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Life is too short for boring stories

The empty store

22. Es beginnt bei Dir

 

„Wo ist Ruben?“, war Rebekkas erste Frage, als sie an diesem Abend das leere Geschäft betrat.

„Sind wir vielleicht niemand?“, erwiderte Samuel, während Lilith wortlos in die Küche ging. Es war an der Zeit mehr Tee zu machen, oder einfach der Frage auszuweichen. Irgendetwas findet sich immer irgendwo zu tun, wenn man einer Frage ausweichen wollte.

„Natürlich nicht, aber es fällt schon auf, wenn er nicht da ist“, erklärte Rebekka, „Außerdem würde ich das auch fragen, wenn Du nicht da wärst oder gar Lilith. Habe ich Dich denn nicht gesucht, als ich Dich nicht fand?“

„Wenn Du mich gefunden hättest, hättest Du mich auch nicht suchen müssen“, erklärte Samuel, „Ruben ist eben nicht da. Er hat schließlich das Recht auch woanders zu sein.“

„Natürlich hat er das Recht“, erwiderte Rebekka, „Aber war ja immer da, und es fällt nun mal auf, wenn er es nicht ist. Deshalb habe ich gefragt. Brauchst Dich ja nicht gleich angegriffen fühlen.“

„Ich habe mich überhaupt nicht angegriffen gefühlt. Was Du immer zu hören glaubst. Es wäre überhaupt besser, wenn Du das, was ich sage hörst, aber das machst Du oft genug nicht. Das hat auch was mit Höflichkeit zu tun, dass man dem anderen zuhört, oder hat Dir das Deine Mama nicht beigebracht?“, sagte Samuel, angriffslustig, wie er sich gerade fühlte.

„Ach nein, Du hast Dich nicht angegriffen gefühlt, und das obwohl ich nichts weiter tat, als eine einfache, kleine Frage zu stellen“, erwiderte Rebekka erbost, „Und dann musst Du mir auch gleich ins Gesicht springen wie eine wildgewordene Katze. Meinst wohl, Du bist was Besseres?“

„Es wird eh Zeit“, erklärte Samuel, sich auf seinem Stuhl zurücklehnend, die Hände demonstrativ vor der Brust kreuzend, „Jetzt endlich zeigst Du Dein wahres Gesicht!“

„Und Du auch!“, schleuderte Rebekka ihm entgegen, „Ich habe ja immer gewusst, dass Du Dich nur so sanft und verständnisvoll und was weiß ich was alles stellst, aber in Wahrheit ganz anders bist. Jetzt endlich lässt Du die Maske fallen.“

„Nun ja, da kann man Dir allerdings wirklich keinen Vorwurf machen, denn Du hast von Anfang an gezeigt wie rüpelhaft und ungehobelt Du bist“, meinte Samuel ungerührt.

 

Und es war der Moment, in dem sie sich nicht mehr damit begnügen wollten, imaginäre Pfeile mit den Augen aufeinander abzuschießen, da Lilith zwischen sie trat, so bedächtig wie möglich die Tasse auf den Tisch stellend. Schweigend hatte sie das getan, auch als sie die beiden ansah. Zuerst Rebekka. Dann Samuel. Schweigend stand sie zwischen ihnen, und doch genügte es sie zu verunsichern.

 

„Merkt ihr eigentlich, was ihr gerade macht?“, fragte Lilith leise, und ihre Stimme war voller Trauer, „Merkt ihr eigentlich, dass ihr gerade drauf und dran seid euch zu bekriegen?“

„Aber er hat …“, begann Rebekka.

„Aber sie hat …“, begann Samuel ebenso.

„Aber nichts sie hat, er hat“, unterbrach sie Lilith ungewohnt rüde, „Wenn, dann habt ihr schon beide. Immer hat irgendwer angefangen. Immer hat irgendwer nicht angefangen. Immer hat aber auch immer wer auf den Anfang reagiert. Worauf der andere wieder reagiert hat, und meint, er habe nur reagiert, während der andere agiert und umgekehrt. Es ist gänzlich ohne Bedeutung ob irgendwer angefangen hat oder nicht angefangen hat, ob irgendwer reagiert oder nicht reagiert hat, ob irgendwer agiert oder nicht agiert hat, das Ergebnis ist immer dasselbe. Gegenseitige Schuldzuweisungen, die uns nicht weiterbringen, die uns immer tiefer hineinreißen, und uns auseinander, bis wir nicht mehr wissen, ob es je einen Weg geben kann, der uns wieder zusammenführt. Und da wundert ihr euch, dass Krieg in der Welt herrscht. Jeder einzelne davon hat so angefangen wie dieser hier.“

 

Schweigen erfüllte den Raum. Es war kein gutes Schweigen, sondern eines, das mit Spannung, aber auch Reue erfüllt war. Es war jenes Schweigen, in dem jeder auf den anderen zugehen wollte, aber nicht wusste wie er es anstellen sollte, ohne sein Gesicht zu verlieren. Ehre und Stolz und Selbstachtung standen auf dem Spiel, und was es da sonst noch an Begriffen und Meinungen gab, die einem Zueinander so oft im Wege standen, so sehr man es sich auch wünschte. Wer den ersten Schritt tun würde, der hätte verloren, wäre unterlegen und gäbe zu im Unrecht zu sein. Das wollte man doch nicht.

 

„Beide habt ihr Unrecht und beide habt ihr Recht“, durchbrach Lilith endlich das Schweigen, „Beide habt ihr euren Teil dazu beigetragen, dass der Unfriede entstanden ist. Beide habt ihr euren Teil dazu beigetragen, dass eine Verständigung nicht mehr möglich ist. So wäre es wohl nur recht und billig, dass ihr jetzt auch beide euren Teil dazu beitragt, dass wieder Friede entsteht.“

„Und wie soll das gehen?“, fragte Rebekka.

„Was wäre, wenn ihr einfach nochmal ganz von vorne anfangt“, schlug Lilith vor.

„Und wo haben wir angefangen?“, versuchte sich Rebekka zu entsinnen.

„Du hast gefragt wo Ruben ist, glaube ich“, half ihr Samuel auf die Sprünge.

„Ach ja, richtig, danke“, sagte Rebekka, und damit war auch wieder ein Lächeln auf ihrem Gesicht, weil es ihr plötzlich so unwirklich erschien, dass sie die Frage so gestellt hatte, wie sie sie gestellt hatte.

„Gerne“, erwiderte Samuel, das Lächeln annehmend, weil es ihm plötzlich so unwirklich erschien, dass ihm eine einzelne Frage so auf die Palme bringen hatte können. Nichtigste Gründe, die Unfrieden stiften.

„Ruben ist nicht da, weil er meinte, er könne nicht bleiben“, erklärte Lilith kurz, „Es ist wichtig herauszufinden, wo der Platz ist, an dem man bleiben kann und wo nicht. Für jeden von uns.“

„Aber ich hatte gedacht, ihr beide, ich meine, jetzt, so kurz vor Weihnachten“, begann Rebekka, ungelenk, als würde sie über ihre eigenen Worte stolpern.

„Es spielt keine Rolle ob kurz vor Weihnachten oder nicht, ob jetzt oder zu einer anderen Zeit“, sagte Lilith nachdenklich, „Wir gehen immer nach Hause. Manche von uns finden diesen Ort früher, manche später. Manche auch nie. Andere wiederum finden ihn, sind aber verunsichert ob er es wirklich ist. Vielleicht ergeht es ihm gerade so.“

 

Zaghaft wurde die Türe geöffnet. Ruben trat ein, und blieb stehen, scheu wanderte sein Blick von einem zum anderen, bevor er wieder zu Boden fiel, als hätte er etwas verloren, was er dringend suchen musste, während seine Hände verkrampft den Hut hielten, den er vom Kopf genommen hatte. Lilith ging auf ihn zu, nahm ihm den Hut aus den Händen, sie zu öffnen und in ihre zu nehmen.

„Es tut mir leid …“, begann Ruben leise, doch Lilith ließ ihn nicht weitersprechen.

„Es gibt nichts wofür Du dich entschuldigen müsstest, nichts, was Dir leid tun müsste“, sagte sie sanft, „Es ist gut, dass Du da bist.“

 

Und es war die Umarmung, die ihn heimholte. Es war die Atmosphäre des Friedens und der Freude und des Gemeinsam. Als wäre es niemals anders und er niemals fort gewesen.

2 Gedanken zu “Das leere Geschäft (Teil 22)

  1. oma99 sagt:

    Ja! Auf den Punkt gebracht und mitten aus dem alltäglichsten Alltag heraus geschrieben. wundervolle Entwicklung und Auflösung . Danke von Herzen!
    alleine wenn sich diese kleine Geschichte alle Menschen einmal zu gemüte führen würden, alleine dadurch könnten unendlich viele gordische knoten in den Hirnen gelöst werden und endlich mehr Frieden im Miteinander und überhaupt ein Miteinander einkehren!
    Wundervoll!

    Gefällt 1 Person

    1. novels4utoo sagt:

      Danke Dir. Aber es müsste jemand da sein, der diesen Knoten auflöst, jemand, der außerhalb steht. Wenn man mitten drinnen ist, sieht man nicht. Es erscheint von außen so vieles so sinnlos, gerade an Streitereien, aber sie wären alleine nicht mehr herausgekommen, jeder fixiert auf den eigenen Standpunkt. Eigentlich müsste man nur einen Schritt zurückmachen, auf das Wesentliche konzentrieren, und das ist – hoffentlich – zusammenkommen zu wollen. Aber es kann gehen, wenn man will.

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