Das leere Geschäft (Teil 18)

18. Die Uneindeutigkeit des Lebendigen

 

Weil sich das Leben in der Eindeutigkeit verliert, gewinnt es sich in der Uneindeutigkeit. Was war ist eindeutig, so weit unser Gedächtnis Eindeutigkeit zulässt. Was ist ist uneindeutig in seinen Möglichkeiten. Manches lässt sich antizipieren. Doch oft genug noch werden wir überrascht, und sobald wir meinen, dass jetzt nichts mehr kommen kann, nichts mehr, was wir nicht schon irgendwann gesehen hätten, irgendetwas, das wir nicht schon kennen, dann passiert etwas, womit wir nicht gerechnet hätten, weil es immer noch etwas gibt, was unsere Erfahrung nicht abdeckt, was wir nicht antizipieren konnten, in der Einmaligkeit des Geschehens, in aller Uneindeutigkeit des Lebendigen. Immer wieder sind wir überrascht. Es gibt daran nichts zu bewerten, es ist weder gut noch schlecht. Es ist wie es ist.

„Jeder Tag ist gleich“, erklärte Rebekka, die an diesem Abend ziemlich niedergeschlagen wirkte.

„Jeder Tag ist anders“, sagte Lilith hingegen, in aller Seelenruhe, als würde sie die Niedergeschlagenheit nichts angehen.

„Was soll denn anders sein an all den Tagen?“, fragte Rebekka herausfordernd, „Aufstehen, die Zeit herumbringen, mit immer den gleichen Dingen, am Abend Schlafengehen. Tag für Tag. Woche für Woche. Monat für Monat. Bis ans Ende meines Lebens. Das Einzige was sich ändert ist, dass ich älter werde und eben eines Tages nicht mehr aufstehe. Das zumindest wäre dann eine dankenswerte Veränderung. Manchmal kommt es mir so vor, als würde man all das, was man tut, nur deshalb tun, damit die Zeit vergeht. Irgendwie. Das muss man doch machen, sonst wäre es einfach nur mehr schlimm.“

„Manchmal mag es einem wirklich so vorkommen“, meinte Ruben nachdenklich, „Ich habe auch manchmal so Stimmungen, wo ich denke, dass es sowieso egal ist, dass es keinen Unterschied macht.“

„Was meinst Du mit Stimmungen?“, fragte Rebekka, die sich offensichtlich nicht ernstgenommen fühlte. Nicht ernst genug, „Das ist nicht einfach eine Stimmung. Das ist eine Tatsache.“

„Nein, Tatsachen sind Dinge, die wir vor uns haben, die definitiv so sind wie sie sind, doch was Dir der nächste Tag bringt, das kann Dir keiner sagen“, hielt Ruben entgegen, „Ja, sehr viele Tage gleichen sich. Das kann man als langweilig sehen, oder als etwas, was sich eben immer wieder und wieder wiederholt. Es ist, als wäre man in dem berühmten Hamsterrad, in dem man immer nur auf der Stelle tritt, ohne vorwärts zu kommen. Doch man könnte es auch anders sehen, als Tage der Ruhe und Ausgeglichenheit, des Durchatmens. Man kann sich in der Routine ausruhen, denn es kommen auch wieder andere Tage, aufregende und außerordentliche.“

„Gerade Du musst das sagen, wo Du Dich jeden Tag hier bist und Tee trinkst und schnitzt und was weiß denn ich was machst“, meinte Rebekka.

„So wie ich jeden Tag in der Schule sitze und lerne, und alles ist gleich. Immer beginnt es von vorne“, ergänzte Samuel, der nun endlich seine Bücher zugemacht hatte, „Ewig und immer das Gleiche.“

„Aber Du hast ja zumindest die Ferien, auf die Du Dich freuen kannst“, gab Rebekka zu bedenken, „Da kann dann viel passieren.“

„Meinst Du? Ist es nicht damit das selbe, nur dass man nicht so früh aufstehen muss. Ansonsten sehe ich keinen großen Unterschied“, sagte Samuel.

„Ich dachte lange, nachdem meine Frau und meine Kinder nicht mehr bei mir waren, dass jetzt nichts mehr kommen würde“, begann Ruben.

„Ich war auch in der Versuchung mich davon runterziehen zu lassen“, gab Lilith zu, „Ich dachte, ich würde nun in dem Haus sitzen, aufstehen, jeden Morgen, trotz allem, und all das tun, was ich sonst auch immer getan hatte. Ich hätte es auch dabei belassen können. Doch es gibt immer eine andere Möglichkeit.“

„Und die wäre?“, fragte Rebekka, die wohl nicht recht glauben mochte, dass es eine Antwort auf diese Frage geben könnte. Und wenn es eine Antwort gäbe, dann keine, die ihr sinnvoll erscheinen würde.

„Die erste war, dass ich tatsächlich drinnen bleibe und alles so weitermachte wie bisher, weil die Routine und das ewig Gleiche auch Sicherheit bieten“, meinte Lilith, „Die zweite war, dass ich mich aufmachte, im doppelten Sinne des Wortes. Aufmachte, das Haus verließ und sah, was das Leben und die Welt noch für mich bereithielten. Aber auch in dem Sinne, dass ich mich aufmachte diese möglichen neuen Eindrücke auch auf- und wahrzunehmen. Offen für das Unvorhergesehene und das Unplanbare. Und so war es mir auch möglich, das Geschäft hier zu sehen. Wäre ich nicht offen gewesen, so hätte ich es nicht gesehen. Vielleicht gesehen, aber als irgendein leerstehendes Geschäft, wie es doch so viele gibt. Aber ich habe eine Möglichkeit darin gesehen, und die habe ich ergriffen, ohne zu wissen, wie diese genau aussehen würde oder könnte.“

„Und das war der Grund warum ich mich hier wiederfand und Euch fand, weil ich offen war für das, was außerhalb der Routine und des Alltäglichen noch im Leben zu finden war“, erklärte Ruben, „Deshalb bin ich stehengeblieben. Deshalb habe ich hereingeschaut, und was ich fand war etwas, womit ich niemals gerechnet hätte, womit ich niemals hätte rechnen können, denn zum Rechnen müssen zumindest einige Variablen bekannt sein. Doch das Leben ist Uneindeutigkeit. Es hat Abweichungen und Verzweigungen, die wir nicht überblicken können.“

„Hoffnung“, sagte Samuel unvermittelt, „Es ist die Hoffnung, die das möglich macht. Die Hoffnung, dass der morgige Tag etwas bringt, was wir nicht bestimmt haben, sondern was uns zugetragen wird. Der Schwerkranke, der schon lange keinen schmerzfreien Tag erlebt hat, aber sein Hoffen darauf setzt. Hoffnung ist die Einsicht in die Uneindeutigkeit des Lebens, aber eine Einsicht, die uns freudig und erwartungsvoll stimmt. Hoffnung ist das Geschenk, das wir uns machen, weil wir das Leben ernst nehmen, indem wir ihm Veränderung zutrauen. Hoffnung ist das Trotzdem des Lebens gegen die Leblosigkeit. Hoffnung hält uns im Leben und in der Freude darüber und darin.“

„Und wenn wir genau hinsehen, wenn wir ehrlich sind zu uns selbst, so können wir vieles entdecken, was wir erleben durften, worauf wir nicht vorbereitet waren. Und das kann immer wieder sein, jeden Tag, in jedem Moment. Wenn wir es zulassen, dass wir uns mit der Hoffnung zuwenden, dass es sein kann, dann kann es auch sein“, sagte Ruben.

„Hoffnung ist das Geschenk, das ich mir mache, indem ich meinem Leben zutraue, dass es Potential hat“, meinte Lilith.

„Hoffnung als ein Geschenk, das ich mir mache?“, wiederholte Rebekka nachdenklich, „Vielleicht mache ich mir heute ein Geschenk.

 

Und an diesem Abend fand sich ein Kleeblatt in der Auslage, als Symbol für die Hoffnung, die die Uneindeutigkeit des Lebens zulässt. Immer wieder aufs Neue vermag es uns zu überraschen, wenn wir es zulassen überrascht zu werden.

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