Nachtluft war lau und warm, und doch war sie anders für mich. Sogar ich selbst fühlte mich anders an. Und doch war der Mond wie immer und die Nachtluft wie immer und auch ich, eigentlich. Es hatte sich nichts verändert. Meine Sinne hatten sich nicht eingetrübt und auch nicht der große Weltuntergang kündigte sich an. Es war leise und atmend und lebendig. Und doch war es wie eine Starre, die sich über alles gelegt hatte, als würde die Welt um mich den Atem anhalten und die Zeit stillstehen, weitab vom Leben, weitab von mir, und ich stand wie unter einer Glaskuppel, so dass ich es nicht fassen konnte.

Alles verließ mich, obwohl es blieb. Alles war unzugänglich, obwohl es sich nicht verschlossen hatte. Und als es zu regnen begann, war es mir zuerst ein Segen, etwas das mich mich spüren ließ, ein wenig, das mich in Bewegung brachte. Trotz allem bewegte sich mein Körper wie immer, obwohl er sich auch weit weg anfühlte. Ich war getrennt aus der Welt und aus mir selbst, so als wäre eine unsichtbare Türe zugeschlagen worden, die ich nun nicht wiederfinden konnte. Für immer würde ich verharren müssen, in meiner Glaskuppel. Auch wenn ich ging, sie kam mit mir, blieb mir verhaftet wie ein lästiges Furunkel. Flüchtend aus einer Welt, die mich nicht mehr zuließ. Betäubt und eingehüllt in Düsterkeit und Kälte und Abgeschiedenheit. Ganz allein, ganz gleich wo, und auch inmitten einer Menschenmenge würde sich ein Kreis um mich bilden, um mich und meine Glaskuppel, unter der ich gefangen war. Unabhängigkeit von Raum und Zeit hieß mir Verlorenheit in Zeit und Raum oder besser außerhalb von Zeit und Raum. Und der Regen ließ mich flüchten in das Zimmer, zum Kamin, doch auch das Zimmer nahm mich nicht an und das Feuer im Kamin wärmte nicht.

Nichts drang durch meine Glaskuppel, keine Empfindung und kein Bewusstsein. Abgeschnittenheit inmitten der Fülle. Ausgeschlossen mitten im Sich Zeigenden, das sich im Zeigen auch schon wieder entzog. So war es in dieser Nacht. Wie ein hämisches Grinsen scholl mir die Verachtung entgegen, gepaart mit unendlicher Gleichgültigkeit, als würde ich in dieser Welt, nicht einmal in der kleinen, die ich bisher die meine nannte, in diesem Leben nie mehr Aufnahme finden, als wäre ich herausgefallen aus dem Menschlichen und aus dem Lebendigen, verdammt dazu unter meiner Glasglocke zu verbleiben, immer ansichtig, und doch nicht fähig teilzuhaben.

War es die Hybris zu sagen, dass alles, was in meinem Leben geschieht, nur von mir abhängt, dass ich alles beeinflussen kann und in die Richtung zu lenken vermag, die ich mir vorstelle? Hatte ich wirklich einmal gedacht, dass es so sein könnte? Nun hatte mich das Schicksal an meinen Platz verwiesen, hatte mich meiner Kleinheit und meiner Ohnmacht bewusstwerden lassen. Dabei ich sah es doch ein, dachte ich. Könnte es damit nicht getan sein, damit, dass ich meine Lektion doch gelernt hatte, damit, dass ich nun bereit war für den nächsten Schritt, bereit nicht mehr so zu tun, als wäre ich allmächtig. Ein kleiner Wink nur, das war alles, und doch genügte er, dass nichts mehr war wie gerade eben noch, dass alles aus den Fugen geraten war, von einem auf den anderen Moment.

Ich genügte mir, hatte ich behauptet – und jetzt war ich dazu verdammt mir zu genügen, und dabei war es genug mir mein Ungenügen schmerzhaft vor Augen zu führen. Unabhängig, frei und selbstbestimmt wähnte ich mich – bis zu jenem Moment, und dann war die Glasglocke aufgetaucht, und ich wurde unter die Glasglocke gestellt, geschubst in Richtung Demut.  Aber es war noch immer nicht genug. Und der Schmerz wuchs, wurde immer unerträglicher, doch er berührte nichts mehr, alles blieb ungerührt. So dass ich nach und nach in mir zusammensackte, kleinlaut und stumm wurde.

Plötzlich war alles anders. Als Du zurückkamst und mit einem Wink Deiner Hand die Glaskuppel verschwinden ließt, so dass alles anders war, so wie vorher, nur viel besser, und ich wusste, dass es nicht so sein würde, niemals so sein würde, ohne Dich. Und mein Verstummen war eines der Dankbarkeit in Deinen Armen.

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