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Life is too short for boring stories

Martinique und Christian küssten einander. Anders konnte man es nicht sagen. Da war nicht einer, der den Impuls gab und ein anderer, der ihn annahm, sondern es war ein sich eingeben und annehmen von beiden Seiten, immerzu beginnend, immerzu endend, fließend, weil kein Ende und kein Anfang, kein Einsetzen und kein Aussetzen zu erkennen war. Sie spürten die Wärme und das Pulsieren und den Herzschlag. Eine Wärme. Ein Pulsieren. Ein Herzschlag. Entgrenzend und umfassend. Alles in einem. Eines in allem. Und das Leben war was es eben war. Oder doch ganz anders.

„Wenn ich mich auf Dich einlasse, dann soll es ganz sein“, wollte sie wohl sagen, „Mit aller Hingabe, mit aller Leidenschaft.“

„Und was man mit Leidenschaft macht, das schafft Leiden“, hätte er vielleicht geantwortet.

„Aber was bleibt vom Leben ohne Leidenschaft, ohne dieses innere Feuer, das weiter und weiter brennt, das uns antreibt, auch für das einzutreten, was uns wichtig ist?“, wäre ihre Frage, die sie stellte, indem sie sie beantwortete, weil sie die Frage und die Antwort war.

 

Aber dieser Dialog fand in dieser Form nie statt. In anderer Form sehr wohl. Unausgesprochen. Jenseits der Worte. Es war so schwer anzunehmen, und so leicht es abzustreiten. Was kann man schon auf Dinge halten, die man eben nur mal gespürt hat? Auch wenn das Spüren nicht zu leicht zu hintergehen ist wie das Sprechen. Es gilt dennoch nichts. Oder zumindest nicht viel. Es hat sich zu bescheiden. Mit dem zweiten Rang. Trotz allem. So war es ein Versprechen, doch eines, das für immer ungehört bleiben würde, weil es so nicht gesagt werden konnte. Es war einfach da. Dennoch konnten sie deren Erfüllung nicht einfordern. Sobald es notwendig war es einzufordern, war es vertan. Sie konnten sich daran halten, weil sie es sich selbst gaben. Niemandem sonst. Weil sie es von sich selbst annehmen. Von niemandem sonst. Und es war in dem Moment, in dem nichts war, außer ihm und ihr.

 

„Aber es kann nicht so sein, nicht für immer, nicht einmal für längere Zeit“, meinte er, während er sich aus ihrer Umarmung löste.

„Das ist auch gut so, dass es nicht sein kann, für längere Zeit und ein für immer wäre sowieso schlimm“, setzte sie hinzu.

„Weil es auch so vieles andere zu tun gibt und es eben getan werden muss“, sagte er, da er sie ansah.

„Und auch das ist gut so“, bestätigte sie, „Denn wenn wir dort hinausgehen und das tun, was wir zu tun haben, wenn wir die Aufgaben erfüllen, die es zu erfüllen gilt, dann kann der Moment kommen, in dem wir uns wünschen, Du und ich, dass wir wieder hier sind, in diesem Miteinander, so weit wir es wirklich hinter uns lassen.“

„Weil es sein kann, dass wir das mitnehmen, auch dort hinaus, was uns gut tut. Es ist das, was Kraft schenkt“, meinte er, „Und wenn wir uns wünschen zurückzukommen, dann können wir erzählen und uns einbringen. Selbst unseren Kummer und unseren Schmerz und unsere Frustration.“

„Alles das, und noch viel mehr“, sagte sie, „Teilhaben lassen und Teil sein. Ein Ort, an dem man zurückkehrt und so etwas wie Heimat findet oder zumindest einmal eine Aussicht darauf.“

„Warum plötzlich so vorsichtig, so abwägend?“, fragte er unvermittelt.

„Weil ich Dich nicht vereinnahmen möchte“, erwiderte sie. Und er verstand.

 

Das Verstehen ist der Anfang, ein erster Schritt auf einander zu. Woher kam es, dass es ihnen vorkam, als wären sie sich schon viel vertrauter, als es eigentlich sein konnte? Sein durfte. Oder war es nur Einbildung, ein Trugschluss, weil man doch nur allzu gerne sieht, was man sehen will. Oder konnte es sein? Nachdenklich sah er sie an. Vielleicht konnte es ja doch sein. Es war Zeit sich zu trennen. Für eine Weile oder für länger. Wer konnte das schon so genau sagen, vor allem jetzt?

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