Familienidylle (2)

Familienidylle (2) – Alle Geschichten

„Ausnahmen, na ja, weiß ich nicht“, erklärte die Hausmeisterin, „Weil, ich kenne ja nur die Geschichten von den Leuten, die hier wohnen. Aber ich meine halt, dass die Menschen überall irgendwie gleich sind und dieses Zusammenleben, das ist nicht gut, ich meine so eng und ohne sich mit den anderen abzugeben.“
„Wie meinen Sie das?“, fragte ich nach.
„Na nehmen wir mal die Frau Kubitschek, die im obersten Stock wohnt mit ihrem behinderten Sohn. Da hat doch die Frau Franzl, die ihr gegenüber, angeboten, sie schaut auf den Sohn, weil sie sonst nicht arbeiten gehen kann, also die Mutter. Und die war dann auch sehr glücklich darüber“, erzählte die Hausmeisterin.
„Aber das ist doch eine tolle Geschichte“, meinte ich, „Es gibt noch gute Menschen auf der Welt.“

„Es geht noch weiter, denn der erwachsene Sohn der Frau Franzl, der immer noch bei ihr wohnt, weil er dauernd seine Arbeit verliert, ging mal rauf zur Frau Kubitschek und vergewaltigte sie, hieß es, weil schließlich muss man was dafür zahlen, wenn sie schon auf den Depperten, damit ist der Sohn der Kubitschek gemeint, schaut“, sagte die Hausmeisterin achselzuckend.
„Aber das muss man doch anzeigen oder es stimmt nicht“, zeigte ich mich entrüstet.
„So leicht ist das nicht, denn der Sohn von der Franzl hat gesagt, wenn sie was sagt, also die Kubitschek, dann schaut die Mutter nicht mehr auf ihre Missgeburt und da hatte sie gerade eine Anstellung und konnte sich das nicht leisten“, erklärte die Hausmeisterin, „Aber da passiert noch was, das sag ich Ihnen, Fräulein. Und dann ist da der Professor, der im selben Stock wohnt wie die Frau Tante. Jedenfalls, da wurde gemunkelt, dass er sich an seinen Töchtern vergangen hat. Das wollte eine Sozialarbeiterin aufdecken. Da hat der Herr Professor mit dem Vorgesetzten der Sozialarbeiterin telefoniert und dieser hat der übereifrigen Dame nahegelegt, sie solle sich um die kümmern, wo man eh weiß, was da passiert und den Herrn Professor in Ruhe lassen. Weil selbst wenn es stimmt, was eigentlich keine Rolle spielt, so muss man an die Reputation des Hr. Professor denken. Dem würde man doch die Zukunft verbauen.“
„Und was ist mit den Töchtern, mit ihrer Zukunft, ihrem Leben?“, fragte ich verblüfft.
„Die werden das schon aushalten“, erklärte die Hausmeisterin, „Und dann ist da noch das Paar im Stock darüber, die zwei Männer, die zusammenleben. Sie wissen schon, wie Frau und Mann und einer davon, der verkleidet sich als Frau. Den hat der Pospischil, der gegenüber wohnt, zusammengeschlagen. Der hatte auch ein paar Freunde dabei und wie das so ist, nach ein paar Bier, da ist das halt passiert. Aber es gab keine Zeugen und ich meinte, dann dar man sich auch nicht so anziehen, wenn man nicht will, dass einem so etwas passiert. Die muslimische Familie mit den vielen Kindern, da ist aber nichts passiert.“
„Da bin ich aber beruhigt, wenigstens kein Rassismus“, erklärte ich erleichtert.
„Da haben ein paar Drohungen genügt, Sie wissen schon, so Zetteln auf der Fußmatte, also da hat dann niemand gewusst, dass das auch der Pospischil war, ich auch nicht“, sagte sie achselzuckend, „Und da hatte er wieder so einen Schlägertrupp organisiert, da sind sie vorher ausgezogen. Das ist also in Ordnung. Ich meine, niemand hat so viele Kinder wie diese Islamischen. Da muss man doch was unternehmen.“
„Aber was haben die denn getan, dass man sie nicht hierhaben wollte?“, fragte ich irritiert.
„Die kriegen einen Haufen Kinder und dann unsere nicht, sagt der Pospischil, und dann werden unsere Werte verschwinden, weil sie immer mehr werden und dann gibt es die Männer, die keine Familie haben, weil sie mit anderen Männern zusammenleben, also das sagt der Herr Pospischil, aber jetzt sind sie weg. Mir ist nur wichtig, dass Frieden im Haus herrscht“, erklärte die Hausmeisterin.

Und ich sah zu, dass ich mich verabschiedete, denn ich hielt es nicht mehr aus. Was alles hinter verschlossenen Türen und innerhalb einer eingeschworenen Gemeinschaft passierte, das war mir einfach zu viel. Aber ja, es gibt die Idylle in den Familien, den Hort der Liebe und Geborgenheit.

Noch mehr Lesestoff:

Kommentar verfassen