Am Rande der Gesellschaft (4)

Am Rande der Gesellschaft (4) – Alle Geschichten

„Der Hof, der neben Eurem liegt, der gehört doch auch Euch?“, wollte sich Augustin vergewissern.
„Nun ja, eigentlich gehört er meiner Frau“, gestand Friedrich, „Sie hat ihn geerbt, als ihre Eltern so unerwartet starben, bei diesem schrecklichen Unfall. Bis dahin hatten sie ihn bewirtschaftet, mit einem großen Gemüsegarten und etlichen Obstbäumen. Zu der Zeit war ich bereits mit Sieglinde verheiratet und wir hatten alle Hände voll zu tun mit diesem Hof. Wir hatten also keine Möglichkeit ihn mit zu bewirtschaften. Leider. Deshalb verfällt er langsam. Da würde so viel gemacht gehören.“
„Und da kommt mein Anliegen ins Spiel“, erklärte Augustin, „Du hast einen Hof, der bewirtschaftet gehört, wir haben Menschen, die das könnten, aber keine Bleibe haben. Wenn wir nun den Hof übernähmen, uns im Gegenzug bereit erklärten ihn herzurichten und zu bewirtschaften, wäre uns allen geholfen.“
„Entschuldige, aber ein Haufen alte Menschen und ich denke, Du wirst nicht so anpacken können“, erwiderte Friedrich.

„Das stimmt schon, aber wir haben vor, dass auch junge Familien einziehen. Wir schauen auf die Kinder, die Eltern können arbeiten, auch am Hof und wir Alten schauen auf die Kinder. Auch auf den Gemüsegarten. Uns schwebt so eine Alt-Jung-Tier-Pension vor“, erklärte Augustin, „Was hältst Du von der Idee?“
„Ich bin sehr skeptisch“, gab Friedrich zu, als er plötzlich eine vertraute Stimme hinter sich vernahm, die seiner Frau Sieglinde.
„Hör mal Friedrich, vielleicht ist Deine Skepsis berechtigt, aber ich kann mir das sehr gut vorstellen. Ich könnte vielleicht auch ab und zu unsere Kinder bringen, wenn es gerade drunter und drüber geht mit der Arbeit und sie würden Spielkamerad*innen haben. Und was das Herrichten betrifft, es kann ja wohl kaum schlimmer werden, als es bereits ist. Oder? Magst Du ihnen nicht wenigstens eine Chance geben“, wandte Sieglinde ein.
„Das stimmt natürlich alles“, erklärte Friedrich, „Außerdem ist es ja Dein Hof. Du kannst das entscheiden.“
„Aber ich möchte, dass Du auch einverstanden bist“, meinte Sieglinde resolut.
„Gut, dann zeigt mal, was ihr könnt“, sagte Friedrich.
„Hier sind die Schlüssel“, wandte sich Sieglinde an Augustin, wobei sich Friedrich fragte, wie sie sich seines Einverständnisses so sicher sein konnte, dass sie sogar die Schlüssel bereits griffbereit hatte, aber er sagte nichts, denn umso länger er darüber nachdachte, desto besser gefiel auch ihm die Idee.

Einige Tage später konnte man bereits reges Treiben auf dem ehemaligen Wegerich-Hof beobachten. „Der Hof besteht aus einer großen Küche mit einem Esstisch, einem Wohnzimmer, also einem Gemeinschaftsaufenthaltsraum. Darüber hinaus könnten wir die anderen Räume so gestalten, dass sie in acht Wohnungen geteilt werden, je nach Bedarf, größer oder kleiner. Dann ist da noch zwei Ställe, ein großer und ein kleiner. Außerdem ein Raum für Geräte und Werkzeug“, fasste Mirjam zusammen, „Alles scheint so weit in Ordnung zu sein, also Strom- und Wasserleitungen und das alles. Eigentlich müssen wir fast nur ein wenig umbauen und zusammenräumen.“
„Wir brauchen vier Wohnungen, für Sara, Mathilde und mich jeweils eine und eine etwas größere für Dich und Sybille“, merkte nun Augustin an.

Von nun an, arbeiteten sie an ihrem neuen Heim, so weit es ihre Zeit erlaubte. Inzwischen waren auch zwei weitere Familien zu ihnen gestoßen, Dr. Sabine Stransky, die Tochter von Dr. Augustin Vonweiler mit ihrem Mann und den drei Kindern, Abel, Bruno und Cäsar, die sofort Feuer und Flamme waren, so viel Möglichkeiten zum Spielen, wie es hier gab. Des Weiteren bereitete Lilith Brokal, die Tochter von Sara Stern ein Einzug mit ihrer Familie, ihrem Mann Markus und ihrem Sohn Raphael, vor. Damit waren bereits sechs Wohnungen vergeben. Was ihnen sehr zu Gute kam, denn Raphael Brokal, Lilith Brokals Mann, war Handwerker von Profession und aus Leidenschaft, während Lilith Köchin war. Im Nu hatte sie die Agenden in der Küche an sich gerissen und versorgte die fleißigen Arbeiter*innen mit den köstlichsten Genüssen. Bei so vielen helfenden Händen hatten sie den Hof innerhalb von wenigen Wochen derart in Stand gesetzt, dass sie einziehen konnten.
„Morgen ist es soweit“, erklärte Mirjam, als sie sich an diesem Abend voneinander verabschiedeten, „Morgen werden wir hier die erste Nacht verbringen und hoffentlich noch viele weitere.“ Voller Zuversicht und Freude verließen sie den Hof, um am nächsten Morgen wiederzukommen, bereit einzuziehen, doch was sie vorfanden erfüllte sie mit maßlosen Entsetzen und – je nach Temperament – mit Wut oder Trauer.

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