Aber die Anderen …

Aber die Anderen ... – Aktivismus

„Ich esse ja nur sehr wenig Fleisch“, sagt er.
„Nur sehr wenig Fleisch vom sehr wenig toten Tier. Was für eine Freude für das Tier, das nur wenig und nicht viel tot ist“, denke ich, aber Du bist noch nicht fertig.
„Und dann nur, wenn ich weiß, wo es herkommt“, sagt er.
„Was Du auch sicher genau fragst, im Wirtshaus, beim Würstlstand“, denke ich.
„Ich lebe da sehr bewusst“, sagt er.
„Sehr bewusst mit dem Tod anderer“, denke ich nicht nur, sondern erwidere ich.
„Natürlich“, gibt er mir recht, „Sehr bewusst und ich bedanke mich bei dem Tier, das für mich gestorben ist.“
„Du meinst, das Schwein, das Du da gerade isst, ist im Stall gestanden, mitten unter seinen Leidensgenoss*innen und hat sich gedacht, ich bin so froh, dass ich hier eingesperrt sein darf, um ganz schnell dick zu werden und dann mein Leben geben darf, dass ein ganz lieber Mensch was zu essen hat“, präzisiere ich.

„Nein, das nicht gerade, aber es ist nun mal ihre Bestimmung“, erklärt er.
„Wer hat dem Schwein diese Bestimmung gegeben?“, frage ich nach.
„Der Mensch, denn er kann es“, meint er.
„Der Mensch, der kann misshandeln, einsperren und ermorden, ja das kann er und zwar verdammt gut“, gebe ich zurück.
„Aber der Mensch muss auch leben“, erwidert er, „Er kann auch nicht von der Luft und von der Liebe leben. Und ich meine, ich bin schon bereit, mehr zu zahlen, wenn das Tier ein schönes Leben hatte, aber viele können es sich nicht leisten. Und selbst wenn sie es sich leisten können, wenn da das billige Fleisch liegt und daneben das teure, dann werden sie nach dem billigen greifen. So sind die Menschen nun mal. Denen ist das Tierwohl egal, wenn es ums Geld geht. Denen musst Du das sagen und nicht mir.“
„Aber Du greifst schon nach dem teuren, oder nein, Du kaufst es ja nur beim Bauern Deines Vertrauens für das wenige Fleisch, wofür das Tier dann nur wenig tot ist“, werfe ich ein.
„Na ja, ich kaufe auch im Supermarkt. Wer kann sich das schon leisten“, meint er, „Ich habe so viele Ausgaben und ich muss gut essen, denn ich arbeite körperlich.“
„Aber dann nimmst Du das teure, so aus Freilandhaltung oder vom Strohschwein oder aus Weidehaltung“, hake ich nach.
„Nein, ich bin ja nicht mein eigener Feind“, erwidert er, „Alle anderen kaufen auch das Billige. Denen musst Du es sagen, nicht mir. Deshalb kaufe ich es auch. Macht ja dann auch keinen Unterschied. Wenn alle anderen auch das teure kaufen, dann kaufe ich es auch, aber so lange so viele das nicht tun, tue ich es auch nicht.“
„Das heißt, Deine Entscheidungen sind davon abhängig, was die anderen tun oder vermeintlich tun“, sage ich, „Kann es nicht sein, dass auch alle anderen meinen, sie tun es, weil die anderen es tun. Wenn nun alle wirklich ihrem Gewissen folgen und das Fleisch kaufen, wo die Tiere angeblich besser gehalten werden, dann würdest Du es auch tun.“
„Na ja, wenn alle es tun, dann wird es kein billiges Fleisch mehr geben und was soll ich dann essen“, fragt er, „Ich meine, ein richtiger Mann braucht Fleisch und ohne das gehe ich ein, bin nicht leistungsfähig.“
„Aber wenn Du sowieso nur wenig Fleisch isst, dann macht es auch nichts, wenn Du gleich keines isst“, werfe ich ein, „Du könntest das kompensieren durch Hülsenfrüchte. Die sind genauso proteinreich und weitaus gesünder.“
„Das kann schon sein“, meint er, „Aber das ändert auch nichts daran, dass alle anderen es nicht tun.“
„Ich weiß schon, wenn alle anderen es tun, dann tust Du es auch. Alles klar“, fasse ich seine so überzeugenden Argumente zusammen.

Mein Resümee ist: Er – stellvertretend für viele andere – würde es ja tun, wenn es auch die anderen täten, von denen jede einzelne denkt, ich mache es nur, wenn die anderen es mache, so dass im Endeffekt keine was macht und man sich immer noch darauf herausreden kann, dass es anders wäre, wenn es anders wäre. Schließlich möchte man nicht der einzige Depp sein, der was Gutes für die Tiere tut oder die Umwelt oder gar die hungernden Kinder. Wie kommt man dazu. Schuld sind die Anderen! Nie man selbst. Wenn es auch sonst nichts bringt, aber das ist auf jeden Fall der beste Weg, dass sich nie etwas ändert.

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