Die Reisende (2)

Die Reisende (2) – Alle Geschichten

Eine Frau lief zu der Reisenden, die immer noch an der Bushaltestelle saß und darauf wartete, dass ein Gefährt kam, das sie woanders hinbringen sollte.
„Du hast noch nichts gefrühstückt“, sagte die Frau zu der Reisenden. Die Frau vermietete Zimmer. Auch die Reisende hatte dort gewohnt, eine Zeitlang. „Ich habe Dir etwas gebracht“, erklärte die Frau und meinte damit ihr Kommen. Denn man muss einen Grund haben, auch dafür. Sie reichte der Reisenden eine Schüssel. Dankbar wurde sie angenommen, denn die Reisende hatte Hunger. Die Frau, die die Zimmer vermietete, setzte sich neben die Reisende, die schweigend aß. Dann bedankte sie sich. Es hatte gutgetan und sie gestärkt.

„Danke, dass Du an mich gedacht hast. Ich habe mich in Deinem Haus sehr wohl gefühlt, mit Dir sehr wohl gefühlt“, sagte die Reisende.
„Aber warum bleibst Du dann nicht?“, fragte die Frau, die das Zimmer noch freigehalten hatte oder einfach keinen Menschen gefunden hatte, der es mietete. Leerstand ist nicht gut. Sie musste von den Einnahmen ihr Leben bestreiten, seit sie Witwe war. In diesem Land gab es nicht viele Möglichkeiten für Frauen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. „Es ist hier so gut wie anderswo“, setzte die Frau mit den Zimmern, die die Reisende schlicht die Vermieterin nannte, hinzu.
„Das kann gut sein“, gab ihr die Reisende verhalten recht, „Es ist aber nicht der Ort, sondern die Personen, denen ich begegne, die Verbundenheit mit ihnen, so wie mit Dir.“
„Dann bleib doch“, bat die Vermieterin, „Und vor allem, möchtest Du nicht komfortabler reisen? Der Bus ist so unbequem. Warum fliegst Du nicht?“

Es ginge, komfortabler zu reisen. Menschen wollen reisen und es bequem haben. Am besten wie in ihrem Wohnzimmer. Ebenso abgeschottet wie in ihrem Wohnzimmer. Die Verbundenheit nicht zuzulassen. Sie wollen für sich bleiben. Mit Komfort erkauft man sich Platz. Umso mehr man zahlt, desto mehr Platz erhält man. Es ist die Währung unserer Zeit, das Statussymbol unserer Zeit. Wenn schon Zug, dann erste Klasse. Da ist mehr Abstand zwischen dem Nebenmenschen und mir. Im Flugzeug die Businessklasse. Besonders Betuchte fliegen im Privatjet. Sie eignen sich den Raum an, als hätten sie ein Recht darauf. Beim Wohnen. Beim Reisen. Beim Bleiben. Sie mieten eine Suite im Hotel, essen am Zimmer, verkehren in Clubs, nur mit ihresgleichen, wenn Verkehr mit Menschen schon sein muss. Doch das auch nur, wenn sie sich von diesem etwas erhoffen, einen Mehrwert. Denn man muss auch seine Zeit investieren, lukrativ investieren. Lukrativ bedeutet, dass es finanziell vorteilhaft ist. Sonst ist die Luft, die man zum Sprechen einsetzt, schlecht angelegt. Zeit ist kostbar. Es muss sich lohnen. Muss. Muss. Muss. Sie müssen immer. Bei allem, was sie tun, müssen sie überlegen, wie sie es tun. Richtig. Für das Prestige. Für den Erfolg. Für die Zukunft. Immer müssen sie und trotz all dieser Zwänge, meinen sie, frei zu sein.

Die Reisende will Verbundenheit. Sie reist preiswert. Mit den anderen Menschen, die auch nicht ständig müssen. Das Reisen mit dem Bus ist langsam, aber dem menschlichen Rhythmus angepasst. Sie sieht aus dem Fenster. Landschaften ziehen daran vorbei und Leben findet statt, erkennbar. Der Blick geht nach außen. Vielleicht kommt man nicht weit, aber das tut nichts zur Sachen, wenn es um das Reisen an sich geht und nicht das Hetzen von einem Ort an einen anderen. Die Reisende denkt an die Geschäftsfrau. Die hat ihr erzählt, dass sie ständig unterwegs ist. In der Früh setzt sie sich ins Flugzeug, um zu einer Konferenz zu gelangen oder einer Messe. Sehr früh. Dann ist sie den ganzen Tag dort. Alles, was sie sieht, ist die Autobahn, wenn sie mit ihrem Fahrzeug zum Flughafen hetzt. Manchmal zahlt sie Strafe. Das nimmt sie in Kauf. Es ist noch dunkel, wenn sie den Terminal betritt. Während sie wartet, kümmert sie sich um ihre Mails. Sie kommt an und steigt in ein Taxi. Auf dem Weg liest sie die Zeitung. Den ganzen Tag befindet sie sich in den Räumlichkeiten, wo das stattfindet, dessentwegen sie hinflog. Am Abend bringt sie ein Taxi zum Flughafen. Bald ist sie zu Hause. Wo sie war? Es spielt keine Rolle. Sie hat nichts davon gesehen, aber es nützt ihrem Erfolg. Die Reisende sieht, was die Geschäftsfrau nicht sieht. Wer ist erfolgreicher? Wer hat den eigentlichen Luxus ein Leben zu leben, lebendig und zugewandt?

Und da denkt die Reisende an den Freund. Wo er sich wohl gerade aufhält, geht es ihr durch den Kopf. Irgendwo dort draußen. Sie lächelt. Dennoch ist sein Reisen anders als ihres und natürlich anders als das Geschäftsfrau. Doch inwiefern?

Du willst wissen, wie es weitergeht? Der dritte Teil erscheint am 07. November. Sei dabei.

Noch mehr Lesestoff:

Kommentar verfassen