Der kleine Esel

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Lina war am liebsten bei ihrem großem Bruder. Jakob war bereits 18 und für Lina mit ihren sechs Jahren der stärkste, klügste und größte Mann auf der Welt. Wohl vor allem, weil sich Jakob um Lina gekümmert hatte, seit sie auf der Welt war, denn ihre Mutter war gestorben, als Lina gerade mal ein Jahr alt war. Die Erinnerungen an sie waren vermittelte, denn Jakob erzählte seiner Schwester so oft er konnte von ihrer Mutter. Es war ihm wichtig, dass Lina sie so in Erinnerung behielt, wie Jakob sie erlebt hatte. Diese kleine Mädchen hatte er vom ersten Moment ins Herz geschlossen. Damals hatte er sich vorgenommen, der beste große Bruder zu sein, den sich eine kleine Schwester wünschen konnte. Wann immer er konnte, nahm er sie mit. So auch an diesem Abend.

Im Gemeindesaal des kleinen Ortes hatte eine Versammlung stattgefunden. Es war der Beschluss gefasst worden, dass es wieder eine Allmende geben sollte, einen gemeinsamen Abschnitt Land, den alle miteinander bewirtschafteten. Der Bürgermeister, der als großer Landbesitzer alles für sich wollte, war nicht glücklich darüber. Aber was machte das schon, wenn es gut für die Dorfgemeinschaft war. Bedeutete es auch ein kleines Stück Unabhängigkeit, wenn alle miteinander Obst und Gemüse, Kartoffeln und Bohnen anbauen konnten. Die Kinder waren mit Feuereifer bei der Sache, denn sie durften nebenbei naschen. Frohgemut gingen sie nach Hause, Jakob und Lina.
„Erdbeeren mag ich am liebsten und auch Marillen. Und Blumen könnten wir auch pflanzen. Rote und orange und gelbe …“, plapperte Lina vor sich hin und Jakob freute sich, seine Schwester so glücklich zu erleben. Sie war ein Sonnenschein, heiter und gutgelaunt und in ihrer Heiterkeit und mit ihrer guten Laune ansteckend. Es war schwer neben ihr zu nicht fröhlich zu sein. Plötzlich verstummte sie, denn es war ihr was ins Auge gefallen. Direkt vor ihnen stand der Bürgermeister mit seiner kleinen Eselin. Das scheue Wesen mit den dunklen Augen hatte sich ganz nahe an die Mauer gedrückt und ließ den Kopf hängen, während die Schläge und Tritte des dicken Mannes auf sie niedergingen.
„Der arme Esel“, hörte Jakob seine Schwester noch flüstern, während er sich neben dem Bürgermeister stellte.
„Du hörst jetzt sofort auf diesen armen Esel zu schlagen“, erklärte er leise, aber eindringlich. Wäre der Bürgermeister nicht so betrunken gewesen, er hätte es ernster genommen, doch so sah er ihn spöttisch an.
„Du hast mir gar nichts zu sagen, Du dummer Junge. Und mit meinem Esel mache ich was ich will. Also schau, dass Du weiterkommst, Du und das dumme Gör oder ich zeige Dir, wer hier das Sagen hat“, sagte der Bürgermeiste, während er die Gerte erhob, um Jakob zu schlagen. Doch dieser fing den Schlag ab und bemächtigte sich des Gegenstandes. Dann zerbrach er sie in der Mitte. Verdattert sah ihn der Betrunkene an.
„Du wirst jetzt verschwinden und den kleinen Esel, den nehmen wir mit. Nie wieder wirst Du die Hand gegen ihn erheben. Morgen werde ich den anderen erzählen, wie Du mit wehrlosen Geschöpfen umgehst. Dann wirst Du nie wieder Bürgermeister sein“, sagte Jakob, immer noch leise und ruhig.
„Den Esel willst Du?“, erwiderte der Bürgermeister, „Dann nimm ihn Dir doch. Der ist so nutzlos wie Du und dieses Balg da.“ Damit ließ er die Geschwister stehen und verschwand in der Dunkelheit. Als Jakob sich nach Lina umsah, fand er sie bei der Eselin. Sanft streichelte Lina sie und sprach beruhigend auf sie ein.
„Nie mehr wird Dir jemand wehtun. Jakob wird Dich auch beschützen“, erklärte sie der Eselin, „Denn er ist der beste große Bruder, den man haben kann.“ Jakob hörte zu und war überzeugt, er war der beste große Bruder, weil er die liebste kleine Schwester hatte. Lina nahm Jakob an der Hand und mit der anderen fasste sie den Strick.
„Komm Nana“, flüsterte sie und ohne Weiteres folgte ihr das graue Tier mit den langen Ohren, als wusste sie, dass Nana ihr neuer Name war. In dieser Nacht schlief Lina bei Nana im Stall. Das Leben kann so schön sein, gerade in seiner Einfachheit.

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