Die Reisende (1)

Die Reisende (1) – Alle Geschichten
🎬 Start der Serie!

Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!

Nin hieß sie. Soweit sie sich erinnerte. Oder Nana? Oder Nora? Irgendetwas mit N war es. Aber es war egal. Die Reisende war sie, und so stellte sie sich vor, wenn sie wohin kam, wo sie noch niemand kannte. Das geschah oft, denn sie tat, was ihr neuer Name, der tatsächlich was besagte, bedeutete, sie reiste. Die Reisende reist. Reisende reisen. Aber es ist dennoch ein Überbegriff für viele verschiedene Arten des Reisens. Sie wollte von sich meinen, dass sie nur eine Reisende war. Sonst nichts. Doch was war reisen?

Manche reisten, um anzukommen. Sie nicht. Das Reisen war das Ziel oder inkludierte es. Dazwischen gab es Wegmarkierungen, die sie als einfache, schlichte Reisende absolvierte. Dennoch war es nicht so, wie es die meisten sehen würden. Fast alle. Nicht alle, zumindest in den Breiten, in denen sie zu Hause war. Man reiste, wenn man von einem festen Ausgangspunkt, einem zu Hause oder eben einem Platz, an dem man seine Leben verbrachte, zumindest den privaten Teil, der etwas Fixes war. Reisen war, diesen Platz zu verlassen. Dann bewältigte man die Distanz, die zwischen diesem Fixpunkt und dem Reiseziel lag, so schnell wie möglich. Am Ziel verbrachte man eine gewisse Zeit, doch die Länge tut nichts zur Sache. Es genügen ein paar Stunden. Es könnten auch Monate sein. Aber egal, wie lange es war, wenn sie vorbei war, dann kehrte man wieder zurück. In den Alltag. Mit Arbeit und festem Wohnsitz und Familie und Freund*innen. Das Ziel der Reise nennt sich Urlaubsort. Denn man verbringt dort den Urlaub. Man hat nur Urlaub, wenn man Arbeit hat. Es muss schließlich eine Unterscheidung geben. Arbeitszeit. Urlaubszeit. Heimat. Fremde. Ganz einfach.

Doch all das traf auf die Reisende nicht zu. Sie arbeitete, aber das tat sie, um auf der Reise bleiben zu können. Sie arbeitete neben dem Reisen. Das Reisen jedoch war nicht ihre Arbeit. Sie hatte darüber nachgedacht, dass sie Reisejournalistin sein könnte. Oder eine, die alles Mögliche berichtet. Rezensionen schreibt. Beurteilungen. Doch dann wäre das Reisen die Arbeit. Das wollte sie nicht. Ihre Arbeit verrichtete sie am Laptop oder am Handy. Überall konnte das sein, wo es Strom gab und eine halbwegs brauchbare Internetverbindung. So blieb die Arbeit die Arbeit und das Reisen das Reisen. Sie blieb die Reisende. So einfach war das. Aber wenn Reisen bedeutet, einen Ort zu haben, der einem gehört oder an dem man befugt ist zu bleiben, dann reiste sie nicht in dem Sinne. Es gab einmal einen solchen Ort. Einen, von dem sie wegfuhr und zu dem sie zurückkehrte. Doch der Ort wurde ihr zur Last. Irgendwann. Es war noch zu viel Bindung. Verbundenheit. Sie hatte nicht grundsätzlich etwas gegen Verbundenheit. Aber sie wollte sie nicht zu Dingen oder Orten. Nur zu Personen und die waren nicht fest. Die konnte man wiederfinden. Außer denen, die einen für immer verlassen hatten. Einfach so. Die waren nirgendwo mehr. Aber in ihr.

Die Reisende wollte keine Bindung an einen Ort. Sie wollte die Bindung lieber als Verbundenheit. In diesem Zusammenhang. Denn Verbundenheit ist etwas Dehnbares. Es ist nicht notwendig zusammen zu sein, um darin zu bleiben. Aber Bindung, das klang in ihren Ohren wie ein angebunden sein, ein Schiff, das im Hafen vertäut liegt, bewegungslos gemacht durch starke Hanftaue. Unentrinnbar. Und wenn sie solch eine Bindung behielt, dann war sie gefangen. Ein Ort, der hält gefangen, weil man auch Verantwortung hat. Auch diese Verantwortung hatte sie einst gehabt, sie wahrgenommen, solange es notwendig war. Dann hatte sie sich losgelöst. Nun war sie die Reisende. Keine Urlauberin. Keine Destinationsreisende. Aber was für eine Reisende war sie dann? Eigentlich war sie eine Nomadin, eine ohne Ort, ohne Bindung, nur Verbundenheit, mit dem Gewesenen und noch mehr, mit dem Jetzt, in dem sie war. Und darin war sie nichts als die Reisende.

Die Reisende saß an der Bushaltestelle und dachte an einen Freund. Sie wollte den Namen nicht sagen. Nicht denken. Sie wusste ihn, aber er war sorgfältig in ihrem Bewusstsein begraben, weil es weh tat, immer noch, ihn auszusprechen, ihn auszudenken. Er war einfach nur der Freund. Sie war die Reisende. Er war der Freund. Wohl auch ein Reisender. Doch sie wollte ihn nicht so nennen. Denn es war anders. Doch was war es, das Andere, das Trennende, das sich nicht überwinden ließ, trotz der Liebe?

Noch mehr Lesestoff:

Kommentar verfassen