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Life is too short for boring stories

„Die Liebe und das Leben in seiner Verbundenheit“, es ließ mich nicht los, der Gedanke an diese allumfassende Kraft, die sein kann, die jede*r in sich trägt und die nur freigelassen werden muss. Wie die Büchse der Pandora. Man weiß, dass sie da ist, aber man wagt nicht sie zu öffnen, weil man nicht weiß was in ihr steckt. Es kann die Erfüllung sein. Oder das Verderben. Deshalb belässt man sie lieber geschlossen. Bleibt in der Apathie und der Trostlosigkeit der Mittelmäßigkeit und des Mitläufertums, der Behäbigkeit und der Ordnung. Chaos war zu Anfang. Das musste weg. Alles musste katalogisiert werden. Und um es katalogisieren zu können, musste man allem einen Namen geben. Die Eindeutigkeit, die Eindimensionalität auf alles anwendend, was man vorfand, um es damit zum Eigentum zu machen oder zumindest der Kontrolle zu unterwerfen. Der des Menschen. Zu sagen, was gut und böse, richtig und falsch ist. Als wäre er selbst der Schöpfer. Dabei ist er nicht einmal Verwalter. Bestenfalls Mitgeschöpf. Doch er machte sich dazu, einerlei, was er in Wirklichkeit war. Er spielte und spielt sich auf, als Herr über Leben und Tod, als wenn er höchstselbst das Leben erfunden hätte. Dabei war er derjenige, der diesem Leben bei der ersten sich bietenden Gelegenheit den Atem abschnürte. Vegetieren trat an seine Stelle. Da war er sichs zufrieden. ‚Er sah auf sein Werk und sah, dass es gut war‘, meinte der Mensch und schrieb es auch flugs nieder ‚Gott sah auf sein Werk und sah, dass es gut war‘. So einfach und so tragisch.

„Die Anarchie der Liebe und des Lebens in seiner umfassenden Verbundenheit“, ging es mir durch den Kopf, in der Nacht, am nächsten Morgen, während des Tages, „Anarchie. Ein Wort, bei dem sich jedem aufrechten Bürger die Haare aufstellen. Anarchie ist Herrschaftslosigkeit. Wie kann das gehen? Niemand, der die Herrschaft hat, bedeutet, dass mir niemand sagt, wo es langgeht und was ich zu tun habe. Das kann nicht sein. Ich weiß nicht was ich tun soll, wenn es mir keiner sagt. Mehr noch, ich weiß nicht, was ich tun darf, wenn es mir keiner sagt. Anarchie. Kein Oben und kein Unten. So schrieb Paulus. Es gibt kein Oben und kein Unten mehr, weder Frau noch Mann, weder Herr noch Sklaven. Jesus predigte die Anarchie. Die Herrschaftslosigkeit. Die Gleichstellung aller Menschen. Auch von Mann und Frau. Auch von allen Mitgeschöpfen. Es steht da. Interessant, dass es dasteht und es dennoch keiner ernst nimmt. Interessant, dass man es stehen gelassen hat, aber offenbar war man sich so sicher, dass man es nicht ernst nimmt, dass man es nicht streichen musste. Eigentlich eine Herausforderung jegliche Hierarchie zu stürzen. Auch die in der Kirche, nicht nur im Staat. Es steht da, und dennoch geschieht nichts. Eindeutiger kann man es kaum mehr sagen. Und wenn solch eine grundlegende Botschaft nicht umgesetzt wird, wie soll es die dann von Weihnachten, an dem uns das Leben selbst geschenkt wurde. Herausforderung die Anarchie als Verbundenheit von Liebe und Leben, von Leben und Liebe zu verwirklichen.“

 

„Jesus, Du bist Anarchist“, stellte ich fest.

„Ja natürlich, aber das ist nun wirklich kein Geheimnis“, erwiderte er, „Dass es nicht ernstgenommen wird, ist wieder eine andere Geschichte.“

„Und obwohl es nach wie vor so viele Menschen auf der Welt gibt, die sich Christen nennen, gibt es kaum jemanden, der das ernst nimmt“, sagte ich.

„Was haben die Christen mit der christlichen Botschaft zu tun?“, fragte Jesus, süffisant, und wohl auch ein klein wenig verbittert, wie mir vorkam, „Ich bin zwar zur Gallionsfigur geworden, aber das ist schon alles. Verbrechen gegen das Leben werden in meinem Namen begangen. Unterdrückung, Leid, Elend, alles in Berufung auf mich. Doch vor allem, und das schmerzt mich am meisten, weil es der Grund und Ausgangspunkt allen Übels ist, trauen sich die Menschen nicht zu, das Leben zu verstehen. Seit Lilith nicht mehr da ist. Seit sie die Verkörperung der Liebe vertrieben haben. Nicht nur aus ihren Häusern, auch aus ihren Gedanken und ihren Herzen. An ihrer Stelle trat jemand, der ihnen das Leben erklärte und ihnen Anweisung gab. Einen Orientierungsrahmen nennen sie das, und merken nicht, dass dieser so zurechtgefügt wird, dass er denen entgegenkommt, die ihn machen. Und selbst wenn sie es merken, macht es ihnen nichts aus, so lange sie darinnen ein warmes Plätzchen finden, in dem sie sich mit Eifer den Dingen widmen können, die so sinnlos sind, aber dennoch dafür sorgen, dass die Zeit vergeht. Die Lebenszeit genauerhin. Ihre Lebenszeit. Sie wissen sich nicht mehr damit anzufangen. Sie wagen es nicht mehr damit anzufangen. Die pure Verschwendung.“

„Sie konsumieren, weil man ihnen gesagt hat, dass sie konsumieren sollen und dass das, was sie haben, sie charakterisiert. Es verliert sich so schnell. Dann muss mehr her. Mit dem man angeben und Neid erwecken kann. Dabei übersehen sie, dass durch das Schüren von Neid nur das Ziel verfolgt wird, dass keine Solidarität mehr möglich ist. Der andere ist immer derjenige, der mir das, was ich habe, wegnehmen will. Deshalb muss ich es beschützen, gegen den anderen, der es mir neidet. Misstrauisch beobachte ich diesen anderen. Doch wo Misstrauen herrscht, da kann es kein Miteinander geben. Und das Misstrauen besteht nicht nur gegenüber Fremden. Es ist auch zwischen Menschen, die sich angeblich nahestehen, die sich in irgendeiner Weise verbunden sind. Das Haben zerstört das Miteinander“, stellte ich nachdenklich fest.

„Sie kümmern sich um ihr Aussehen, weil man ihnen gesagt, dass sie sich um ihr Aussehen kümmern sollen. Penibel wird jede Falte, jedes graue Haar beobachtet, weil man sich um sonst nichts zu sorgen, weil man die Verantwortung für sein Leben abgegeben hat“, fuhr Maria fort, „Doch so viele Falten auch weggespritzt werden, so viel Fett abgesaugt wird, so viel Farbe über das Grau im Haar gekleistert wird und so sehr sie auch versuchen die Jugendlichkeit und Frische aufrechtzuerhalten, so werden sie doch immer verdorrt und leblos sein, denn das ist es, was sich in den Augen spiegelt und was sich nicht retuschieren lässt. Da brennt kein Feuer. Da ist keine Leidenschaft. Da ist nur Angepasstheit und Langeweile, denn man braucht sich nur an dem auszurichten, was einem gesagt wird, wie man auszusehen hat. Von Lebendigkeit ist dabei nicht die Rede. Nur die Maße, die man einzuhalten hat. Pure Verschwendung. Von Authentizität, von Lebenskraft. So viel Zeit wird investiert, auch Geld, um am Ende so auszusehen, wie alle anderen, so dass das Leben und, vor allem, die Spuren, die es hinterlässt, getilgt werden. Was bleibt sind Menschen ohne Persönlichkeit, ohne Individualität. Wie vom Fließband. Einheitsproduktion. Die Verbindung zum Leben ist gekappt. Gestraffte Wangen, die doch schlaff sind. Geglättete Falten, die doch keine Jugendlichkeit zurückgeben, weil sie nie da war. Aufgespritzte Lippen, die doch nicht dazu führen etwas zu sagen, was hörenswert ist. Dieser Norm nachzujagen, führt dazu, dass man schließlich nichts anderes macht, als ständig zu beobachten ob eh noch alles so ist wie es sein soll, ob es nicht Zeit wäre nachzubessern. Und lässt uns auf die herabsehen, die diesem Ideal nicht entsprechen, die sein wollen, wie sie sind, auch mit den Makeln, die die Lebendigkeit vorziehen.“

„Sie verursachen ständig die Ausbeutung und den Tod, weil man ihnen gesagt hat, dass es nicht anders geht“, setzte ich hinzu, „Weil die Natur eben so ist, obwohl wir nichts mehr mit der Natur zu schaffen haben wollen. Aber es ist nach wie vor eine gute Ausrede um es hinzunehmen, die Verschwendung von Leben. Doch was kann man dem entgegensetzen?“

„Die Liebe, die dem Leben verbunden ist, und das Leben, das der Liebe verbunden ist, ohne zu vereinnahmen, sondern schlicht sein lassend, ohne haben zu wollen, sondern in Freiheit zu setzen“, antwortete Jesus.

 

Die Schlichtheit seiner Antwort berührte und erschütterte mich. Es könnte tatsächlich so einfach sein. So selbstverständlich, wie eine Geburt, wie ein ins Leben-treten. In dieser Einfachheit könnte auch der Sinn von Weihnachten liegen. Nicht zu konsumieren, sondern zusammen zu sein. Nicht auf sich selbst zu sehen, sondern den anderen. Eine Geburt als Ausgangspunkt, auch eines Um- und Neudenkens, als Wendepunkt in einer Geschichte, die nicht linear verlaufen muss, als ein radikaler Bruch mit allem Bisherigen, denn den Neugeborenen tangiert das Bisherige nicht. Er ist völlige Offenheit. Das könnte der Sinn von Weihnachten sein. Doch wie gibt man ein Erkennen weiter an die, die nicht erkannt haben, die immer noch immer in der Höhle der Schatten und Illusionen festsitzen? Wie erklärt man den Toten die Lebendigkeit? Wie zeigt man den Indifferenten die Liebe?

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