Familienidylle (1)

Familienidylle (1) – Alle Geschichten
🎬 Start der Serie!

Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!

In dem Mehrfamilienhaus, in dem meine Großtante lebt, gibt es zehn Parteien. Und die Hausmeisterin. Es ist kein roter Gemeindebau und keine Mietskaserne, sondern eine Adresse für die gehobene Mittelschicht. Meine Großtante lebt schon seit Jahrzehnten dort und es ist legitim, dass sie bis zu ihrem Tod bleibt. Schließlich gehört ihr die Wohnung. Als Hofratswitwe wird ihre doppelte Pension nicht von Mietzahlungen belastet. Früher habe ich sie gerne besucht, denn das Haus liegt am Stadtrand. Es ist nicht weit bis zum nächstgelegenen Wald, in dem wir als Kinder nach Herzenslust spielen konnten. Doch jetzt?

Während der letzten Jahre bin ich wohl hellhöriger geworden, denn ich hielt die anderen Einwohner*innen immer für Menschen, die sich den strengen Regeln der Gutbürgerlichkeit unterwerfen bzw. sie aus innerem Antrieb erfüllen. Es kann aber auch sein, dass sie es tatsächlich als erstrebenswert erachten, auch wenn sie es selbst nicht schaffen. Noch länger brauchte ich die wichtigste Regel zu erkennen, niemand etwas merken zu lassen. Solange alles unter dem Siegel der Verschwiegenheit und Diskretion abläuft, ist es in Ordnung. Wissen darf es nur niemand.

Eines Tages wollte ich meine GroĂźtante besuchen, doch ich fand die Wohnung leer vor. Deshalb ging ich zur Hausmeisterin, die normalerweise ĂĽber alles Bescheid weiĂź und fragte, ob sie denn wisse, wo sich meine GroĂźtante aufhielte.
„Die haben sie vor einer halben Stunde mit der Rettung abgeholt“, meinte die Frau, der augenscheinlich tatsächlich nichts entgeht, „Aber kommen Sie doch herein auf einen Kaffee, dass Sie nicht so umsonst hergefahren sind.“
„Ich glaube, es wäre besser, wenn ich gleich ins Spital fahre“, sagte ich abwehrend.
„Das genügt in einer halben Stunde auch noch“, erklärte die Hausmeisterin und zog mich in ihre Wohnung, in der sie mich auf einem Stuhl in der Küche setzte. Ich sah ihr beim Kaffeekochen und Kuchen aufschneiden zu.

„Wissen Sie, seit mein Mann tot ist, bin ich ganz alleine“, erklärte sie, als Kaffee eingeschenkt und Kuchen auf zwei Tellern verteilt hatte.
„Das tut mir leid“, brachte ich mein Mitgefühl zum Ausdruck, weil ich mir vorstellte, dass es ein Paar war, die über Jahrzehnte innigst verbunden durch dick und dünn gingen.
„Das war schon höchste Zeit“, sagte die Hausmeisterin ungerührt, „Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte er schon zehn Jahre früher sterben können, aber der war zäh, trotz der Sauferei. Ich war so erleichtert. Ich meine, er schlug mich nicht mehr so wie früher. Er war auch schon ein alter Mann, aber versucht hat er es immer wieder.“ Erstaunt ließ ich die Gabel aus den Augen, von der ein Stück Kuchen, das ich gerade aufgespießt hatte, auf den Teller fiel.
„Jetzt schauen Sie nicht so pikiert, Fräulein“, zeigte sich die Hausmeisterin amüsiert, „So war das halt. Na ja, so ist es noch. Aber es redet keiner darüber. Wozu auch? Es ändert ja nichts.“
„Sie meinen, es passiert, auch hier, in diesem Haus, auch als mein Großonkel noch lebte?“, fragte ich überrascht. Sicher, mein Großonkel war ein großer, starker, herrischer Mann gewesen und alles musste immer so gemacht werden, wie er es befohlen hatte, aber ich hätte mir nie vorstellen können, dass er körperliche Gewalt anwandte.
„Ach nein, der Herr Hofrat, der war nicht so wie wir, also der Pöbel“, erklärte die Hausmeisterin und ich wollte schon aufatmen, als sie fortfuhr, „Der hat nicht hingehauen. Der war perfider. Hat die Gattin und die Kinder so psychologisch, wie man sagt, fertig gemacht. Sie waren dann ja nicht mehr oft da, aber die Kinder sind geradezu geflüchtet, sobald sie alt genug waren. Vor allem die drei Töchter, die hatte er am meisten am Kicker. Der Sohn, der war was anderes. Den hat er so rangenommen, dass er danach wohl mit Drogen zu tun hatte. Jedenfalls habe ich bei der Frau Hofrat genau dieselbe Erleichterung gesehen, als sie endlich Erde auf seinen Sarg schmeißen konnte, wie ich sie empfunden hatte als mein Mann endlich und endgültig aus meinem Leben verschwand.“
„Hat sich meine Großtante denn nie gewehrt? Ich meine, es ging ja nicht nur um ihr Wohl, sondern auch um das der Kinder?“, warf ich mit der geballten Naivität eines Menschen ein, der eigentlich immer wohl behütet gewesen war.
„Was sind Sie doch erfrischend unschuldig“, sagte die Hausmeisterin, „Sowas hat man einfach nicht getan, damals und auch heute geschieht es sehr oft. Was hätte sie denn tun sollen? Wo hätte sie hinsollen, mit vier Kindern. Nein, nein, das hat man auszuhalten. Er ist auch schon etliche Jahre tot und Ihre Großtante kann ungestört leben.“
„Aber das sind doch Ausnahmen?“, wollte ich wissen und hoffte so sehr, sie würde es bestätigen.

Du willst wissen, wie es weitergeht? Der zweite Teil erscheint am 26. November. Sei dabei.

Noch mehr Lesestoff:

Kommentar verfassen