„Ihr könnt Tiere schützen wie ihr wollt“, wurde mir gesagt. Und ich freute mich, denn mir wurde offiziell erlaubt, Tiere zu schützen, von irgendeinem Passanten, der sich offenbar in der Position sah, diese Dinge zu erlauben. Also ging ich daran, natürlich nicht allein, Tiere zu schützen. Wir sahen uns um und fragten uns, welche Tiere wären denn am schützenswertesten. Wo wäre unser Engagement am effizientesten? Es ist eine Frage, die fast unmöglich zu beantworten ist. Geht man nach den puren Zahlen, so müsste man seinen gesamten Einsatz den Fischen widmen, denen, die in Aquakulturen dahinvegetieren, die in Schleppnetzen gefangen werden, bis hin zu denen, die von sog. Hobbyangler*innen ermordet werden. Es sind so viele Opfer, dass man nicht die Zahl der Individuen, sondern das Gewicht in Tonnen angibt. Deshalb machten wir eine Kampagne gegen die Gewalt an Fischen und allen anderen Wasserlebewesen.
„Tiere schützen ist in Ordnung“, wiederholte jener Passant, als er unsere Kampagne sah, „aber nicht so.“
„Was heißt nicht so?“, fragte ich ihn.
„Weil man Tiere nur schützen soll, aber nicht die Menschen bevormunden“, meinte er abschätzig, „Und wenn ihr jetzt sagt, man soll keine Fische mehr züchten oder entnehmen oder sonst was mit ihnen tun, dann bevormundet ihr Milliarden von Menschen, die, die sie ernten und damit ihren Lebensunterhalt verdienen, die, die sie verarbeiten, ausliefern und zum Verkauf anbieten und davon leben, die, die sie konsumieren, weil sie Hunger haben und was Gesundes essen möchten. All die Menschen bevormundet ihr.“ Ich dachte über seine Worte nach und überlegte, was könnte man tun, damit man niemanden bevormundet.
„Wenn ich mir das so durch den Kopf gehen lasse, und man will ja schließlich niemanden bevormunden, weil alle Menschen in unserer Gesellschaft selbstbestimmt sind und sich nichts sagen lassen. So halten sie sich an die Verkehrsvorschriften aus innerem Antrieb, würden nie auf die Idee kommen, die Geschwindigkeit zu überschreiten, weil sie die innere Einsicht haben, dass es gefährlich ist, auch für die Umwelt schlecht, wenn man zu schnell fährt. Auch die öffentliche Meinung, die sog. öffentliche Meinung, entsteht durch vernünftige Reflexion und nicht durch Bevormundung durch Lobbys, Medien oder andere Meinungsführer*innen“, lege ich meine Überlegungen dar, „Deshalb ist es auch unstatthaft, Tiere zu schützen, auch wenn es offiziell als in Ordnung betrachtet wird, denn egal, welche Tiere ich schütze, immer kommt es darauf hinaus, dass ich jemanden bevormunde. Bei den Fischen wurde es bereits dargelegt. Bei Schweinen, Hühnern, Kühen, die aufs übelste misshandelt und ausgebeutet werden, kommt es wieder darauf hinaus, dass ich nach dieser These jemanden bevormunde. Das geht hin bis zu sadistischen Tierquäler*innen, die eben Spaß und Lebensfreude daraus ziehen, andere Lebewesen zu misshandeln. Sobald ich einem Menschen, der seinem Hund die Beine bricht oder ihn regelmäßig schlägt, sage, er soll das lassen, bevormunde ich ihn.“
„Richtig, so ist es“, meinte der Passant, „Ihr könnt ja Kröten retten oder die Blattschneideameisen oder die Kakerlake. Da wird niemand bevormundet.“
„Wohl in erster Linie, weil an diesen Lebewesen niemand ein wirtschaftliches Interesse knüpft“, werfe ich ein, „Doch selbst bei einer Krötenrettungsaktion wurde mir vorgeworfen, dass wir jemanden bevormunden, nämlich Personen, die sich ein Häuschen am See gekauft haben, um dort die Ruhe der Natur zu genießen, was aber nicht möglich ist, weil wir diese verdammten Kröten retten, und das nur aus einem Grund, um sie zu ärgern, also dafür zu sorgen, dass diese Kröten quaken dürfen.“
„Das scheint mir jetzt doch überzogen“, sagte jener Herr, „Aber alles andere geht gar nicht, zumindest nicht ohne Bevormundung.“
„Das bedeutet also, man darf Tiere nur schützen, so lange man nicht die Profit-, Genuss- oder Verlustierungsinteressen eines Menschen beschneidet?“, hakte ich nach.
„Völlig richtig“, zeigte sich der Passant zufrieden, da offenbar verstanden.
„Aber es ist völlig in Ordnung, Milliarden fühlender Lebewesen zu bevormunden“, fuhr ich fort, „Es ist legitim, sie in allen ihren Lebensäußerungen zu bevormunden, indem man sie einsperrt, sie züchtet, wie man sie haben will und wie viele man will, sie ausbeutet, ihnen die Kinder wegnimmt, das Sozialgefüge nicht einmal denkt und sie zum Schluss gewaltsam dem Leben entreißt. Ja, ich bin auch gegen Bevormundung, gegen die Bevormundung von unseren Mitgeschöpfen in allen ihren Lebensäußerungen bis hin zu ihrem Tod. Das Recht auf ein Leben in Würde und Freiheit kann nie durch banale Interessen wie Profit, Genuss oder Belustigung in Frage gestellt werden. Gegen diese Bevormundung wehren wir uns.“

