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Life is too short for boring stories

Kukka war müde, so sehr müde. Sie hatte lange gewartet, doch er war nicht gekommen. Die Kerzen, die sie auf den liebevoll und sorgfältig gedeckten Tisch gestellt hatte, waren längst heruntergebrannt. Dabei hatte er es versprochen. „Nein, diesmal werde ich pünktlich zu Hause sein, wenn es Dir so wichtig ist“, hatte er gesagt. Und sie hatte ihm geglaubt. Er war wohl schon seit Monaten – oder waren es vielleicht gar schon Jahre? – immer wieder viel später gekommen, als er angekündigt hatte. „Heute wird es nicht spät“, hatte er dann bei der Verabschiedung verkündet, oder „An diesem Tag bleibe ich zu Hause und wir unternehmen etwas“. Letzteres hatte er schon sehr lange nicht mehr gesagt. Das letzte Mal, als er ihre Traurigkeit noch hatte sehen können. Dann hatte er den Blick verloren, selbst dafür. Eigentlich hatte er sich selbst verloren, in seiner Arbeit, in seiner Schaffenskraft, aber auch den Reiz, Geld zu verdienen. Irgendwann hatte sie es aufgegeben. Wenn er da war, war er da, wenn nicht, dann nicht. Schließlich hatten sie sich geschworen, niemals die Freiheit des Anderen zu beschränken. Damals, als es noch anders war. Doch was war eigentlich geschehen? Wo hatte sie ihn verloren oder war er sich verloren gegangen? Dabei waren die ersten Jahre so wunderschön und unbeschwert, voller Gemeinsamkeit und Freude, erfüllt von dem Traum eines Lebens voller Liebe.

Kukka, die eigentlich Franziska hieß, hatte mit vier weiteren Künstler*innen in einem Haus gewohnt, das idyllisch am Land gelegen hatte, aber eigentlich abbruchreif war. Notdürftig, so weit sie es verstanden hatten, hatten sie das Haus hergerichtet, was nichts anderes bedeutet hatte, als dass man darin wohnen konnte. Sie hatten das Leben einer Hippiecommune gelebt, ein wenig anachronistisch nach der Jahrtausendwende. Kukka bedeutete die Blume. Und genauso hatte sich Kukka in dieser Gemeinschaft gefühlt, wie eine Blume, die endlich aufblühen durfte, wo sie ihre Kunst, das Malen ausüben durfte und sich verstanden fühlte. Kaya, der Holzschnitzer, Cady, die Singer-Songwriterin, Allegra, die Schriftstellerin und Floyd, der Glasbläser hatten sich mit ich zusammengefunden, um frei und trotzdem gemeinsam ihre Kunst zu leben. Alle hatten ein eigenes Zimmer, nur Bad und Küche nutzten sie gemeinsam. Kukka hatte den kleinsten, aber hellsten Raum bezogen, der durch ein Panoramafenster das Licht fluten ließ. Eines Tages hatte er vor der Türe gestanden, der sich Buzz nannte, was so viel wie Dorf im Wald bedeutet. Kukka, die kleine, quirrlige Künstlerin mit dem langen, feuerroten Haar war gerade aus dem Haus getreten und war dem fremden Mann, der so hochgewachsen, mit kurzem, schwarzen Haar und Dreitagebart, gegenübergestanden. Sie hatten einander angelächelt und verstanden. Es war ein Moment der Einigkeit, den sie sich beide nicht erklären konnten, damals nicht, weil sie es nicht wollten, da sie Angst hatten, der Zauber konnte verfliegen, und auch jetzt nicht mehr, weil es nicht mehr wichtig schien. Doch an jenem Tag, in jenem Moment hatten sie bereits entschieden, was sie die nächsten 20 Jahre lebten, ein Gemeinsam. „Ich bin Buzz“, hatte er gesagt, „Ich bastle an Häusern, an alten Häusern. Ich denke, bei Euch ist noch einiges zu machen. Meinst Du, ich kann bleiben und Euch unterstützen?“ „Mein Name ist Kukka“, hatte sie erwidert, „Ich denke, wir könnten eine helfende Hand gut gebrauchen, wie Du selbst siehst. Wir sind zwar alle gut in unserer Kunst, aber offenbar nicht, was das Bauliche betrifft.“ So war Buzz eingezogen, zunächst in die Dachkammer, als den einzigen Raum, der noch zur Verfügung stand, um aber schon sehr bald zu Kukka zu übersiedeln. Er hatte das Haus bestens hergerichtet, so dass der Charme erhalten geblieben war, aber es warm und gemütlich war. Darüber hinaus hatte er dafür gesorgt, dass sie sowohl energie- als auch wasserautark wurden. Das sprach sich schnell herum und Buzz hatte immer mehr lukrative Aufträge erhalten. Diese ersten fünf Jahre waren die produktivsten und inspirierendsten ihres gemeinsamen Lebensweges. Sechs Künstler*innen, die sich nicht gesucht, aber gefunden hatten, die sich gegenseitig beflügelten und über sich hinauswachsen ließen. Doch nach und nach zogen die anderen Freund*innen aus, weil es sie in die Welt hinaus rief oder auch nur, um mit der Familie, die sie gegründet hatten, in ein eigenes Domizil zu ziehen, als ihr erstes, aber auch tiefgreifendstes Zugeständnis an ihre, letztlich bürgerliche, Herkunft. Kukka und Buzz hatten sich alleine und als Paar zurückgeblieben gefunden. Lächelnd hatten sie einander an der Hand genommen und ihren Lebenstraum vom künstlerischen Miteinander verwirklicht.

Jetzt, gut fünfzehn Jahre später, saß Kukka allein am Tisch. Die Kerzen waren niedergebrannt. Es war nicht nötig gewesen, sie auszublasen. Endlich erhob sie sich und legte sich schlafen, dem nächsten Morgen entgegen, an dem sie das Haus verlassen würde.

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