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Life is too short for boring stories

The empty store

16. Im flackernden Schein der Kerze

 

„Ich verstehe das nicht“, sagte Samuel gerade kopfschüttelnd, als er, gemeinsam mit Rebekka, an diesem Abend das leere Geschäft betrat.

„Was verstehst Du nicht?“, fragte Lilith, die diesen letzten Satz noch gehört hatte, jedoch nicht was zuvor gesprochen worden war.

„Dass die Leute ständig einkaufen rennen“, antwortete Samuel kurz und bündig.

„Ihr seid ja auch einkaufen gerannt“, meinte Ruben mit einem kurzen Seitenblick auf all die Sackerl, die Rebekka gerade abstellte, amüsiert.

„Das stimmt schon, wir waren einkaufen. Es gibt eben immer noch genug Dinge, die man kaufen muss oder glaubt kaufen zu müssen“, gab Rebekka ihm recht, „Nur sind wir nicht gerannt, sondern gegangen. Ganz normal gegangen.“

„Oder zumindest haben wir es versucht“, warf Samuel ein.

„Wieso nur versucht?“, war es nun wieder an Lilith eine Frage einzuwerfen.

„Stell Dir vor, Du bist in diesem Einkaufszentrum. Wir sind dahingegangen, weil es eben praktisch ist, dass man alles, was man braucht, gleich an einem Ort besorgen kann und nicht von Pontius zu Pilatus und wieder zurücklaufen muss“, erklärte Samuel ihre Vorgangsweise, „Aber da waren außer uns noch unglaublich viele andere Leute. Die waren natürlich total unterschiedlich, wie Menschen eben unterschiedlich sind. Doch eines gab es, soweit ich das sehen konnte, und ich habe mich intensiv umgesehen, was alle gemeinsam hatten.“

„Und was war das?“, fragte Lilith, „Komm, jetzt mach es doch nicht so spannend und lass die Kunstpausen aus.“

„Ich wollte nur ganz sicher gehen, dass ihr mir eh zuhört“, entgegnete er, mit diesem schelmischen, jungenhaften Lächeln, „Sie waren alle grantig.“

„Und da heißt es immer, Shoppen gehen ist so lustig, und entspannt, und ist überhaupt so eine coole, tolle Freizeitbeschäftigung“, warf Rebekka ein, „Aber warum sind dann immer alles so verbissen und grantig. Warum müssen sie stoßen und rempeln, immer in der Angst zu kurz zu kommen oder zwei Minuten später dranzukommen, als ihnen ihrer Meinung nach zustünde.“

„Es war ein schrecklicher Tumult. Ich konnte es kaum erwarten, dass wir wieder gehen können“, erklärte Rebekka.

„Aber woher kommen all die Aggressionen? Warum sind die Menschen so übel gelaunt, zu einer Zeit, wo sie sich doch eigentlich freuen und anderen Freude bringen sollten“, meinte Samuel, „Stattdessen bringen sie nur Unfriede und Zwist untereinander. Insofern wundert es mich eigentlich gar nicht mehr, dass die Menschen sich nur mehr darauf freuen, wenn Weihnachten endlich vorbei wäre. Aber wie kann das passieren? Oder warum passiert es jedes Jahr, immer aufs Neue, auch wenn man es eigentlich besser wissen müsste? Warum ist es so schwer etwas daran zu ändern, und es so zu gestalten, dass es wirklich Freude und nicht Frust bedeutet?“

 

Wie weit musste man mit seinen Gedanken zurückgehen, um eine Weihnachtszeit wiederzufinden, die Freude bedeutete? War es wirklich so, dass es das zuletzt in Kindertagen gab. Wo genau auf dem Weg haben wir die Unbeschwertheit reiner Freude verloren? Wo haben wir verlernt zu sehen?

 

„Und mitten in diesem Tumult, in dem man bloß noch weitergeschoben wird und nicht mehr selbst geht, musste ich mich plötzlich einbremsen“, erzählte nun Rebekka, „Ich hätte sonst ein kleines Kind über den Haufen gelaufen.“

„Das war ein Durcheinander“, bestätigte Samuel, „Die Leute begannen lauthals zu schimpfen, weil es plötzlich nicht weiterging, weil da plötzlich ein Hindernis war, das da nicht hingehörte, und das auch nicht den Anschein machte sich zu entfernen, sondern einfach den Weg versperrte. Und Du hast überhaupt nicht reagiert. So blieb ich auch stehen.“

„Kurz habe ich mich auch geärgert“, gab Rebekka zu, „Und ich war auch schon drauf und dran irgendetwas Abfälliges zu sagen, um meinen Ärger abzureagieren. Aber noch bevor ich das tun konnte, sah ich mir das kleine Kind an, dass da mitten in diesem Trubel stehengeblieben war, mitten in dem Wirbel, und den Anschein machte, als würde es überhaupt nichts davon mitbekommen, als wäre es inmitten der schönsten Landschaft oder sonst irgendetwas. Und ich sah das Gesicht dieses Kindes. Es war reinste Freude. Dieses Funkeln in den Augen und das Lachen. Aber worüber konnte man sich inmitten dieses Treibens so freuen, dass man alles rundherum vergaß.“

„Ja, das fragte ich mich auch“, ergänzte Samuel, „Dabei war es doch so einfach zu entdecken. Ich folgte dem Blick des Kleinen wie einem Wegweiser. Er führte mich zu den vielen bunten Lichtern, mit denen das Einkaufszentrum dekoriert war, den Lichtern und Engeln und Weihnachtskugeln und allem möglichen anderen Firlefanz. Ich hatte es bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht gemerkt, dass die Dekoration überhaupt da war. Und da war so ein kleines Menschenkind, das mich darauf aufmerksam machte, ein kleines Menschenkind, das mich sehen lehrte, was ich zu sehen verlernt hatte.“

„Und das uns teilhaben ließ an einer Freude, die wir schon längst verloren hatten“, ergänzte Rebekka, „Es war wirklich ansteckend. Und so standen wir dort. Wir taten tatsächlich nichts Anderes als dort zu stehen und zu schauen. Auch andere blieben stehen, der ein oder andere. Viele waren es nicht, aber immerhin ein paar. Die anderen hasteten weiter. Es ist eben so. Manche können das Sehen wiederfinden und andere nicht.“

 

„Und die Freude kam mit dem Innehalten. Die Freude kam mit dem Vergessen“, sagte Lilith nachdenklich, „Vergessen auf den Trubel um Euch, vergessen auf das, was ihr eigentlich tun wolltet, vergessen auf die Zukunft, um im wahrsten Sinne des Wortes zur Besinnung zu kommen.“

„Besinnlichkeit als Moment, in dem man ist und zulässt in ihm zu verweilen. Besinnlichkeit als ein Besinnen auf das Hier und Jetzt, in dem man steht, zur Ruhe zu kommen“, meinte Ruben, „Und indem wir das tun, beschenken wir uns selbst mit dem Moment, in dem wir gerade sind. Das Geschenk, das uns das Leben in jedem Moment eröffnet, und das wir doch so oft zurückweisen, so oft, dass wir irgendwann nicht mehr wissen, wie das mit dem Annehmen überhaupt geht.“

„Wir brauchen die kleinen Kinder um uns darauf aufmerksam zu machen wie einfach es sein kann. Ganz einfach einfach“, meinte Rebekka.

„Und das Einfachste scheint oft das Schwerste zu sein“, sagte Samuel, „Als wenn wir der Einfachheit misstrauen würden.“

„Warum lassen wir dann nicht die ganze Schenkerei an Dingen sein und schenken uns dafür die Besinnung auf den Moment, in dem wir zusammen sind, den Moment der Besinnlichkeit, Besinnung auf die Freude und die Ruhe des Hier- und Jetzt-seins.“

 

Und weil es nichts gab, was dagegen sprach, schenkten sie sich an diesem Abend, in diesem Miteinander Besinnlichkeit und Ruhe, Besinnung auf die Freude und die Wärme im Miteinander, während auf dem Tisch eine Kerze brannte, still und sacht und warm.

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