Nur eine geschlossene Frau ist eine gute Frau

Genitalverstümmelung und systematisch durchgeführte Vergewaltigungen gehören zu Meldungen, die kaum jemand mehr berühren. Das erstere wird aus Tradition und zur Wahrung der Ehre der Frau durchgeführt. Das zweitere Frauen zu brechen und seelisch zu töten. Auch in unserer zivilisierten Gesellschaft gab es Zeiten, in denen die Entfernung der Klitoris zu den anerkannten Methoden gehörte Frauen von allen möglichen Krankheiten zu heilen. Im viktorianischen England galt nur eine Frau als anständig, die all ihre Lippen verschloss. Sie hatte asexuell und stumm zu sein. Und auch heute noch, hier mitten in den aufgeklärten Gesellschaften, lassen sich Frauen verschließen, zumeist unter dem gestrengen Auge der Geschlechtsgenossinnen. Doch wozu der ganze Aufwand? Ist gelebte Weiblichkeit tatsächlich eine solche Provokation, dass sie mit allen Mitteln unterbunden werden muss? Aber was bedeutet, gelebte Weiblichkeit?

Wir haben es uns angewöhnt alles aufzuräumen. Nicht nur unsere Häuser und Gärten, sondern auch den Rest der Welt. Überall wird selektiert, analysiert und schubladisiert, denn ohne Ordnung geht die Welt zugrunde. Man sieht es an der ungeordneten Natur. Ohne das systematisierende Eingreifen des Menschen kann die Natur nicht sein. Aber das geht noch nicht weit genug. Auch die Dinge an sich müssen seziert werden. So bleibt der Mensch sein ganzes Leben lang ein Kind, das sich mit Feuereifer auf etwas stürzt, es zerlegt und die Teile liegenlässt. Dabei macht er vor nichts Halt, nicht einmal vor sich selbst. Deshalb kann es nicht den Menschen an sich geben, in seiner Gesamtheit. Es gibt ihn zunächst in der Verschiedenheit von Körper, Geist und Seele. Diese drei Entitäten stehen zusammenhanglos nebeneinander, als hätten sie nichts miteinander zu tun. Deshalb bedarf es auch drei verschiedener Spezialisten, die sich um das Wohl und Wehe des zergliederten Menschen kümmern. Wir haben den Arzt für den Körper, den Psychiater für den Geist und den spirituellen Experten – in welchem Gewand er auch immer daherkommt – für die Seele. Es sind leicht die handfesten wirtschaftlichen Interessen dahinter auszumachen, denn jeder meint genug getan zu haben, indem er den Teil des Menschen heilt, den er gerade unter seinen Fittichen hat. Es bleiben blinde Flecken. Das Zusammenspiel wird geleugnet. Nicht nur, dass es nicht hilft, der Mensch bleibt als Scherbenhaufen auf der Strecke. Doch wage er es ja nicht sich daran zu machen diese Scherben etwa in Eigenregie zusammenzubasteln.

 

Darüber hinaus gibt es noch eine Hierarchie der Einzelteile. Als das Höchste gilt die Vernunft. Dann kommt die Seele, die aber nur zur Anwendung kommt, wenn einem sonst nichts mehr einfällt. Zuletzt kommt der Körper, als geist- und seelenlose Maschine, die einfach zu funktionieren hat. Wenn er es nicht tut, dann wird er repariert, immer und immer wieder. So hat weder Ernährung noch Aufmerksamkeit dem Körper gegenüber einen Stellenwert. Es wäre doch zu einfach sich gesund zu ernähren und achtsam mit seinem Körper umzugehen, zumal niemand daran verdient.

 

Die geschlossene Frau hat ihre Verbindung verloren zwischen ihrem Lebenszentrum und ihrem Geist, zwischen ihrer Weiblichkeit und ihrer Kreativität. Es bleibt das Funktionieren, das auf Automatismus hinausläuft. Aber sie ist auch ungefährlich, da sie in Schiene bleibt, sich sagen lässt was sie zu tun hat und was nicht.

 

Die offene Frau lebt ihre Einheit von Lebenszentrum, Herz, Seele, Geist und Händen in aller Selbstverständlichkeit. Ihre Offenheit erdet sie, verbindet sie mit dem Leben, auf der einen Seite und lässt auf der anderen Seite ihre Kreativität und Gedanken wachsen wie die Äste eines Baumes. Sie lässt sich nicht mehr von der Kosmetik- und Textilindustrie uniformieren, lässt sich nicht mehr einreden, dass Aussehen nur dann ein gutes ist, wenn es genau ins Schema passt. Damit wird die offene Frau, die ihre Potentiale nutzt, ihre Weiblichkeit lebt und zu erfüllter Sexualität steht zu einem politischen und gesellschaftlichen Ärgernis. Deshalb lassen wir sie verschlossen. Wer weiß, vielleicht entpuppt sie sich ja als die Büchse der Pandora. Aber auf diesem Grund liegt nicht das Elend, sondern die potentielle Erneuerung einer sezierenden, lebensfeindlichen Gesellschaft. Aber wer will das schon?

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