Margarete hält Totenwache. Ein wunderbares Lebewesen, das noch so jung war, war gestorben. Hätte es sich um einen Menschen gehandelt, so wäre es ein Kind gewesen, das da tot vor ihr lag. Im Vergleich. Nein, man darf keine Vergleiche machen, wenn es um den Tod geht. Auch nicht, wenn es um das Leben geht. Man darf niemals vergleichen, Menschen und Tiere. Dabei sind Menschen auch Tiere. So hatte es Margarete gelernt. In Biologie. Doch was hat die Lehre vom Leben schon mit dem echten Leben zu tun? Immer wieder war man ihr über den Mund gefahren, wenn sie wissen wollte, warum man so viel Aufhebens macht beim Tod eines Menschen, aber die Tiere werden einfach auf die Wiese geschmissen. Totenwachen hält man bei Menschen, nicht bei Tieren. So war ihr immer wieder eingebläut worden. Sie dachte auch, sie wollte sich daranhalten, doch heute morgen, da konnte sie nicht anders.
Ihr Weg zur Schule führte an einem Stall vorbei. Es stank immer schrecklich dort, aber mehr wusste sie nicht davon. Doch an diesem Morgen kurz nach sieben, da fuhr sie nicht einfach vorbei, wie an allen anderen Tagen, sondern sie hielt an, denn da lag etwas in der Wiese, das gestern noch nicht dort gewesen war. Sie stieg von ihrem Rad ab und stellte es zur Seite. Dann ging sie zu dem, was da in der Wiese lag, wie Abfall. Endlich erkannte sie es, als das, was es war. Eine Leiche, eine Tote, die man da einfach in die Wiese geschmissen hatte. Sachte berührte Margarete die rosa Haut, die sich nun kalt anfühlte. Bis vor Kurzem war noch Leben in diesem Körper gewesen, doch das war weg. Es hätte glücklich sein können, doch es durfte nicht. Es war gestorben. Nun wirkte es, als hätte es Ruhe gefunden. Der Schmerz war zu Ende. Die vielen Blessuren, die der leblose Körper aufwies, die große Wunde an der Stelle, an der der Schwanz gewesen war, sprachen dafür, dass es gelitten hatte. Jetzt war sie tot, diese Kreatur, die in Margaretes Augen genauso viel Anrecht zu leben gehabt hätte, wie jedes andere Lebewesen. Sie unterschied nicht, denn im Leben sind wir alle gleich, aber noch mehr im Tod. Dennoch werden die verschiedenen Kreaturen im Leben unterschiedlich behandelt. Noch mehr im Tod. Pietätlos würde man es bei einem Menschen nennen, wenn er einfach hinausgeworfen werden würde, nachdem er starb. Achselzuckend nahm man es hin, wenn es mit einem Wesen geschah, das zu nichts mehr nütze war, war es einmal gestorben, ganz von sich aus und nicht im Schlachthof, wenn man sein Fleisch nicht mehr essen konnte oder was man sonst noch so mit diesem Geschöpf machte.
Margarete setzte sich neben dem Schwein in die Wiese und hielt Wache bei der Toten. Wenn ihr zu Lebzeiten schon nichts Gutes widerfahren war, so zumindest im Tod. Vielleicht war er auch eine Erlösung gewesen, eine Erlösung aus einem Leben voller Schmerz, Enge, Leid, Angst und Misshandlung. Es war ein Trost. Das Sterben war selbstbestimmt. Es war das Einzige. Ein Trost, aber nur ein kleiner. Unwillkürlich dachte Margarete an die Milliarden Geschöpfe, die ständig eingesperrt, gefolterte, geknechtet, misshandelt und ermordet wurden. Es gab für keines dieser Lebewesen eine Totenwache. Denn der Körper durfte nicht einfach tot sein, denn sonst wäre der ganze Aufwand umsonst gewesen, nein, er wurde sofort verarbeitet. Es gab vom Moment der Geburt bis zu dem, da es auf dem Teller lag, nichts, was ein Leben genannt werden könnte. Doch zumindest dieses eine Geschöpf wollte Margarete herausheben aus den Milliarden an ungesehenen und unbedachten, indem sie an dieses dachte, bei ihm war, in diesen Morgenstunden. Bis zum Abend hielt sie diese Totenwache und ließ sich von den Vorbeikommenden nicht beirren, die sie verscheuchen wollten. Sie wurde verlacht, verhöhnt und bedroht. Doch Margarete ließ sich nicht davon abbringen. Erst, als der Lastwagen der Tierkörperverwertung kam, das tote Tier achtlos mit dem Fleischerhaken einlud und davonfuhr, erst da ging sie. Zu Hause zündete sie eine Kerze an für das tote Schwein, für das sie die Totenwache gehalten hatte. Margarete hatte erkannt, was vielen verwehrt ist, dass niemand das Recht hat ein Lebewesen zur Befriedigung seiner niedrigen Bedürfnisse zu ermorden. Mehr noch, niemand hat das Recht, jemand anderen zu besitzen. Und so würde ihre Totenwache erst enden, wenn der Mensch sich darauf besinnt und niemanden mehr ausbeutet.

