Eigentlich ist ein Leichenschmaus, ein gemeinschaftliches Essen, das man genießt, wenn man eine Beerdigung mit samt all dem Brimborium, hinter sich gebracht hat. Lange genug dauert es. Erst das Rosenkranzbeten, im katholischen Bereich, dann die Messe, dann das Kondolieren, der Gang zum Grab. Der Priester spricht. Der Chor singt. Die nahen Angehörigen weinen, soweit es sich um weibliche handelt, während die männlichen tapfer ernst schauen. Der geistliche Mann – und im katholischen Bereich sind es immer Männer – hat kein Erbarmen, so geistlich er auch immer sein mag, mit seinen Schäfchen. Ob Regen, Sturm, Schnee, tropische Hitze, eisern zelebriert er das vorgegebene Ritual. Und wenn er sieht, dass manche vor Kälte zitternd von einem Bein aufs andere hüpfen, ist es, als würde er sich extra viel Zeit lassen. All das hat man zu ertragen, während man sich gebührend von der oder dem armen Verblichenen verabschiedet, denn während man sich leidend fragt, wie lange das Ganze noch dauern kann, erinnert man sich daran, dass es im Anschluss einen Leichenschmaus geben wird, zu dem man glücklicherweise sogar geladen ist. Das gehört sich nämlich auch. Und schon ist es viel leichter zu ertragen, denn irgendwann muss es zu Ende sein.
Endlich kann man die Stätte des Todes bzw. der Aufbewahrung der Toten verlassen und in das Wirtshaus einkehren. Der lange Tisch ist eingedeckt, so dass man sich einfach den nächstbesten Stuhl heranzieht und setzt. Getränke werden bestellt und aus der Karte das Essen gewählt. Bald ist auch der letzte Platz besetzt und ein Sammelsurium an Stimmen erfüllt den Raum. Wie eben Menschen sind, die mit anderen von ihrer Spezies an einem Tisch sitzen, benutzen sie ihre Fähigkeit zur Kommunikation, um keine Ruhe einkehren zu lassen. Denn man kehrt zwar ins Wirtshaus ein, aber das ist weit entfernt von jener Einkehr, die man eine innere nennt und die in einer Gaststätte nichts verloren hat. Trinken und essen auf Kosten derer, die das Begräbnis organisierten und auch den Leichenschmaus, denn warum sollte man sich das sonst antun. Bald schon hat jede einen Teller vor sich stehen. In Österreich ist es nicht schwer vorauszusehen, was darauf liegt. Schweinsbraten oder Schnitzel, Gulasch oder Rostbraten, Backhendl oder Faschierte Laibchen und zum Abschluss einen Kaiserschmarrn oder Palatschinken. Es ist die gute, österreichische Hausmannskost. Bodenständig, erdig und traditionell. Sagt man so. Dann sitzen sie alle und stopfen das Essen in sich hinein. Viel mehr als normal, denn man ist eingeladen. Man spült es mit Bier hinunter oder mit einem Spritzer. Am Schluss das Schnapserl. Der Magen ist gefüllt. Die Stimmung wird immer ausgelassener, desto mehr Alkohol konsumiert wurde. Man lacht und scherzt und freut sich des Lebens. Manch eine mag wohl denken, gut, dass die Person unter der Erde liegt und nicht ich.
Die kleine Fanny, gerade mal acht Jahre alt, die ebenfalls das Begräbnis überstanden hat und nun mit ihren Eltern an der langen Tafel sitzt. Ihre Mutter ist mit der Toten irgendwie verwandt. Deshalb sind sie da und schmausen. Fanny, die eigentlich Franziska heißt, aber nie so genannt wird, denn auch wenn man am Land viel Zeit zum Tratschen hat, so reicht diese doch fast nie dafür aus, Namen ganz auszusprechen. Sie hatte sich ihr Lieblingsessen bestellt, Nudeln in Tomatensauce, die sie auch mit Genuss verspeiste, als sie plötzlich innehielt, die Gabel zur Seite legte und ihren Blick über den Tisch wandern ließ.
„Was ist, Schatz, schmeckt es Dir nicht?“, fragte ihre Mutter, die sich sehr unwohl damit fühlte, dass ihre Tochter kein Fleisch aß, aber nicht wusste, was sie falsch gemacht hatte.
„Doch, es schmeckt sehr gut“, erklärte Fanny, „Das heißt doch Leichenschmaus hier. Stimmt doch, Mama?“
„Ja, das stimmt, meine Süße“, bestätigte die Mutter.
„Ich weiß jetzt auch, warum das so heißt“, meinte das Mädchen triumphierend.
„Und warum?“, hakte die Frau, die ihr das Leben geschenkt hatte, nach.
„Weil sie alle Leichen schmausen“, sagte Fanny, nahm ihre Gabel wieder auf und aß unbekümmert weiter.

