Ronja, das starke Lämmchen

Ronja, das starke Lämmchen – Alle Geschichten

Lina wuchs auf einem Bauernhof auf. Und bevor ihr falsche Vorstellungen bekommt. Es handelte sich dabei um einen beinahe fast ganz richtigen Bauernhof mit Flachs- und Hanf-, Raps- und Kräuteranbau. Daneben gab es weitläufige Gemüsefelder und Obstbäume. Ja, ein paar Tiere gab es auch, aber quasi nur für den Eigenbedarf, sechs Hühner, zwei Kühe und vier Schafe. Bianca das eine Schaf hatte nun zwei Lämmer geboren. Als Lina an diesem Tag von der Schule nach Hause kam, fand sie Bianca mit ihren beiden Babies im Stall. Voller Hingabe schleckte sie die beiden sauber.

Leider stellte sich heraus, dass das eine der beiden Lämmer sehr schwach war. Es schien, als wollte es nicht richtig wachsen.
„Ich denke, die Mutter hat nicht genug Milch und die Kleine ist nicht kräftig genug, um zu trinken“, stellte Linas Mama fest.
„Aber dann müssen wir was tun“, beharrte Lina.
„Das denke ich nicht“, erwiderte die Frau, die sie geboren hatte, nachdenklich, „Wenn in der Natur ein Tier zu schwach ist, stirbt es. Das ist der Lauf der Dinge. Da dürfen wir uns nicht einmischen.“
„Als wenn das, was wir hier machen, irgendetwas mit Natur oder Lauf der Dinge zu tun hätte“, erwiderte Lina erbost, „Wir halten sie gefangen und züchten sie hin, wie wir sie brauchen und dann plötzlich kommt was von Natur? Wir haben sie zu unseren Leibeigenen gemacht und haben damit auch die verdammte Verpflichtung, ihnen zu helfen, wenn es notwendig ist. Alles andere ist …“, Lina suchte nach dem richtigen Wort, „…ist …. Ist … ist … Tierquälerei.“
„Du bezeichnest mich als Tierquälerin?“, fragte die Mutter wutschnaubend, „Wir schenken diesen Tieren ein schönes Leben. So schön wie hier haben sie es selten. Und dafür wollen wir auch was von ihnen haben. Das ist doch wohl logisch.“
„Und gerade, weil es ihnen so gut geht, ist es Betrug, Betrug an ihrem Leben“, erwiderte Lina ebenso erbost.

„Ach mach doch was Du willst“, schleuderte ihr ihre Mutter entgegen und verließ den Stall. Und ja, Lina machte, was sie wollte. Sie nahm sich des kleinen Lämmchens an, fütterte es und schlief sogar im Stall, denn es brauchte auch nachts regelmäßig seine Milch.
„Ich nenne Dich Ronja, weil Du gezeigt hast, wie stark Du wirklich bist“, flüsterte Lina ihrem Lämmchen eines Abends zu, eingedenk eines Buches, das sie vor Kurzem gelesen hatte, in dem es um ein Mädchen ging, das sich gegenüber allem durchsetzte. Und auch das Lämmchen wurde zusehends stärker und entdeckungsfreudiger.
„Bald schon habe ich Ferien, dann kann ich ganz viel Zeit mit Dir verbringen“, erklärte Lina Ronja ein andermal. Im selben Moment wurde ihr bewusst, dass es sich um die Osterferien handelte und sie zu diesem Fest regelmäßig Lammbraten aßen. Was sollte sie nur tun? Würde sie die Kleinen beschützen können? Doch die Tage vergingen, an denen Lina ihren Bewachungsposten so wenig wie möglich verließ. Schließlich war der Ostersonntag gekommen. Natürlich musste Lina mit in die Kirche gehen. Was, wenn irgendjemand diese Zeit nützte, um ihr Lämmchen zu holen? Die Messe zog sich wie Kaugummi. Lina war zappelig vor Angst. Endlich durfte sie nach Hause. Als allererstes lief sie in den Stall. Tatsächlich, beide Lämmer waren noch da und tollten voller Freude auf der Wiese herum. Dennoch wehte ihr Bratenduft aus der Küche entgegen.
„Wen hast Du dafür geschlachtet?“, fragte Lina, als sie zu ihrer Mutter in die Küche kam.
„Niemanden“, erwiderte ihre Mutter, „Ich habe über das, was Du gesagt hast, nachgedacht und musste mir eingestehen, dass Du recht hattest.“
„Aber was riecht denn da so nach Braten?“, fragte Lina irritiert.
„Das ist Linsenbraten“, erklärte ihre Mutter, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt und nicht noch vor ein paar Wochen völlig anders gewesen.
„Aber was wird Papa dazu sagen?“, zeigte sich Lina besorgt.
„Der hat immer schon gegessen, was ich ihm gekocht habe“, sagte die Mutter achselzuckend, „Oder meinst Du, ich wäre weit gekommen, wenn ich ihn immer gefragt hätte?“

Und so durften die Hühner, die Kühe und die Schafe glücklich, so weit das in Gefangenschaft möglich ist, leben bis zu ihrem natürlichen Ableben. Es könnte so gewesen sein. Dennoch ist es leider nur erfunden und wird wohl in den meisten Fällen ganz anders ausgehen, wo eben einfach die Lämmer geschlachtet werden, weil das eben dazu gehört und Tierqual Kulturgut ist. Es ist allerdings nicht unmöglich. Und ich freue mich auf den Tag, an dem es selbstverständlich ist, dass die Lämmer leben dürfen, weil Linsenbraten mindestens genauso gut schmeckt und wir endlich eingesehen haben, dass wir keine Tiere töten müssen. Ganz im Gegenteil, es lebt sich für alle viel besser, ohne Leid, Schmerz und Ausbeutung.

Und wie hältst Du es? Ist Ostern bei Dir ein Fest des Lebens oder des Todes? Du entscheidest es. Mach den Unterschied und wähle das Leben.

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