Hilfe, da ist ein Schwein in meinem Garten! (3)

Hilfe, da ist ein Schwein in meinem Garten! (3) – Alle Geschichten

„Obereiferer, Du musst unbedingt was unternehmen“, befahl Frau Pruckner dem Ortspolizisten. „Und was meinst, was ich unternehmen soll?“, fragte dieser die aufgebrachte Frau. „Also Du warst auch noch nie der Hellste“, meinte sie mürrisch, „Die da eingezogen sind, neben mir, weißt eh, im Haus der Hedwig, der Heisensteinerin, die vor ein paar Jahren so sang- und klanglos verschwunden war. Ich sag Dir, was ich glaube. Diese Wilden haben sie um die Ecke gebracht und sind jetzt in ihr Haus eingezogen. Du musst dafür sorgen, dass sie festgenommen werden, alle, die ganze Bagage!“ „Und woraufhin soll ich sie verhaften, bloß, weil Du das meinst?“, frage der Obereiferer. „Sag mal, hörst Du mir nicht zu?“, ereiferte sich die Pruckner, „Ich habe es Dir gerade erklärt. Die eignen sich einfach das Haus an und die Polizei unternimmt nichts?“ „Und woher willst Du das wissen?“, fuhr der Polizist unbeirrt fort. „Das ist doch logisch. Oder glaubst die alte Heisensteinerin hätte ihnen ihr Haus geschenkt?“ Das schien den Exekutivbeamten zu überzeugen, denn er legte wortlos auf, erhob sich schwerfällig, setzte sich seine Dienstmütze auf und begab sich zum Haus der alten Frau Heisensteiner.


Auf dem Weg dorthin begegnete er den beiden Eseln, die friedlich über die Hauptstraße liefen, um dann auf eine Wiese abzubiegen. Es waren schon mehr Beschwerden
gekommen, dass sich die wilden Tiere, die die Fremden mitgebracht hatten, einfach frei im Ort bewegten. Das ging so nicht. Die mussten weg, unbedingt. Schließlich hatte er wegen ihnen nur Scherereien und das geruhsame Leben als Dorfpolizist, das er bisher geführt hatte, war zu Ende. Nicht, dass ihn persönliche Interessen antrieben, aber das störte die öffentliche Ordnung und Ruhe im Ort und damit seine.

Endlich war er angekommen, durchschritt unbehelligt den Vorgarten, stieg die drei Stufen zur Haustüre keuchend hinauf und trat ein. Klopfen konnte er nicht, da die Vordertüre o\enstand. Er fand Daniko Kapandse und seine Tochter gleich im Vorzimmer vor, das sie gerade strichen. Freundlich wurde er empfangen und zum Tee eingeladen. Verwirrt nahm der Polizist die Einladung an. Eine Stunde später verließ er das Haus wieder und schritt gemessenen Schrittes zu seiner Wache, wo er sich von den Strapazen erholte. Es hatte sich herausgestellt, dass dieses Haus rechtmäßig von Vater und Tochter Kapandse bewohnt wurde, wie er der übereifrigen Frau Pruckner zu berichten wusste, die sich höchstpersönlich in die polizeilichen Amtsräume begeben hatte, um sich zu erkundigen, was denn da los sei, da diese Leute immer noch nicht verhaftet worden waren. Die alte Heisensteinerin, so teilte Polizist Obereiferer Frau Pruckner mit, war nach einigen Irrfahrten in Georgien gelandet und hatte bis zu ihrem Tod bei der Familie Kapandse gelebt. Diese wiederum hatten ihr auf dem Totenbett versprochen, sich nach ihrem Ableben um Haus und Garten zu kümmern. Beides hatten sie ihren Unterkunftgeber*innen vermacht. Nachdem Anukas Mutter gestorben war, verkaufte der Vater alles und sie nahmen ihre Habseligkeiten und die Tiere mit, um ihr Versprechen einzulösen. Als Frau Pruckner meinte, dass man da wahrscheinlich nichts machen könne, was schlimm genug sei, aber sie müssten zumindest einen Zaun bauen, damit die wilden Tiere nicht mehr einfach überall durch den Ort liefen, musste der Obereiferer auch das ablehnen. Denn die Tiere seien es so gewohnt und es spräche nichts dagegen, so lange diese Lebewesen niemanden behelligten. Frau Pruckner trat niedergeschlagen und desillusioniert den Heimweg an. Tief in Gedanken versunken, bemerkte sie nicht das Auto, das sich näherte, während sie auf die Straße trat. Wäre da nicht der Esel gewesen, der sie sanft auf die Seite drängte, wäre sie wohl zweifellos überfahren worden.

Wer nun den kleinen Ort besuchte, konnte sich daran erfreuen oder darob erstaunen, je nach Ansicht, dass dieser nicht nur von Menschen, sondern auch von allen möglichen anderen Spezies bevölkert war, die sich mit aller Selbstverständlichkeit genauso frei bewegten wie die sog. Krone der Schöpfung. Bis heute waren keine unangenehmen Zwischenfälle bekannt geworden. Im Gegenteil, das Leben und das Miteinander gestaltete sich viel friedlicher. Daniko und Anuka waren ebenso in die Gemeinschaft integriert worden, wie ihre Tiere. Carina war Anukas beste Freundin geworden. „In Georgien ist es so“, erklärte Daniko Kapandse jeder, die es hören wollte, „Und ist es nicht das Beste, wenn man so in Frieden miteinander lebt?“ Dem konnte wohl niemand widersprechen.

(Lifelover, Daniela Noitz)

Am Dienstag, den 17. September beginnt eine neue Geschichte mit dem Titel „Wo ist mein Platz?“. Sei dabei!

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