Für Dich, der Du meine Kreativität entzündest, indem Du mich mir entdeckst!
Die Sonne geht auf, und geht wieder unter. Die Tage kommen, und gehen wieder, immer im gleichen Rhythmus, völlig unbeeindruckt von scheinbar großen Ereignissen ebenso, wie von den sogenannten unscheinbaren, alltäglichen, unbeeindruckt von meinem Schmerz, ebenso wie von meinem Glück, von der Trostlosigkeit, ebenso wie von der Hoffnung. Alles geht seinen Gang, und auch ich gehe den einmal eingeschlagenen Weg weiter, ohne zu wissen, wohin er mich führt. Nein, ich korrigiere, ich weiß natürlich, wohin er mich führt, heute, von Wolfsberg nach Klagenfurt, und in wenigen Tagen werde ich in Ravenna sein. Ja, so weit weiß ich natürlich, wohin mich mein Weg führt, aber ich weiß nicht mehr wohin ich mich entwickle.
Bevor ich Dich kennenlernte, all die Jahre zuvor, floss das Leben ruhig und gleichmäßig dahin. Jeder Tag war verplant, alles hatte seine Ordnung. So verging die Zeit, Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr, die Zeit verfloss, zerrann mir zwischen den Fingern, wer weiß wohin. Ich hatte aufgehört zu fragen, den Blick gesenkt, um den geraden, ebenen Weg zu gehen, der vor mir lag, weder links noch rechts zu sehen, und gerade Mal so viel Kraft und Gedanken einzusetzen wie unbedingt notwendig war. Augenscheinlich muss ich damit wohl zufrieden gewesen sein, aber wahrscheinlich hatte es nicht genügt darüber nachzudenken.
Doch dann kamst Du, stelltest Dich mir in den Weg, und zwangst meinen Blick nach oben, zwangst mich innezuhalten. „Was hast Du bloß mit mir gemacht?“, habe ich Dich gefragt. „Nichts“, hast Du wahrheitsgemäß geantwortet. Ja, Du bist nur dagestanden, und hast mich auch gezwungen zu stehen, zu verweilen, einmal einen Blick zu wagen auf das, was ich mein Leben nannte. Was war nur aus mir geworden? Wo auf diesem Weg habe ich mich verloren? Sollte das denn schon alles gewesen sein? Du hast mich dazu gebracht mich zu besinnen, auf das, was ich mir einst erhofft und erträumt hatte, damals als ich voller Enthusiasmus und Elan ins Leben startete, damals, als noch alles möglich schien.
„Du musst Dir erst einmal eine Existenz aufbauen, Deine finanzielle Situation auf stabile Füße stellen.“, hatte Menschen zu mir gesagt, die was davon verstehen, und ich glaubte diesen Menschen mit der profunden Lebenserfahrung, glaubte, dass das so richtig war, doch wann habe ich das erreicht? Wann bin ich an dem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr Sorge tragen muss, dass ich nicht doch noch hungern oder frieren muss? Jahr um Jahr wurden darüber die Träume und Pläne zurückgestellt, die sich nicht mit Sicherheit und Nachhaltigkeit vertrugen. Vielleicht dachte ich noch ab und zu daran, in einer stillen Stunde, derer es immer weniger gab, vor dem Einschlafen, wenn ich ausnahmsweise einmal nicht so erledigt war von den Anforderungen des Tages, dass ich nicht sofort einschlief, bild- und tonlos, bis ich irgendwann darauf vergessen habe, und nur mehr das Tun blieb, bis ich mich nicht mehr darauf entsann, dass ich all meine Kräfte in etwas investierte, was nur die Vorarbeit zu meinem eigentlichen Streben bilden sollte, bis mich die Geschäftigkeit so sehr einnahm, dass kein Platz mehr blieb für irgendetwas anderes, bis ich selbst nicht mehr wusste oder zu wissen schien, dass es da noch etwas anderes geben könnte. Ich hatte mich einlullen lassen, vom Gang der Dinge, wie ein Wickelkind, bis Du kamst und mir den Weg verstelltest.
„Was willst Du von mir? Was erwartest Du Dir von mir?“, habe ich Dich gefragt. „Nichts, ich will nichts und ich erwarte nichts von Dir.“, hast Du wiederum wahrheitsgemäß geantwortet, „Du solltest Dich lieber fragen, was Du von Dir willst, was Du von Dir erwartest. Du brauchst mir keine Antwort zu geben, und wahrscheinlich kannst Du es auch gar nicht, zumindest nicht in diesem Moment, denn wenn Du jetzt schon eine Antwort hättest, wärst Du schon so weit, dass Du sie nicht mehr bräuchtest, aber meinst Du, dass das alles sein kann?“
Eigentlich eine ungeheure Frechheit, eine Provokation sondergleichen, was Du mir da an den Kopf warfst, vor allem deshalb, weil Du recht hattest. Hast Dich mir in den Weg gestellt, mich innehalten lassen und mich gezwungen, Dir in die Augen zu sehen, um mich zu nichts weiter zu verführen als dazu, mein Leben und mich selbst neu zu bedenken. Ja, nicht einmal das. Zunächst einmal sollte ich einen Blick darauf werfen, nur den Ist-Zustand erkennen. Nichts weiter? Ja, wahrhaftig nichts weiter, und doch hast Du es in seinen Grundfesten erschüttert, durch nichts weiter.
Ich hatte im Drachenblut der Konformität gebadet, und dieses war zu einem dicken Schutzmantel getrocknet, der mich nahtlos einhüllte, einzwängte. Nahtlos? Nicht ganz, denn Du hast die Stelle gefunden, auf der das Lindenblatt gelandet war, und hast sie mir mit einem weißen Kreuz bezeichnet, doch nicht um mich zu töten, sondern um mir die Lebendigkeit erst wieder zu ermöglichen, mich daran zu erinnern, dass es die einmal gegeben hat und dass absolut nichts dagegen spricht, dass es sie wieder geben könnte. Langsam, Stück um Stück, begann ich mich dieses Schutzmantels zu entledigen, um sie wiederzufinden, meine Gedanken, meine Hoffnungen, meine Sehnsüchte, meine Träume und meine Worte. Gedanken, die so lange brachgelegen waren, weil es mir da niemanden gab, der sie hören wollte, mit dem ich sie entwickeln und wachsen lassen konnte. Vielleicht nur deshalb, weil sie keinen unmittelbaren Nutzen hatten, und dennoch waren sie wert, gedacht zu werden. Hoffnungen, die keinen sofort erkennbaren Mehrwert brachten, und doch den Blick nach vorne richteten. Sehnsüchte, die sich mit einem geradlinigen Leben nicht unmittelbar in Einklang bringen ließen, und dennoch die Seele freisetzten. Träume, die vielleicht nicht unmittelbar verwirklichbar waren, aber mir dennoch einen Grund schenken konnten mich auf das Morgen, auf jedes weitere Morgen, zu freuen. Und die Worte, die diesen Gedanken, Hoffnungen, Sehnsüchten und Träumen Gesicht und Stimme gaben. Du hast mich von mir zu mir selbst befreit, in diesem einen Moment des Innehaltens und Aufblickens.
„Gib mir Deine Hand.“, bat ich Dich, „Ich bin noch sehr unsicher. Lass uns gemeinsam gehen, ein Stückchen zumindest.“ Und Du hast mir meine Bitte erfüllt, hast mir Deine Hand nicht verwehrt. Es war mir, als hätte ich neu zu sehen gelernt, als wäre ich von einer langen Erblindung genesen, so intensiv nahm ich die Dinge, die Farben und ihre Existenz wahr. Ich nannte sie beim Namen, lernte sie neu. Mehr noch, ich entfernte sie aus ihrem gewohnten, eingelernten Kontext und stellte sie in einen neuen, lernte sie neu. „Siehst Du?“, habe ich Dich gefragt. „Ja, ich sehe“, hast Du geantwortet. „Hörst Du?“, habe ich Dich gefragt. „Ja, ich höre“, hast Du geantwortet. Du hast es mit mir neu entdeckt, alles noch einmal durchlebt. Du hast mich dazu gebracht mich selbst neu zu finden und zu leben. Ja, zu leben, denn das kann nicht alles gewesen sein. Nein, ganz im Gegenteil, hier fängt es erst an. Da, wo ich mich selbst wieder atmen spüre, indem ich mich in Dich atme und Du Dich in mich, da wo ich mich selbst wieder sprechen höre, indem ich mich in Dich spreche, und Du Dich in mich, da, wo ich mich selbst wieder denken spüre, indem ich mich in Dich denke und Du Dich in mich, da wo ich mich selbst wieder spüre, indem ich mich in Dich spüre und Du Dich in mich, da begannen wir uns in ein Wir anzunähern, anzunehmen und freizusetzen.
„Ich erinnere mich wieder.“, habe ich zu Dir gesagt. „Erzähl es mir.“, hast Du zu mir gesagt. Und ich habe Dir erzählt, von meiner Wiese im Wald, meinem Rückzugsort, an dem so viele Wege beginnen, die es zu entdecken gilt, erzählte Dir von all den Geschichten, die in mir gewachsen sind, malte Dir all die Bilder, die in mir wohnten, und Du hast nichts getan, als weiter zu fragen, sie zu präzisieren und auszuleben, im Schreiben, im Malen und im Ausdruck meines Körpers. „Hast Du denn gewusst, was alles in mir steckt, was alles verschüttet und brach gelegen ist?“, habe ich Dich gefragt. „Nein, nichts von alledem habe ich gewusst“, hast Du wahrheitsgemäß geantwortet, „Aber Du hast es gewusst. Ich habe nichts weiter getan als Dich wieder dorthin zu führen, im Moment des Innehaltens, in dem ich Deinen Blick nach oben zwang.“ Das ist es, was in mir lebt, was ich mitnehme, ganz egal, wohin ich auch komme, und Du warst es, der es mir zurückgeschenkt hat. Du hast mich geöffnet auf das Wesen hin, und mich in dieser Offenheit gehalten.
Ganz egal ob Du nun da bist oder nicht, ob Du Deine drei Dinge je erledigen wirst oder nicht, ob Du nun nachkommst oder nicht, in dieser Welt, die Du mir im Innehalten eröffnetest, die nichts weiter ist als ich selbst in der Auseinandersetzung mit Dir bin, ganz gleich, ob wir uns darüber austauschen oder nicht, ich bin darin und werde indem ich bleibe. Bleiben, als eines von Anbeginn aller Zeiten an, bleiben, als eines alle Zeiten bestehendes, bleiben, als uns in unserem Wir treu bleiben. Indem Du mich innehalten und aufblicken ließt, hast Du mir einen Auftrag gegeben, dem ich mich verbunden fühle, den Auftrag all mein kreatives Potential zu leben und zu verwirklichen.
Über all diesen Gedanken habe ich mich verfahren, und das auf dem Weg von Wolfsberg nach Klagenfurt, aber es macht nichts, denn wer sagt mir denn, dass nur der geplante der richtige Weg ist. Kann nicht auch das, was wir zunächst als Umweg ansehen, weil wir einen anderen geplant haben, der an sich richtige Weg sein?
Die Kreativität, die dem Unvorhergesehenem, dem Chaos erwächst, gibt uns die Chance die Seite zu wechseln und eine neue Perspektive einzunehmen, denn es muss doch mehr als alles geben. Und auf diesem, zunächst vermeintlichen Umweg, der dann doch der richtige war, weil ich ihn gefahren bin, habe ich mich Dir so unendlich nahe gefühlt, dass es war, als wärst Du schon da. Dennoch bleibt es mir zu fragen, wann Du kommen wirst, wann Du endlich Deine drei Dinge erledigt haben wirst, wann ich endlich wieder die Möglichkeit habe mit Dir innezuhalten um meinen Blick in Deinem zu verlieren, für diesen einen Augen-blick, dem Ewigkeit innewohnt. Vielleicht findest Du mich heute noch in Klagenfurt oder morgen in Fürnitz, wohin mich mein Weg weiterführt.
Von der, deren Kreativität Du entzündest, indem Du mich mir entdeckst.

