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Life is too short for boring stories

Du hattest Dich wohl oft gefragt, was es war, diese Unausweichlichkeit, von der Er sprach, damals, als Er Dich annahm, zu sich emporhob und mitnahm, um den Weg, den Er zu gehen hatte, mit Dir zu gehen, doch Du hattest es nicht gewagt Ihn zu fragen. Allzu sehr fürchtetest Du Seine Antwort. Doch hattest Du es nicht schon immer gewusst oder zumindest geahnt? Hast Du nicht gewaltsam die Augen geschlossen, so lange es möglich war?

Es war nicht mehr möglich, wegzusehen. Mit Peitschen hatten sie Ihn gezüchtigt und mit Dornen gekrönt. Mit Nägeln hatten sie Seine Hände, Seine Füße durchstoßen, um Ihn ans Kreuz zu nageln und mit der Lanze Seine Seite durchbohrt. Jeder Peitschenhieb, der Ihn traf, traf Dich. Jeder Dorn, der Seine Haut aufriss, riss Deine auf. Jeder Nagel, der Sein Fleisch durchstieß, durchstieß das Deine. Die Lanze, die Seine Seite durchbohrte, durchdrang Dich, fuhr Dir mitten ins Herz. Sein Schmerz war der Deine, ohne Unterschied, ohne Grenzziehung. Er hatte Dich in sich und in Seine Liebe geholt, und Du gingst restlos darin auf.

Er hatte Dich geküsst, und Du wehrtest es nicht.

Jetzt war Dein Platz hier, hier unter dem Kreuz, bei Ihm. „Bis zur Unausweichlichkeit, und noch weit darüber hinaus.“, hast Du gesagt. Das war es wohl gewesen, was Er gemeint hatte mit der Unausweichlichkeit, und Du bliebst. Du lagst, im Staub zu Seinen Füßen, und Du bliebst. Auch wenn es Dir das Herz zerriss, wenn es Dir vorkam, als würde der wichtigste und kostbarste Teil aus Dir herausgerissen, wenn es Dir erschien, als würde alle Lebenskraft schwinden, Du bliebst.

„Bis zur Unausweichlichkeit, und weit darüber hinaus.“, hattest Du gesagt, und Dich darin Ihm zugesagt. Doch Er, Er hatte die Zusage des weit darüber hinaus, angenommen. Also musste es dieses geben. Er hätte Dir keine Hoffnung gemacht, wenn es keine gegeben hätte. Doch wo konnte es hier noch eine Hoffnung geben? Wo konnte es hier noch ein weit darüber hinaus geben?

Um Dich war Nacht, doch nicht einfach nur Nacht. Es war die Dunkelheit der Endgültigkeit – 1000 und eine Nacht Dunkelheit. Nie wieder könnte ein Morgen werden. Nie wieder könnte je etwas so sein wie es war.

Um Dich herrschte Lärm und Betriebsamkeit, doch Du hörtest es nicht, denn in Dir war Stille, die Stille der Verlassenheit, der Unausweichlichkeit des Todes. 1000 und einen Tod starbst Du in dieser Nacht. Nie wieder würde es ein Leben geben können. Nie wieder könntest Du je so leben wie zuvor.

Doch mitten in diese Zerrissenheit stahl sich Sein Blick, ein letztes Mal.

„Geh mit mir.“, wollte Er Dir sagen.

„Wohin soll ich mit Dir gehen?“, fragtest Du.

„Den Weg, den ich Dir weisen werde, den ich Dir vorangehe.“, antwortete Sein Blick.

„Ich will es.“, hörtest Du noch Deine tonlose Stimme.

Hinabgestiegen in die tiefste aller Verlassenheiten, ließ Er Dich dennoch nicht verzweifeln. Getroffen vom Inbegriff des Todes, hatte Er Dich nicht untergehen lassen.

„Und weit darüber hinaus.“, sagtest Du, bevor Dich eine gnädige Ohnmacht umfing.

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