An der Bassena (2)

An der Bassena (2) – Alle Geschichten

Willi Worschak lebte seit er denken konnte in einer Wohnung, mit Wasser und Clo am Gang. Zuerst mit seinen Eltern, dann als er geheiratet hatte, mit seiner Frau Marianne. Gemeinsam hatten sie drei Kinder bekommen, die mittlerweile so alt waren, dass sie ihr eigenes Leben führten. Zimmer-Kuchl-Kabinett. Die Standardausführung. Acht Parteien am Gang. Man wusste Bescheid. Die Anna Wotrawa, die mit ihrer behinderten Tochter links von ihnen wohnte. Wenn man vor der Wohnung stand links, öffnete jeden Morgen das Fenster zum Gang. Ein Fenster innerhalb des Hauses. Das mag seltsam anmuten, aber auch das war üblich. Die Scheiben waren blind, damit man nicht hineinsah, aber man konnte die Flügel öffnen und war mitten im Geschehen. Am Morgen ging es immer am hektischsten zu. Das Wasser wurde geholt für den Kaffee. „Guten Morgen Frau Wotrawa. Wie geht es Ihnen?“, fragten die Vorbeigehenden. Man tauschte sich aus. Geburten und Sterbefälle, Genesungen und Krankheiten, alles wurde in Windeseile erzählt.

Man wusste wann der Mann von der Wotrawa, Alois mit Namen, vom Wirtshaus nach Hause stolperte. Auch wenn er nach seinen berüchtigten Sauftouren das Clo übermäßig lang frequentierte. Das einzige am Gang, für acht Parteien, für 30 Menschen. „Ich halte das nicht mehr aus“, vertraute er Willi Worschak immer wieder an, „Das Mädchen, also die Franzi, die kann gar nichts alleine und man muss immer für sie da sein. Was haben wir nur falsch gemacht, dass uns der liebe Gott so straft?“ Das sagte der Vater, der zwar regelmäßig zur Arbeit ging, aber sich ansonsten kaum um Frau und Tochter scherte. Die Versorgung der Schwerstbehinderten blieb allein an der Mutter hängen, die sich seltsamerweise nie beklagte. Stets erlebte man sie fröhlich und interessiert. Sie nahm Anteil am Schicksal der Nachbarn, selbst den Kindern und den späteren Schwiegerkindern, den Enkelkindern usf. Vielleicht weil es sie ein wenig ablenkte von der aufzehrenden Aufgabe. „Ich glaube nicht, dass sich da Gott in irgendeiner Weise eingemischt hat“, erwiderte ihm Willi Worschak regelmäßig. Dann war dann noch der Anton Prikopa, der immer mit dem Stock ging. Tock, tock, tock machte der Stock auf dem Steinboden am Gang. Dann versteckten sich die Kinder, sobald sie dieses Geräusch hörten. Es konnte durchaus passieren, dass der alte Prikopa mit dem Stock nach ihnen schlug, wenn sie ihn störten. Und ihn störte alles. Das Lachen, das Herumalbern, das Gerenne, egal was es war, alles was laut war, ging ihm auf die Nerven. Dann versuchte er die Lärmquelle mit dem Stock zu entfernen. Doch die Kinder waren schneller. Eigentlich war er ein armer Mensch, so waren sich die Nachbarn in erster Linie einig, denn er hatte schon früh seine Frau verloren. Angeblich war sie seine große Liebe gewesen, so dass er seit gut 30 Jahren alleine lebte. Solange er noch arbeiten ging, war es erträglich, aber seit er in Pension war, sah man ihn nur noch mürrisch herumstampfen. Wenn er die Türe zu seiner Wohnung öffnete, drang ein Geruch nach Moder und Verwesung daraus hervor. Als hätte er seit 30 Jahren nicht mehr gelüftet. „Komm, lass uns den alten Prikopa einladen“, sagte Marianne zu ihrem Mann Willi ab und an. Dann luden sie ihn zu Kaffee und Kuchen ein. Der alte Prikopa nahm die Einladung gerne an. Er redete allerdings von nichts anderem, als von seiner verstorbenen Frau. Krebs hatte sie gehabt. Das hatte er bis heute nicht verwunden. Und würde es wahrscheinlich nicht verwinden. Während sie so saßen und sich Anton Prikopas Geschichten und Anekdoten anhörten, seine Verzweiflung und seine Einsamkeit spürten, betrachtete Willi Worschak seine Frau Marianne und dachte, dass er es nicht besser hätte treffen können. Mit ebensolcher Geduld und Anteilnahme, wie sie dem alten Prikopa zuhörte, hatte sie drei Kinder großgezogen, war daneben immer arbeiten gegangen. Es wäre sonst nicht möglich gewesen, zu überleben, selbst in so bescheidenen Verhältnissen, wie einer Zimmer-Kuchl-Kabinett Wohnung mit einer Bassena und dem Clo am Gang. Vor allem aber hatte sie ihn ertragen, seit jetzt so langer Zeit, seine verzweifelten, hilflosen Versuche seinen großen Traum zu verwirklichen, als Autor zu reüssieren, war niemals ungeduldig oder unduldsam gewesen, wenn er sich von einer Absage zur anderen hantelte. Mehr noch, sie hatte ihn jedes Mal getröstet und ihn darin bestärkt, an seinem Traum festzuhalten. Natürlich hatte er auch zum Familieneinkommen beitragen, mit Hilfsarbeiten vor allem, aber es war gerade so viel, dass sie leben konnten. Am Abend, wenn sie sich auf der Couch zusammensetzten, hatte er sie eins ums andere Mal gefragt, warum sie sich das antue. „Weil ich Dich so geheiratet habe und ich will, dass Du der bleibst, der Du bist“, hatte sie dann lapidar geantwortet. Irgendwann hatte er aufgehört zu fragen. Sie war in ihrer Liebe pragmatisch und lebensoffen. Dann nippte er an seinem Bier, das einzige, das er sich gönnte, immer nur am Abend und war einfach glücklich, trotz lärmender Kinder und neugieriger Nachbarn. Draußen am Gang hörte man das Tock, tock, tock, der alte Prikopa, der aufs Clo schlurfte.

Dann kam der Brief, so unerwartet und unverhofft, dass Willi Worschak in mindestens drei Mal lesen musste, um ihn wirklich zu begreifen. Es war der Brief eines kleinen Wiener Verlages, an den er sein letztes Manuskript geschickt hatte, ohne im Entferntesten noch Hoffnung zu verspüren oder mit einer Annahme zu rechnen. Doch genau das war geschehen. Seine „Bassenageschichten“, so der Titel des Manuskriptes, träfen die Wünsche der Leser genau, so voller Nostalgie und Herzenswärme, meinte Harald Hadersberg, der Verleger und deshalb wollte er das Buch auf den Markt bringen.

Hier geht es zu Teil 3.

Das Leben literarisch ergründen

Ungezähmt. Anleitung zum Widerstand

Die Pianobar

Der Weg ist das Ziel ist der Weg

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