Am Rande der Gesellschaft (3)

Am Rande der Gesellschaft (3) – Alle Geschichten

„Herein“, sagte Mirjam automatisch, woraufhin energisch die Tür aufgestoßen wurde und Dr. Augustin Vonweiler hereinfuhr. Auf dem Fuß folgten ihm Sara Stern und Mathilde Frauenschuh. Sie nahmen am Tisch Platz, zumindest die Damen und Mirjam stand auf, um ihnen Tee einzuschenken und zu reichen. „Ob sie Bescheid wussten?“, dachte sie noch, „Und wenn ja, wie viel wissen?“ Als sie nun um den Tisch versammelt waren, jede eine Tasse Tee vor sich, sah Mirjam sie erwartungsvoll an.
„Mirjam, ist es wahr, dass Du uns verlässt?“, fragte nun Sara Stern geraude heraus.
„Lässt Du uns im Stich?“, präzisierte Mathilde Frauenschuh die Frage.
„Was wahr ist, ich bin gekündigt worden und verlasse Sie Ende des Monats“, gab Mirjam offen zu.
„Aber mit welcher Begründung?“, hakte Dr. Augustin Vonweiler nach.

„Es gibt angeblich nicht genug Arbeit. Ich bin, meint zumindest der Chef, überflüssig“, gestand Mirjam ein.
„Ich verstehe, so wie bei mir damals, oder zumindest so ähnlich. Du tust das, was Du sollst, den Bewohner*innen hier helfen“, erklärte der ehemalige Arzt.
„Und außerdem verlieren wir die Wohnung, Sybille und ich, auch mit Ende des Monats. Ich werde also ohne Arbeit und ohne Wohnung dastehen“, fasste Mirjam ihre Situation zusammen. Plötzlich merkte sie, wie ihr Tränen über die Wangen liefen. Das durfte nicht wahr sein, sie konnte doch nicht hier vor diesen Menschen zum Heulen anfangen, wie peinlich war das denn. Energisch wischte sie sich die Tränen weg und versuchte sich an einem Lächeln, das sich verbreiterte, als ihr der Vierkanthof wieder einfiel, den sie gesehen hatte.
„Was ist mit Dir?“, fragte Sara, die sofort merkte, dass da noch mehr war.
„Ach nichts“, entgegnete Mirjam resigniert, die genau wusste, dass es doch nur ein Hirngespinst war, dieser Traum von einem Heim für all jene, die die Gesellschaft nicht brauchen konnte.
„Erzähl es trotzdem, ich würde es gerne hören, dieses Nichts“, forderte Sara sie auf. Und Mirjam gab wieder, was sie sich gedacht hatte.
„Vielleicht war es einfach nur der schöne Tag, die Illusion, etwas zu schaffen und eine Möglichkeit zu haben“, schloss Mirjam ihren Bericht ab.
„Wo ist dieser Hof?“, fragte nun Augustin, der sehr genau zugehört hatte, woraufhin Mirjam es ihm erklärte.
„Vielleicht gibt es doch eine Möglichkeit“, meinte Augustin, „Ich weiß, wem der Hof gehört, mehr noch, ich kenne die ganze Familie. Sie waren Patient*innen bei mir. Jedenfalls hat der Hof der Familie Wegerich gehört. Die Tochter Sieglinde heiratete den Sohn des Nachbarhofes Friedrich Zieher. Wie es der Brauch ist zog Sieglinde zu ihrem Mann. Mittlerweile haben sie zwei Kinder und den Betrieb gut in Schuss. Sieglindes Eltern starben kurz darauf bei einem Autounfall und als die einzige Tochter erbte sie natürlich den Hof. Beide zu bewirtschaften war offenbar zu viel. Wisst ihr was, ich fahre hin oder besser, Du fährst mich hin und wir fragen, ob wir den Hof haben dürfen.“
„Das ist aber nicht Dein Ernst“, entfuhr es Mirjam unwillkürlich.
„Warum nicht?“, fragte Augustin amüsiert, „Nur wer fragt, kann eine Antwort bekommen.“
„Gut, dann fahren wir morgen hin, gleich nach dem Frühstück, wenn Deine Schicht zu Ende ist“, sagte Mathilde, als wäre es beschlossene Sache. Und Mirjam fügte sich. Die ganze restliche Nacht dachte sie darüber nach, was es denn für eine Möglichkeit geben könnte. Man gibt ja schließlich nicht einfach einen Hof an irgendjemanden, selbst wenn es nur zur Nutzung ist. Und wenn, dann wäre die Miete wohl so hoch, dass sie es sich nicht leisten könnten. Doch Augustin hatte so zuversichtlich gewirkt, dass Mirjam letztendlich beschloss, sich schlicht darauf einzulassen, zu sehen was passieren würde. Und so saßen sie gegen neun im Auto und fuhren zum Hof der Familie Zieher. Es war ein sonniger Maimorgen, vielleicht noch schöner, als jener, an dem Mirjam hier spazieren gegangen war. An diesem war ihr Herz schwer und alles schien verloren. Nun verspürte sie so etwas wie Zuversicht. Und selbst, wenn es nicht klappen sollte, so hatte sie zumindest Mitstreiter. Das schenkte ihr Mut. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie den Hof betraten. Warum nur, war sie so aufgeregt? Ein junger Mann kam ihnen entgegen und begrüßte mit großer Herzlichkeit den ehemaligen Hausarzt seiner Familie, bevor ihm die anderen vorgestellt wurden.
„So, Augustin, was bringt Euch hierher? Kann ich was für Euch tun?“, fragte Friedrich Zieher.
„Ich denke, das kannst Du“, erwiderte Augustin mit einem schelmischen Lächeln.

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