Das namenlose Geschlecht (5): Da unten

„Es braucht einen Namen, weil es sonst fremd bleibt“, versuchte ich mich endlich an einer Antwort, „Und wenn es kein allgemein gültiger Name ist, dann bleiben wir uns untereinander fremd, so wie vielen überhaupt ihr Körper fremd ist.“

„Ich denke, ich komme sehr gut mit meinem Körper zurecht“, warf meine Freundin rasch ein, „Das ist mir zu wenig.“

„Bist Du Dir sicher? Wann hast Du die letzte Diät gemacht?“, fragte ich nach.

„Das ist sicher schon länger her, weiß nicht mehr so genau“, entgegnete sie vage.

„Aber hat es sich gut angefühlt? Hattest Du den Eindruck, dass Du Deinem Körper was Gutes tust oder hast Du es nicht vielmehr deshalb gemacht, weil Du Deinen Körper, so wie er war, nicht mochtest?“, hakte ich nach.

„Gut nicht, aber es fühlt sich nicht gut an, wenn man meint, man ist zu dick“, erklärte sie stirnrunzelnd.

„Du wolltest ihn also nach Deinem Willen formen und hast ihn damit als Objekt behandelt, das geformt werden kann. Damit warst Du nicht bei Dir. Dabei wäre es so viel einfacher gewesen mit ihm zu arbeiten, als gegen ihn und dabei zu meinen, der Geist müsse den Körper beherrschen, dann würde das schon funktionieren. Und wenn Du das dann nicht durchgezogen hast, sondern der nächstbesten Heißhungerattacke unterlagst, dann sahst Du das als Dein Versagen“, versuchte ich einen neuerlichen Anlauf, „Wenn ich aber meinen Körper als etwas sehe, was mir wichtig ist, was in Verbindung steht mit meinem Geist, dann arbeiten zusammen. Körper, Geist, Herz und Hand. Wenn ich von ‚Da unten’ spreche, und das kann dann wahlweise auch das Pussikätzchen oder sonst etwas sein, dann ist es ein Objekt, das mit mir nichts zu tun hat. Ich kann es weder in mein Denken noch in mein Fühlen integrieren, kann es nicht wahrnehmen und annehmen. Als würde es mich nichts angehen. Außer, wenn es weh tut. Dann wird es repariert. Wenn ich Sex habe, dann ist das eine rein vaginale Angelegenheit, dem ich einen Orgasmus abverlange, quasi als Zeichen der rechten Wartung. Es ist dort unten und bleibt dort unten. Ich kann noch nicht einmal die klitorale mit der vaginalen Stimulierung in Verbindung bringen. Es bleiben Bruchstücke, die es nicht zulassen, dass mir die Lebendigkeit vermittelt wird, die sein könnte. Ich trenne mich absichtlich und ungerührt von einem Teil meiner Lebenskraft. Vielleicht ist es tatsächlich nicht so wichtig, aber warum ohne Not etwas ausschlagen, was so einfach zu erlangen wäre, nur durch die Nennung des Namens. Was ich ansprechen kann, kann ich auch wertschätzen. Was ich wertschätzten kann, kann ich auch pfleglich behandeln. Was ich pfleglich behandle, tut auch dem Rest des Körpers gut und macht meinen Geist frei und weiter.“

„Ich denke, ich beginne zu verstehen, und so wie Du es mir erklärst, wird es auch einsichtiger. Vielleicht habe ich schon länger nicht wohl gefühlt, konnte es aber nicht zuordnen, mir wohl auch nicht eingestehen“, entgegnete sie langsam und bedächtig, „Wenn ich jetzt diesen Tee z.B. trinke, dann spüre ich, dass er nach Vanille und Mandel schmeckt. Das übermittelt mir meine Zunge. Er wärmt mich von innen. Und gleichzeitig höre ich Dir zu, folge Deinen Gedanken. Das funktioniert, weil ich mich wohl fühle, und weil dieses Wohlfühlen meine Gedanken umkleidet wie diese weiche Couch, auf der ich sitze. Würde ich nun etwas Trinken müssen, was bitter schmeckt, was mir ein Unwohlsein vermittelt, so würde ich Dir nicht zuhören können, weil das körperliche Missvergnügen auch mein Denken beeinflusst. Und so ist es beim Sex. Er hat mit mir nichts zu tun. Deshalb verabschieden sich meine Gedanken und der Akt selbst wird zu etwas, das als Leistung gesehen wird, wo es doch ein Fließen sein sollte. Es ist, als würde ich mich selbst auf ein Nagelbett setzen und mich wundern, dass ich keinen Gefallen daran habe. Das ist möglicherweise auch der Grund, warum es angeblich so viele frigide Frauen gibt. Sie haben die Verbindung zu sich selbst verloren.“

„Genau darauf wollte ich hinaus“, sagte ich erfreut, mich doch noch verständlich gemacht zu haben, „Doch wie kann ich eine Verbindung zu etwas aufbauen, was ich nicht kenne, weil ich es nicht sehe?“

„Du meinst, Du kannst nur benennen, was Du erkannt hast?“, fragte sie lächelnd.

„Ich denke ja“, mutmaßte ich.

„Da gibt es zwei Möglichkeiten“, antwortete sie rundheraus, „Die eine ist, nimm einen Spiegel und sieh es Dir an.“

„Das ist mir klar, aber es ist doch kein direkter Blick, auch wenn es natürlich eine Hilfe ist“, meinte ich, „Aber was ist die zweite?“

 

Wortlos nahm sie mir die Teetasse ab, nahm mich an der Hand und führte mich in ihr Schlafzimmer, das ich noch nie betreten hatte. Und bevor ich noch irgendetwas sagen konnte, weil ich nicht verstand worauf sie hinauswollte, verschloss sie meine Lippen mit den ihren.

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