Das namenlose Geschlecht (9): Ein Mann – wozu?

„Der Mann wird nicht mehr gebraucht“, wiederholte ich sinnend, „Nicht für die sexuellen Bedürfnisse einer Frau, nicht für die körperliche Unversehrtheit und schon gar nicht für irgendeinen anderen Aspekt des Lebens.“

„Ich würde sogar noch weitergehen, und behaupten, dass die weibliche Sexualität der männlichen bei Weitem überlegen ist“, fuhr meine Freundin fort, mich auf ihrer gedanklichen Reise mitnehmend, Schritt für Schritt, um sicher zu gehen, dass ich ihren Ausführungen auch tatsächlich folgen konnte, „Eine Frau ist multiorgasmusfähig. Mehr noch, je mehr sie sexuell herausgefordert und stimuliert wird, in einem entsprechenden Umfeld, desto mehr steigert sich ihre Sensibilität und auch ihre Lust, wohingegen ein Mann nach vollbrachter Tat die Ruhe braucht. Die Frau fühlt sich belebt und bereichert und voller Tatendrang, während er herumhängt wie ein nasses Kluppensackerl, um es salopp zu formulieren. Das wird dann umstilisiert und zum Nachspiel deklassiert.“

„Es gehört sich so“, schoss es mir unwillkürlich durch den Kopf.

„Genau, er meint, eine große Meisterleistung vollbracht zu haben, wonach er ausruhen möchte. Sie will angeblich über Gefühle sprechen und all so etwas“, fuhr sie fort, „Aber am liebsten würde sie ihm einen Kuss geben, und sagen, ‚Du ich geh mal die Welt retten’. Das geht nun mal nicht, weil es in seinen Ohren klingt, als würde sie sagen, ‚Gut gemacht, mein Süßer, aber ich habe jetzt wichtige Dinge zu erledigen’. Das gehört sich nicht, denn sie zeigt damit, dass sie ihre Bedürfnisse auslebt. Er tut es wohl auch, aber sie hat eigentlich ihre den seinen anzupassen.“

„Kann man das nicht besprechen?“, fragte ich, naiv und blauäugig, wie ich nun mal war.

„Könnte man, aber alles was Mann hört, ist, dass sie mehr zu leisten im Stande ist als er“, erklärte sie freimütig.

„Und wenn sich die Frau über ihre Möglichkeiten im Klaren ist, dann lebt sie sie aus“, setzte ich die Überlegung fort.

„Richtig. Ihr könnte z.B. einfallen, dass sie vielleicht noch nicht restlos befriedigt ist oder sogar erst in Fahrt gekommen ist, und sich deshalb einem anderen zuwendet, denn mit dem in ihrem Bett, ist gerade nichts anzufangen“, meinte sie konsequent.

„Und warum auch nicht?“, entgegnete ich leichthin.

„Dafür gibt es zwei handfeste Gründe“, begann sie zu erklären, „Der eine ist die Gewissheit wer der biologische Erzeuger ist. Schließlich will jedes Männchen sicherstellen, dass sein Erbmaterial weiterverbreitet wird und er nicht ein Kuckuckskind großzieht. Der andere ist die banale männliche Eitelkeit.“

„Und der einzige Weg, den es nachhaltig geben kann, ist der über die Moral“, schloss ich zielgerichtet, „Moral sorgt dafür, dass die Wahrheit gut kaschiert und unterdrückt wird. Moralisch integer, so wird gesagt, ist eine Frau, die sich an einen Mann bindet und das am besten für den Rest ihres Lebens. Wenn sie diesen Wunsch nicht hat, dann stimmt etwas nicht mit ihr. Das wird so lange verbreitet, bis das über die Selbstregulierung funktioniert. Deshalb auch das Konstrukt der großen, romantischen Liebe, die alles ist, was eine Frau erfüllt. Doch manche Kulturen scheinen auch dem nicht zu trauen, so dass sie es für notwendig erachten Genitalien zu verstümmeln. Auch in Form der Trennung und der Namenlosigkeit. So gesehen, ist ein Mann nicht nur nicht notwendig, sondern auch dem Wohl der Frau abträglich.“

„So gesehen, ja“, gab sie mir recht, „Aber vielleicht finden wir doch noch etwas, was den Mann rehabilitiert.“

„Vielleicht, aber es wird schwierig werden“, entgegnete ich lachend, weil es mich amüsierte, dass ich mich tatsächlich in der Lage wiederfand, die Rettung des Mannes anzutreten.

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