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Life is too short for boring stories

Inspiriert von Kieran Halpin „Berlin Calling“

Gleißende Lichter, bunt durcheinanderwirbelnd, verdrängen das Dunkel der Nacht, lassen es in den Hintergrund treten, denn der Tag soll andauern, das Dunkle, Angsteinflößende ausgegrenzt werden, so dass eine Aussöhnung verunmöglicht wird. Ist doch Hell und Dunkel nichts anderes als die Ergänzung zweier Pole zur Ganzheit. Hell muss es sein, so hell, dass der nächtliche, warme Himmel in kaltes Licht getaucht wird, dass die Sterne und selbst der Mond davor verblassen.

Und mitten drinnen in diesem Lichtermeer, mitten drinnen, und dennoch völlig unberührt, stehen zwei, denen die Sterne leuchten, und auch der Mond, als würde die Helligkeit vor ihnen zurückweichen und den Weg freigeben für das sanfte, warme Licht der Nacht. Sie sehen die Sanftheit und die Verbundenheit. Ein silbrig glänzender Tropfen, rein und klar, netzt ihnen die Augen und befreit sie aus der Blindheit.

 

Schrille, erstickende Musik ertönt aus den Lautsprechern und legt sich wie ein Wolke aus Lärmbazillen über die Stadt. Motoren heulen auf, und der ewig gleiche Sing-Sang der Werbebotschaften durchbricht die Klangattacken. Motoren heulen auf. Die Stimmen versuchen den Lärm zu übertönen. Wortfetzen fliegen durch die Luft, klatschen auf angepeilte genauso wie auf unangepeilte Ohren, immer wieder durchbrochen vom Lachen, viel zu schrill, viel zu aufdringlich. Bloß nicht die Stille hereinlassen, bloß nicht leiser werden, den eigenen Herzschlag zu hören oder die eigenen Gedanken, bloß nicht. Sie meiden die Stille wie der Teufel das Weihwasser. Dabei ist doch die Stille der einzige Ort auszuruhen, nur dann nicht, wenn die Stille nichts weiter ist als unaussprechliche Leere, erdrückend, vernichtend.

 

Und mitten drinnen in dieser Lärmflut, mitten drinnen, stehen zwei wie unter einer schützenden Glaskuppel, die die Ruhe einfängt, ihren Herzschlag zu vernehmen, ihre Gedanken, das Aufeinander-Zu und das sich Ineinander-geben und –verstehen, mitten drinnen, im Herz des Orkans herrscht Stille, sanfte, beruhigende, erfüllte, lebendige Stille.

 

Immer in Bewegung, nur nicht stillstehen. Alles dreht sich, alles bewegt sich. Immer weiter hasten, die Geschäftigkeit des Tages mitzunehmen in den Abend, in die Nacht. Tagsüber geht es von einer Verpflichtung zur anderen, von einer Aufgabe zur anderen, und nachts von einer Vergnügung zur anderen, von einem Zeitvertreib zum anderen, im Stechschritt nach der Stechuhr, um dazwischen laug zu verkünden, dass sie sich doch so sehr nach der Ruhe sehen, ausgesprochen im Vorübereilen. Verwunderung darüber, dass sie nicht erreichen wovor sie stetig davonlaufen. Entsinnen auf dieses, ja da war doch mal was, irgendetwas, ein Mehr, und ein Silberstreif erscheint am Horizont, doch es ist zu hell ihn zu sehen, zu laug den Gedanken wirklich zu vernehmen und zu schnell um ihn wirken zu lassen. Kurz hat er sie gestreift, vielleicht ein verdutztes Innehalten provozierend, bevor sie sich wieder hineinfallen lassen, ins volle, pralle, versprechensreiche Amüsement.

 

Und mitten drinnen in diesem Trubel, dieser Geschäftigkeit, mitten drinnen, haben zwei zu sich und zueinander gefunden, nichts wahrzunehmen als das ruhige, gemessene, menschlich wachsende Aufeinander-Zu, Zeit zu schenken, Zeit zu empfangen, Zeit der Fülle und des vollen prallen Lebens, mitten drinnen unter all den Davonhastenden, sind sie angekommen.

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