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Life is too short for boring stories

„Woran denkst Du?“, fragte mich Maria, da sie mir eine Tasse Tee reichte und sich mit ihrer zu mir vor den Kamin setzte.

„Wie kann man tatsächlich Weihnachten feiern, das Fest des Lebens für alle, in dem noch dazu eine Frau im Mittelpunkt steht und ihr gleichzeitig sagen, sie sei nichts wert?“, fasste ich meine Gedanken zusammen, „Wie kann man überhaupt Weihnachten feiern, wenn die Hälfte der Menschheit immer noch als eine zweiter Klasse gesehen wird und das auch noch zelebriert? Wie kann es überhaupt sein, dass man einen Menschen über den anderen stellt, aufgrund bloß zufälliger Merkmale?“

„Du weißt, dass ich mich um so etwas nie geschert habe“, meinte Maria lächelnd.

„Du, Du bist auch eine starke Frau, und Du hast es Dir auch leisten können“, warf ich ein.

„Vielleicht, aber es war ein hartes Stück Arbeit mich in diese Position zu bringen“, erwiderte sie. Still saß ich da und wartete, dass sie weitererzählte.

„Zu jener Zeit hatte ich als Frau nicht viele Möglichkeiten zu einem eigenen Einkommen zu gelangen ohne von einem Mann abhängig zu sein“, fuhr sie fort, „Ja, ich hätte mich gut verheiraten können, aber genau das wollte ich nicht. Dann wäre ich zwar eine anständige Frau, aber für den Rest meines Lebens vom Gutdünken meines Mannes abhängig gewesen. Deshalb blieb mir nur der Weg über die Dienstleistung.“

„Also warst Du tatsächlich eine Kurtisane?“, konnte ich mich nicht enthalten einzuwerfen.

„Nun, sagen wir mal so, ich habe die Männer unterhalten und mir damit mein Startkapital erarbeitet“, erklärte sie rundheraus, „Hätte ich eine andere Möglichkeit gehabt, ich hätte es anders gemacht, aber es gab keine. Eigentlich eine interessante Sachlage. Als erst wird einer Frau jeglicher Zugang verwehrt zu eigenem Geld zu kommen, nimmt man einmal die Unterwerfung aus, und selbst da ist es nicht sicher, ob der Herr Gemahl willens ist der Angetrauten Geld zu geben und sie nicht nur als billige Hure zu halten, jeglicher Zugang außer dem einen, und wenn man diesen in Anspruch nimmt, dann wird man geächtet.“

„Das ist ja der Grund. Das hält dann viele davon ab diesen Weg einzuschlagen“, gab ich zu bedenken.

„Lieber geächtet als abhängig. Zumal ich sehr schnell erkennen konnte, dass ich zwar in den Augen der Moralapostel ein schlechter Mensch war, was aber meine Geschäftspartner wenig scherte. Da zählten andere Kriterien“, meinte sie sinnend, „Und so konnte ich Jesus auch unterstützen, ihn und seine Kumpanen. Es ist ein tolles Gefühl über sich selbst und sein Leben entscheiden zu können. Dafür habe ich all die Schwierigkeiten gerne in Kauf genommen und würde es niemals anders machen.“

„Da bist Du aber eine unter wenigen“, sagte ich, während ich daran dachte wie viele Frauen es doch gab, die für Bequemlichkeit und guten Ruf gerne auf Freiheit und Selbstbestimmtheit verzichteten, um Frauchen zu sein, das zwar ab und zu muckt, damit sie sich einbilden konnte, sie hätte eine eigene Meinung, aber ansonsten die Vorzüge des abhängigen, doch sicheren Lebens zu genießen. Doch was ist schon sicher? Dafür nehmen sie es sogar in Kauf ständig betrogen und belogen zu werden. So lange sie nichts davon wissen. Und wenn sie einmal was erfahren, dann lässt sich die gute Stimmung leicht mit einem kleinen Präsent zurückkaufen, auf das alles so weitergehe wie bisher. Hauptsache anständig und moralisch integer. Und auch zu Weihnachten ist es. Die Frauen haben die ganze Arbeit und die Männer profitieren. Wie immer. Dafür wird Frau dann gelobt. Wenn sie Glück hat. Meistens wird gar nichts gesagt, oder Kritik geübt, falls irgendetwas nicht passt. D.h. wenn sie etwas gut machen ist es selbstverständlich und wenn es nicht so gut läuft, dann bekommen sie den schwarzen Peter. Wie leicht kann man es sich machen?“

„Die Frage ist doch, warum machen sie das mit“, warf nun Maria ein, „Aber ich denke, schuld an der ganzen Misere ist Deine Mutter.“ Damit wandte sie sich an Jesus, der gerade mit einer Ladung Feuerholz ins Haus kam.

„Woran ist meine Mutter schuld?“, fragte er irritiert.

„An der Unterdrückung der Frau in der Kirche“, erwiderte Maria ungeniert.

„Wie darf ich das verstehen?“, meinte er, während er das Holz neben dem Kamin aufstapelte, um sich dann zu uns zu setzen.

„Deine Mutter und ihre hehre Jungfräulichkeit“, kommentierte Maria, und man hatte den Eindruck, als würden sie sich nicht zum ersten Mal darüber unterhalten.

„Natürlich war sie eine Jungfrau, vor, während und nach der Geburt“, warf Jesus süffisant ein, „Aber im Ernst. Meine Mutter war eine tolle, wenn auch eine einfache Frau. Sie ist immer zu mir gestanden, egal was ich getan habe. Auch wenn sie es nicht immer verstanden hat …“

„Sie hat es eigentlich fast nie verstanden“, warf Maria von Magdala ein, „Erinnere Dich wie oft sie zu mir gekommen ist, damit ich erkläre, was es mit dem, was Du machst, auf sich hat.“

„Das stimmt“, gab ihr Jesus recht, „Aber trotz allem hatte sie einfach Vertrauen zu mir. Schließlich hatte sie mich großgezogen und alles getan, was sie konnte. Doch das mit der Jungfräulichkeit, das hat nie eine Rolle gespielt. Das ist im ursprünglichen Text auch gar nicht gestanden. Da war einfach von einer jungen Frau gewesen. Abgesehen davon, dass es am Kern der Sache vorbeigeht, dass nämlich Gott den Menschen ihre Entscheidung überlässt. Sie hätte auch Nein sagen können. Diese Entscheidungsfreiheit stand im Mittelpunkt. Und sollte es nach wie vor. Egal ob Mann oder Frau, unabhängig von der sozialen Schicht, jeder kann sich frei entscheiden. Doch das wurde flugs unter den Teppich gekehrt, denn freie Entscheidung klingt so schlimm wie Anarchie. Wo kämen wir dahin, wenn sich jeder frei entscheiden könnte? Jeder selbst denkt und danach handelt? Doch zum Ausgleich musste etwas anderes gefunden werden, etwas, das die Menschen vom Gedanken an jene Freiheit ablenkt und auf etwas anderes fokussiert. Deshalb wurde aus der jungen Frau flugs eine Jungfrau gemacht. Damit wurden – ganz nebenbei – gleich zwei Fliegen mit einem Schlag erledigt, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Ablenkung klappte und plötzlich war eine gute Frau, eine die keine sexuellen Bedürfnisse hat. Dieses Idealbild der Frau, die nichts kennt als die Aufopferung für andere, ohne dass sie selbst Wünsche äußert, sondern nur darauf wartet, dass die anderen, also die Männer, sie ihr gegenüber äußern, damit sie sie so rasch wie möglich und ohne darüber nachzudenken erfüllen konnte, wurde zum Idealbild der Frau stilisiert. Damit haderten und hadern die Frauen bis heute. Das wurde und wird ihnen bis heute unter die Nase gerieben. Es ist so widerlich, denn damit wird nichts weiter veranstaltet, als die Herrschaft des Mannes so gut und umfangreich wie möglich zu zementieren. Damit wurde jede Lebensfreude aus der Kirche, aus dem Leben verbannt. Keine Frau, die Kinder bekommt kann diesem Ideal entsprechen. Sie wird immer minderwertig sein. Seltsam nur, dass das von den Männern nicht verlangt wird. Womit sich gleich der nächste Hintergedanke offenlegt. Es geht um die Herrschaft, die Herrschaft über den Nachwuchs. Es ist alles ein reines Politikum, wie so oft. Meine Mutter wurde und wird dafür instrumentalisiert. Sie hat es oft genug gesagt, aber es wurde totgeschwiegen. Wie so vieles andere auch. Flugs wurde sie zur Heiligen erklärt, und damit war alles gut. Nur zugehört hat ihr niemand.“

„Das stimmt nicht“, mischte sich nun Maria wieder ins Gespräch ein, „Ich habe ihr immer zugehört. Und alle, die sie gut kannten. Nur genützt hat es nichts. Die offizielle Stellungnahme sollte anders aussehen. Und bis sie zu Papier gebracht wurde, waren wir schon lange tot. Das war sehr schlau eingefädelt. Da war dann keiner mehr, der da etwas daran aussetzen konnte, keiner, der es richtig zu stellen vermochte.“

„Könnte man sich liebloser verhalten?“, fragte ich, mitten hinein in die noch immerwährende Verbitterung.

„Nein, nirgends konnte man weiter von der Liebe entfernt sein, als dort, wo man einen Teil der Menschheit unter Kuratel und Aufsicht und Zwang stellt“, erklärte Jesus, „Nirgends konnte man mehr von dem entfernt sein, was ich den Menschen nahebringen wollte. Aber was hat meine Botschaft schon mit der Christlichen zu tun?“

„Missbraucht und verraten. Das ist es, was Menschen daraus machen“, sagte ich sinnend, und wieder fühlte ich mich einen Schritt weiter vom Sinn der Weihnacht entfernt. Aber noch wollte ich nicht aufgeben. Vielleicht würde ich doch noch einen Weg zurückfinden, an diesem zweiten Tag im Advent. Unaufhaltsam kam der Tag des Festes näher. Würde ich noch etwas finden, das Weihnachten und seine Sinnhaftigkeit retten würde? Und weil es ausnahmsweise nicht regnete, bestiegen wir einen der Gipfel der Wicklow Mountains. Weit und offen lag das Land um uns, friedlich und ruhig. Vielleicht war es das. Es war auf jeden Fall ein Moment des Durchatmens.

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