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Life is too short for boring stories

Maria war völlig in ihr Tun vertieft, so völlig, dass sie rund um sich nichts und niemanden wahrnahm. Sie nähte ein Kleid. Im ersten Schritt hatte sie es entworfen, dann ein Schnittmuster erstellt, den Stoff zugeschnitten und war nun daran es zu nähen. Ein Vertraut-sein, ein Sich-Einlassen auf diese, scheins so simple Tätigkeit. Das monotone Rattern der Nähmaschine hatte etwas Beruhigendes, beinahe Meditatives. Und dann war es plötzlich weg. Maria präsentierte mir das fertige Kleid. Es war dunkelrot, hochgeschlossen, mit langen Ärmeln und reichte bis zu den Knöcheln. Sehr schlicht und in seiner Schlichtheit elegant.

„Schlicht und elegant wie die Liebe selbst“, fiel mir ein, „Es umhüllt Dich ohne Dich zu verbergen. Es lenkt nicht ab von Dir.“

„Sollte es nicht so sein?“, fragte Maria, „Unterstreichen, aber nicht für sich selbst stehen? Die Notwendigkeit sich zu kleiden steht außer Frage, aber deshalb muss man nicht dahinter zurückstehen.“

„Nicht zu verstecken, wohinter auch immer, sondern in aller Freiheit seinen Ausdruck finden“, versuchte ich zusammen zu fassen.

„Aber Du bist Dir schon dessen bewusst, dass das ein Privileg ist, sieht man sich den Großteil der Welt an“, wollte sich Maria versichern.

„Was genau meinst Du?“, hakte ich nach, weil ich nicht genau wusste was sie meinte.

„Sich als Frau präsentieren zu dürfen, so wie Du willst, ohne jemanden um Erlaubnis fragen oder fürchten zu müssen, dass Du deshalb angegriffen wirst“, präzisierte sie.

„Das bin ich mir durchaus“, bestätigte ich, „Die Offenheit, die Verbundenheit mit der Erde wie mit dem Himmel, das Allumfassende, das den Männern von jeher Angst gemacht hat.“

„Lilith haben sie vertrieben und die nichtssagende, kleine, süße, schnuckelige, einfache, lenkbare Eva behalten“, meinte Maria, „Aber eben nur vertrieben, nicht getötet, so dass sie und ihr Geist immer noch präsent sind. Sie lässt sich nicht gänzlich streichen. Deshalb wurde ein neuer Trick angewendet, um die Frauen klein zu halten.“

„Man machte sie schlecht. Angefangen mit der Erbsünde“, ergänzte ich, „Die Schuld aus dem Paradies vertrieben worden zu sein und nun in der feindlichen Welt leben zu müssen, lastete auf Evas Schultern. Deshalb wird offiziell verkündet, dass er über sie herrscht, Mann über Frau. Um das noch mehr zu zementieren, verwehrte man den Frauen Bildung. Dann sagte man, sie seien dumm. Von kirchlicher Seite ein Pfuhl der Sünde, ein Werk des Teufels, das dazu da ist den Mann zu schwächen. Sie allein war die Verführerin. Ihre Offenheit, ihre Zugewandtheit, ihre nicht männlich beherrschbare Sexualität wurden verflucht und abgewertet. Bis heute geschieht das. Eine Auswirkung davon ist die weibliche Genitalverstümmelung. Doch es ist mehr als ein grausamer, schmerzhafter Akt, es ist die Zerstörung der weiblichen Identität. Noch weiter wird im Krieg gegangen. Frauen werden systematisch vergewaltigt und zerstört. Dabei geht es darum über die Frauen den Gegner zu demütigen.“

„Nun stellt man sich unter einer Vergewaltigung gemeinhin die gewaltsame Penetration vor“, fuhr Maria fort, „Doch diese Vergewaltigungen sind an Grausamkeit kaum zu übertreffen. Mit Macheten, Glasscherben oder abgebrochenen Flaschenhälsen werden die weiblichen Genitalien regelrecht zerfetzt. Nicht nur die Möglichkeit Lust zu empfinden wird dabei vernichtet, denn das weibliche Genital ist viel komplexer als das männliche. Während beim Mann ein einziger Nervenstrang vorhanden ist, legen sich die Nerven bei der Frau wie ein Netz herum, und wenn die Nerven schalten, glitzern die Verbindungen wie ein Sternenhimmel, der verbunden ist mit dem Gehirn und dem Rest ihres Körpers. Frauen fühlen so gesehen ganzheitlich. Und werden damit auch ganzheitlich zerstört, vernichtet. Viele fallen in eine tiefe Depression, nehmen sich das Leben, weil sie die Verbindung nicht mehr wiederfinden. Der Körper kann oftmals wieder zusammengeflickt werden. Aber die Verbindung lässt sich nicht wieder herstellen. Die Nerven sind für immer zerstört.“

„Und nicht einmal diese Eingriffe sind gerne gesehen, gerade in Gebieten, in denen diese Verstümmelung der Frauen systematisch als Kriegswaffe eingesetzt wird“, meinte nun Jesus, der mit den Hunden draußen war und nun wieder zu uns stieß, „So im Kongo. Der Gynäkologe und Friedensnobelpreisträger, Denis Mukwege, operierte in den Jahren 1998 bis 2013 gemeinsam mit seinen Kollegen im Panzi-Hospital in Bakuvi 40.000 Opfer der verschiedensten Rebellengruppen und Soldaten. Dabei musste er feststellen, dass die Täter immer grausamer wurden. Doch er beließ es nicht dabei, diese Frauen wieder zusammenzuflicken, er wandte sich an die Weltgemeinschaft um auf dieses Unrecht aufmerksam zu machen. Die Taten selbst wurden zwar international geächtet, geschehen ist aber ansonsten nichts. Kein einziger der Täter wurde bisher zur Rechenschaft gezogen, so dass die Grausamkeiten gegen Frauen ungehindert weitergehen.“

„Dafür gingen die Täter gegen ihn vor“, erzählte Maria, „1996 wurde die gynäkologische Station in Lemera, auf der er zu der Zeit tätig war, vollständig zerstört und 2012 entging er nur knapp einem Mordanschlag. Wiederum gilt, die Täter bleiben ungestraft, während die, die sich für die Opfer einsetzen bedroht werden. Anderen zu helfen ist lebensgefährlich, könnte man sagen.“

„Das ist es durchaus“, meinte ich nachdenklich, „Erhielt nicht eine junge Aktivistin 2014 aus Pakistan für ihren Einsatz für die Schulbildung aller Mädchen den Nobelpreis?“

„Das war Malala Yousafzai. Sie war zu diesem Zeitpunkt gerade mal 17 Jahre alt“, bestätigte Maria, „Auch auf sie wurde ein Mordanschlag verübt, im Schulbus. Sie überlebte nur knapp und musste sich danach langwierigen Operationen unterziehen, aber sie hat überlebt und arbeitet nun als Friedensbotschafterin der UN. Aber wiederum wurde ein Mensch angegriffen und schwer verletzt, der sich für ein Recht einsetzte, das eigentlich laut der Menschenrechtscharta als grundlegendes Recht für alle gilt, das Recht auf Bildung. Doch nach wie vor sind überwiegend Frauen davon ausgeschlossen. Wie wichtig es den Männern ist dies auch so beizubehalten, wird durch solche Vorfälle deutlich. ‚Haltet sie dumm, klein und abhängig‘, bleibt das Motto. Und das wird auch nach wie vor eifrig befolgt.“ Und vor mir tauchte das Bild der Lilith wiederum auf, dieser stolzen, großen, intelligenten Frau, die es nicht ertrug, die Entzweiung und das Gegeneinander. Sie wollte Miteinander und Austausch und Vertrautheit. Gemeinsam sollte die Welt entdeckt und ein Leben aufgebaut werden, doch das war nicht gewünscht. Sie war nicht gewünscht, so dass an ihre Stelle Gegeneinander und Fürsich und Misstrauen trat. Es ist beschämend zu sehen, wie viel Talent und Können einfach verschleudert wird, weil man zu stolz ist anzuerkennen, dass jeder Mensch etwas beitragen kann, unabhängig vom Geschlecht.

„Es ist überaus spannend, dass das Thema Geschlecht überhaupt so eine große Rolle spielt“, merkte ich an, „In den meisten Bereichen wäre es doch völlig egal. Was treibt den Menschen dazu immer den Unterdrücker spielen zu müssen?“

„Vielleicht geht es darum sich selbst größer erscheinen zu lassen, wenn man andere klein macht, sich selbst stärker zu fühlen, wenn man jemand besiegt, der schwächer ist als man selbst“, sagte Maria, „Eigentlich ein Armutszeugnis, wenn man sowas notwendig hat. Doch es beginnt bei der Erziehung. Wenn Buben dazu erzogen werden, Frauen zu verachten, werden sie es tun. Wenige nur entkommen dieser Indoktrination. Es geht natürlich auch um Selbstwertgefühl. Manche brauchen die Unterdrückung anderer, um sich selbst überlegen zu fühlen, besser, als sie in Wahrheit sind. Dabei wird das Vorgehen immer brutaler und umfassender. Und die, die darauf aufmerksam machen, werden verfolgt, verletzt, mitunter ermordet.“

„Damit reihen sie sich in die lange Reihe all der Aktivist*innen ein, die aufgrund ihres Engagements, ganz egal ob für die Umwelt, unsere Mitgeschöpfe, die Armen, die Frauen, die Migrant*innen, verfolgt, verhaftet und getötet werden“, sagte Jesus nachdenklich, „Das bewirkt zweierlei. Einerseits werden es sich viele überlegen, ob sie solch eine gefährliche Tätigkeit auf sich nehmen. Die Abschreckung wirkt, und wer kann es den Menschen auch verdenken. Andererseits werden die Angreifer so weitermachen, weil sie sehen, dass es funktioniert. Die Angreifer, das sind oftmals große Konzerne, die Politik, die ihre Ambitionen gefährdet sehen. Aktivismus ist meistens nicht gut fürs Geschäft. Das ist die einfache, nackte Wahrheit.“

 

Und dennoch feiern wir Weihnachten, als ein Fest der Liebe, während in Wahrheit die Welt vom Geld regiert wird und Menschen abgeschlachtet werden, die dieses Spiel nicht mitspielen wollen. Dafür machen wir auch die Fenster und Türen fest zu, damit man nichts davon sieht. Denn uns geht es gut und wir feiern unverdrossen Weihnachten, wie es schon immer war. Wir sehen nicht einmal aus dem Fenster, dort hinaus, wo die sind, die leiden, hungernd, frierend, gefangen, wir sehen nicht hinaus, weil wir es sehen könnten. Wir wollen es nicht sehen, nicht wahrhaben. Wir wollen, dass in unserer eigenen, heilen, kleinen Welt alles so bleibt wie es ist. Auch wenn es immer schwerer wird wegzusehen. Man leistet ganze Arbeit. Es ist nach wie vor machbar, so dass man am Ende guten Gewissens sagen kann, man habe es nicht gewusst, wie schon etliche Male zuvor in der Geschichte.

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