Unsere Reise nach Ravenna: Brief 6

Unsere Reise nach Ravenna: Brief 6 – Alle Geschichten

Für Dich, der Du mir meine Ziele neu definieren lehrst, indem Du mich hinterfragst!

Die Sonne hat mich im Stich gelassen, so wie Du – wie es scheint, oder eben nicht scheint, bezüglich der Sonne. Es regnet den ganzen Tag schon, der Himmel ist wolkenverhangen und grau. Und unter diesen widrigen Umständen trat ich meinen Weg von Klagenfurt nach Fürnitz an, trat ihn an und beendete ihn auch. Ja, ich bin in einem Zug durchgefahren, von einem gegebenen Punkt aus zu einem klar definierten Ziel. Manchmal tut es gut, so klar definierte Ziele zu haben, denn es entlastet.

In den letzten Momenten, seit jenem, unserem ersten Aufeinandertreffen, hatte ich auch ein einfaches, klar strukturiertes Ziel vor Augen, zu Dir zu kommen, mich mit Dir auszutauschen, wann immer es ging, lebte von einem Wiedersehen zum nächsten, wuchs an jedem Wiedersehen und in jeder weiteren Begegnung blieb gerade so viel offen und unbeantwortet, dass es Lust machte auf ein weiteres Mal. Ein einfaches, klar strukturiertes Ziel, immer und immer wieder, über Wochen und Monate hinweg. Ein Ziel und eine Belohnung. Natürlich blieb mein normales Leben daneben bestehen, ging weiter, und musste wohl auch weitergehen, und sei es nur deswegen, die Zeit von einem zum nächsten Mal Du zu überbrücken, sie wohl auch erträglich zu machen. Das Leben musste weitergehen. Es musste weiter gearbeitet, weiter geatmet, schlicht weiter gelebt werden. Die Sonne ging auf und unter, wie immer, die Tage, Wochen und Monate kamen und gingen, wie immer, völlig unbeeindruckt. Nichts hatte sich geändert, und doch war nichts mehr so wie es vorher war. Mein Blick und damit mein Zugang zur Welt hatten sich geändert. Die Sonne ging mir anders auf und unter als zuvor, die Tage, Wochen und Monate kamen und gingen mir anders als zuvor. Ich war voller Elan und Energie, denn am Ende aller Anstrengungen standest Du, am Anfang und am Ende, Ausgangs- und Zielpunkt, warst mir wie ein schützendes Schild, das allen Unbill von mir abhielt, wie in unsichtbarer Mantel, der mich umhüllte, als Du noch da warst, und ich ein Ziel hatte.

Doch nun bist Du so unendlich weit fort, unendlich viel weiter als diese 350 km, die uns trennen, unendlich beständiger, als diese drei Dinge, die Du noch zu erledigen hast oder sowieso schon erledigt hast oder gar nicht erst zu erledigen hattest. So stehe ich, ziel- und sinnlos, in diesem Ort, der sich Fürnitz nennt, hilf- und haltlos dem Regen und meiner Betrübnis ausgeliefert, jetzt, da ich nicht mehr weiß, wann ich dieses Ziel Du erreichen werde, ob ich es erreichen werde, ja nicht einmal ob dieses Ziel für mich überhaupt noch erreichbar ist oder sich mir nicht doch schon entzogen hat.

Ziel- und sinnlos lasse ich mich durch die Straßen dieses Ortes treiben, den ich als mein Zwischenziel bezeichne, auf einer Reise, die ich eben in diese Zwischenziele eingeteilt habe, die aber an sich keinerlei Funktionen haben. Kann ich es denn wirklich als Ziel bezeichnen? Ja, bei Dir habe ich mein Ziel gefunden, denn bei Dir weiß ich, dass ich als ich selbst ankommen darf, dass Du mich auf- und annimmst, doch hier, hier bin ich nichts weiter als eine Fremde unter Fremden, wenn nicht gar eine Ausgestoßene. Das Leben schwappt an mir vorbei, und ich sehe mich in die Rolle des teilnahmslosen Zuschauers versetzt.

Ziel- und sinnlos – habe ich gerade geraucht oder sollte ich nun wieder rauchen? – habe ich gerade einen Kaffee getrunken oder sollte ich nun endlich wieder einen trinken? Ich blicke auf, und so wie ich versuche den Blick, der abschweift, um sich in der Ferne, in jener Ferne, in der ich Dich vermute, zu verlieren, zurückzuholen, ja zurückzuzwingen, alle mentalen Kräfte bündelnd, die wohl auch notwendig sind, um nichts weiter zu erreichen als die unmittelbare Umgebung wahrzunehmen, die ich doch nicht wahrnehmen will.

Jede Umgebung ist recht, wenn Du da bist. Keine Umgebung ist passend, wenn Du nicht da bist.

Zwinge mich, mich zu fokussieren. Anhaltspunkt? Ja, ich brauche einen Anhaltspunkt, einen kleinen Punkt, an dem ich mich anhalten kann, um mich langsam in die Unmittelbarkeit zu bewegen, aufzuwachen aus meiner Betäubung, aus meinem Wahn, Dir näher zu kommen, um darin ein Ziel zu sehen. „Bahnhofsstraße.“, lese ich auf einem Schild. Ich weiß nun, ich befinde mich in Fürnitz in der Bahnhofsstraße. Doch hat das irgendeine Bedeutung für mich? Ist das auch nur irgendwie von Relevanz? Langsam, ganz sacht beginne ich die Häuser wahrzunehmen, beginne sie voneinander zu unterscheiden, indem das übergangslose Fließen endet und jedes Ding seine Eigenständigkeit zurückgewinnt. Ich nehme wahr, dass die Dinge um mich herum an einem bestimmten Punkt beginnen und an einem bestimmten Punkt enden und in sich klare Strukturen aufweisen. Doch wie bin ich hierhergekommen? Ich setze mich ins nächstbeste Kaffee, bestelle einen großen Mokka, stark, schwarz, heiß, wie ich es gewohnt bin, denn ich habe für mich nun die Entscheidung getroffen, dass ich noch keinen Kaffee getrunken und noch keine Zigarette geraucht habe, und nach jahrelanger eifriger Konditionierung meldet mein Körper mit dieser Entscheidung den heftigsten Koffein- und Nikotinentzug. Darauf ist Verlass, zumindest darauf.

Ich sitze hier im Bahnhofskaffe und denke, dass es am Bahnhof Züge gibt, Züge, die irgendwohin fahren, irgendwann, und einer wird sogar darunter sein, der irgendwann zu Dir fahren wird oder zumindest in die Region, in der Du Dich aufhältst. Verdammter Wahn, selbst Züge haben Ziele, nein, nicht nur irgendwelche Ziele, sondern zeit- und räumlich klar definierte Ziele, so wie ich sie hatte, und mit Dir verloren habe, der Du auch Ziele hast, zumindest dieses eine, von dem Du mir erzählt hast, zumindest dieses eine, drei Dinge zu erledigen, die Du zu erledigen hast.

Heiß rinnt der Kaffee meine Kehle hinunter, und ich fange an mich zu spüren, fange an mich zurückzugewinnen, fange an im Hier anzukommen. Doch wie bin ich hierher gekommen? So sehr ich mich auch anstrenge, so sehr ich auch mein Gedächtnis martere, der Weg, den ich vom Wegfahren in der Früh bis zu diesem Punkt, an dem ich jetzt sitze, zurückgelegt habe, dieser Weg scheint wie ausgelöscht, als wäre ich ihn nie gegangen, und doch muss ich ihn gegangen sein, denn sonst hätte ich diesen Punkt nicht erreichen können.

Aber ist es nicht eigentlich auch gleichgültig, wie ich hierhergelangt bin? Ich bin nun hier, und von hier ab werde ich mich neu orientieren, und noch ein Gedanke erwacht in mir, ein Gedanke, der mir zum ersten Mal in den Sinn kommt, obwohl er doch so naheliegend war, immer schon. Für mich war es klar, seit ich Dich kannte, Du warst mein Ziel. Aber ich habe mich nie gefragt, ja ich habe nicht einmal gedacht, dass es diese Frage geben könnte, ob ich auch Dir Ziel war, während all dieser Zeit. Ja, natürlich, Du hast Dich gefreut, wenn wir uns gesehen haben. Das ließt Du mich wissen, ließt Du mich spüren. Ich habe Dir wohl auch gut getan und Dich weitergebracht, denke ich, doch ich weiß nicht ob ich Dir Ziel war, so absolut und ohne Einschränkung, und diesem Gedanken folgt mit erschreckender und zugleich ernüchternder Logik, ein weiterer: Hatte ich denn je ein Recht darauf Dich als mein Ziel zu sehen? Habe ich nicht damit, dass ich Dich als Ziel nahm, Dich Deines Du-Seins entkleidet und Dich zu meinen Zwecken funktionalisiert, ausgeraubt und entpersonalisiert? Erschreckend, wie sehr ich Dich vereinnahmt und benutzt habe. Sicher, der Grund war, der allerlauteste, und wohl auch die Rechtfertigung.

Wir haben miteinander einen Weg eingeschlagen, hatten beschlossen ein Stück unseres Lebensweges Seite an Seite zu gehen, den Blick nach vorne gerichtet, uns gegenseitig stützend und anspornend, die Ziele zu erreichen, die sich uns eigentlich stellen, die Anstrengungen auf uns zu nehmen, die uns das Leben stellt, doch immer mehr wandte ich den Blick weg von diesem nach vorne, und drehte mich hin zu Dir, eifernd und fordernd, wohl auch aus Angst, dass mich dieser Blick nach vorne verführen könnte Dich aus den Augen zu verlieren, oder eher noch, Dich hindern sollte mich zu übersehen, und genau da begann die Hybris.

Du bist mir Du, so lange ich Dich als Du wahrnahm, und bist es nicht mehr, so bald ich Dir einen Zweck zuweise. Wenn Du Ziele hast, die nichts mit mir zu tun haben, dann ist es nicht, weil Du nichts mit mir zu tun haben willst, sondern gerade, weil Du mich in meinem Du-Sein belässt. Du gehst aus und kommst zurück, so wie ich es auch tun sollte, und Du erzählst mir von diesen, Deinen Plänen, Absichten und Zielen, und das kannst Du, weil ich Dir der schützende Raum bin, aus dem heraus Du Dich in die Welt entfalten und wirken kannst, weil ich Dir Raum gebe zu sein.

Du bist nicht mein Ziel, denn Ziele sind funktionale Endpunkte – Du bist mir Kraft, Mut und Ausdauer, Ziele zu erreichen, und Du bist mir die Freiheit, die ich Dir sein sollte. Ich bin Dir näher gekommen, obwohl ich weggefahren bin, weil ich anfange Dich zu verstehen. Ich richte den Blick nach vorne. Wo kann ich anfangen meine neuen Ziele zu finden? Ganz egal, Du bist mein Ausgangspunkt, und ich finde Mut und Entschlossenheit, und wenn Du wiederkommst, so als mein Du, findest meine offene Hand, in die Du die Deine legen kannst, gemeinsam zu bestehen. Ich verbringe die Nacht hier – denke nach vorne und an Dich, um meinen Weg morgen fortzusetzen, neue Anregungen zu suchen, fahre weiter nach Udine, und nenne es mein räumliches Ziel für den morgigen Tag.

Von der, deren Blick Du schärfst für das, was Ziele sein können – und Du mir bist.

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