Am Rande der Gesellschaft (2)

Am Rande der Gesellschaft (2) – Alle Geschichten

Bis zum Ende des Monats war Mirjam noch beschäftigt, hatten Sybille und sie noch ein Dach über dem Kopf. Natürlich war sie sich im Klaren darüber, dass ihr Vermieter keinen Eigenbedarf hatte, sondern sie so schnell wie möglich loswerden wollte, weil er die Altbauwohnung sehr viel lukrativer vermieten konnte. Sybille hatte noch einen alten Mietvertrag, der den derzeitigen Bedingungen nicht entsprach. Und was Mirjams Arbeitgeber betraf, so war es nicht die fehlende Arbeit, wie er vorgab, denn sie waren jetzt schon chronisch unterbesetzt. Noch nicht einmal ihr Auftreten als Linke. Selbst das war nur Vorwand. Es war ihr Umgang mit den Heimbewohner*innen. Automatisch dachte die junge Frau an die alte Frau Stern, Sara Stern, die immer lächelte und für jede Zuwendung dankbar war. Manchmal las Mirjam Sara vor. Die alte Dame war Kindergärtnerin gewesen, zu einer Zeit, als sie noch nicht Kindergartenpädagog*innen hießen und mit Tante angesprochen worden waren. Dann hatte man herausgefunden, dass die Kinder nicht mit den Pädagog*innen verwandt waren und sie mussten von nun an anders betitelt werden. Wie, was war der alten Frau entfallen.

Oder der Dr. Vonweiler, Augustin Vonweiler, der einmal als Arzt praktiziert hatte, bis er die Approbation verlor. Die Begründung war Vernachlässigung. Dabei musste er ein guter Arzt gewesen sein, nur dass er es so weit wie möglich vermied, Rezepte zu schreiben und stattdessen seine Patient*innen auf vegane Ernährung setzte und ihnen Bewegung verordnete. Das war der Ärztekammer ein Dorn im Auge. An dem Tag, an dem er die Nachricht erhalten hatte, dass er nicht mehr als Arzt praktizieren durfte, hatte er sich rettungslos betrunken. Das wäre wohl noch nicht so schlimm gewesen, hätte er sich nicht in seinem illuminierten Zustand ins Auto gesetzt und gegen einen Baum gefahren. Eigentlich hatte er seinem Leben ein Ende setzen wollen, was ihm allerdings nicht ganz gelungen war. Stattdessen war er seitdem querschnittgelähmt. Daraufhin hatte ihn seine Frau verlassen und er war in das Heim gekommen. Doch seltsamerweise war sein Lebenswille nicht gebrochen, ganz im Gegenteil. Er war wohl umtriebiger denn je, beschwerte sich über das Essen und die schreckliche Behandlung, wiegelte auch andere auf. Und zuletzt war da noch Mathilde Frauenschuh, die in ihrer aktiven Lebenszeit Schlosserin gewesen war. Sie war groß und breit. Es war nicht leicht auf den ersten Blick zu erkennen, dass sie eine Frau war. Damals hatte sie einen eigenen Betrieb gehabt, doch dann versagten ihre Hände ihr den Dienst und sie schlitterte in den Konkurs. Letztlich kam auch sie hierher. All diese Menschen, die Mirjam nach und nach ihre Lebensgeschichte anvertraut hatten, musste sie verlassen. Sie würde diese im Stich lassen, zumindest fühlte es sich für Mirjam so an, denn wer würde dann für diese Menschen da sein. Die junge Frau wusste, dass es nicht stimmte, denn es war nicht ihre Schuld, aber dennoch kam sie sich wie eine Verräterin vor.

All das ging ihr durch den Kopf, als sie endlich aufsah und erkannte, dass sie vor einem alten, großen Vierkanthof stand, der offensichtlich verlassen war, denn alles war verwachsen, das Tor stand offen, etliche Fenster hingen schief in den Angeln und Dachziegel waren herabgerutscht. Sinnend ging Mirjam durch das große Tor und gelangte in den Innenhof. Ein wirklich gewaltiges Anwesen, wie sie feststellte, doch niemand war zu sehen. „Ein Ort, um zu bleiben“, strich es sanft durch ihren Kopf, „Platz für alle Bedürfnisse. Die Alten, die Gebrechlichen, die Jungen und die Tiere.“ Doch Mirjam rief sich sofort zur Ordnung, denn selbst wenn man diesen Hof kaufen konnte, wer sollte das bezahlen. Wie sollte das funktionieren? Endlich sah sie auf die Uhr. Es war höchste Zeit, ihren Dienst anzutreten. Denn noch hatte sie Arbeit. Und sie gedachte die ihr zugedachten Aufgaben so gut wie möglich zu erfüllen, bis zum letzten Tag. So trat sie, pünktlich um sechs Uhr abends ihren Nachtdienst an. Eine letzte Runde durch die Zimmer, in denen alles still war. „Ruhiggestellt“, dachte Mirjam traurig, bevor sie sich in den für die Angestellten vorgesehenen Raum zurückzog und begann ein Buch zu lesen. Zumindest versuchte sie es, aber es war ihr nicht möglich, sich zu konzentrieren. Immer wieder dachte sie über ihre verfahrene Situation nach und zwischen all den trüben Gedanken, tauchte das Bild des verlassenen Hofes auf, auffordernd und zukunftsweisend. Morgen würde sie es den Menschen sagen, die ihr so ans Herz gewachsen waren, dachte sie noch, als ihr die Augen zufielen. Kurz darauf, es war wohl schon gegen Mitternacht, riss sie ein Klopfen aus dem Halbschlaf. Wer das wohl sein konnte?

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