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Life is too short for boring stories

Aber noch beeindruckender als die Bewegungsfreude einer Dreijährigen ist das, was sich die Mutter auf den Rücken schnallt, den Wickelrucksack.

„Gott sei Dank habe ich den gestern schon gepackt“, meint meine Freundin und hievt sich den schweren Sack auf den Rücken.

„Beim letzten Mal zelten“, so denke ich bei mir, „hatte ich auch so viel Gepäck mit. Was da wohl alles drin war?“ Sie schwankt leicht, aber im letzten Moment findet sie das Gleichgewicht, indem sie sich am Kinderwagen festhält. Ob sie den mit einem zusätzlichen Gewicht beschwert hatte, für solche Fälle?

„Jetzt plaudere doch mal aus dem Nähkästchen“, bitte ich sie, während wir es doch schaffen den Garten hinter uns zu lassen und Richtung Spielplatz zu steuern, „Was hast Du bloß da in Deinem Rucksack drinnen. Das schaut ja aus, als hättest Du den ganzen Hausstand mit.“

„Aus dem Nähkästchen …“, wiederholt sie sinnend.

Ich, quasi als wandelndes etymologisches Wörterbuch und Weltmeister im Schnelllesen auf Wikipedia, kläre sie über die Herkunft dieser Redewendung postwendend auf. Aus dem Nähkästchen plaudern bedeutet (jetzt folgt die Erklärung. Wer sie schon kennt kann diesen Teil überspringen und gleich beim nächsten Absatz fortsetzen), Geheimnisse preiszugeben, denn vor zwei Jahrhunderten bewahrten Frauen ihre geheimen Briefe in ihrem Nähkästchen auf, denn kaum ein Mann hätte sich dazu herabgelassen so etwas peinlich Weibliches anzurühren. Wenn sich die Frauen nun zur gemeinsamen Nährunde trafen, lasen sie sich diese Briefe gegenseitig vor, oder auch nicht. Also hat sich nichts geändert, außer dass es keine Nährunden mehr gibt und die Nachrichten am Handy gehortet sind, das man sehr gut versperren kann. Denn eben jenes Nähkästchen mit den Liebesbriefen des Liebhabers wurde einer gewissen Effi Briest zum Verhängnis, die mit einem Herrn Fontane, Theodor Fontane, bekannt gewesen sein musste, denn der erzählt uns, dass sich der Gatte von Effi Briest nicht die Bohne darum scherte, dass das Nähkästchen für die Männer tabu war, fand den Brief, liquidierte den Liebhaber und jagte die Untreue aus dem Haus, oder so ähnlich.

 

„Ich verstehe“, sagt meine Freundin, „Aber so ein Wickelrucksack ist kein Nähkästchen, also alles ganz offen und gar kein Mirakel.“

Interessiert mustere ich den dunkelblauen Rucksack mit dem weißen Emblem in der Mitte, auf dem in ebenso dunkelblauer Schrift der Markenname steht, den ich hier nicht nenne. Schließlich bekomme ich von Nivea nichts dafür. Aber nebenbei, für viele gibt es das Wort Wickelrucksack schon längst nicht mehr, so umtriebig zeigt sich die Fa. Beiersdorf bei ihren Werbeaktivitäten, so dass nur mehr vom Nivearucksack die Rede ist, und dennoch jede Eingeweihte sofort weiß was gemeint ist. Eine eingeschworene Gemeinschaft, ein exklusiver geheimer Zirkel. So wie niemand auf die Idee käme Klebestreifen zu sagen, sondern nur Tixo oder kaum jemand Kleber statt Uhu, so war der Wickelrucksack von heute einfach ein Nivearucksack. Sieht man einander von weitem, dreht man sich einfach nur die Rücken zu, und weiß, man spielt in derselben Liga. Dementsprechend exquisit muss auch das Innenleben des Rucksacks sein, stelle ich mir vor, nichts als Markenutensilien.

 

„Da drinnen ist vor allem einmal die Wickelunterlage. Dann ein wenig was zu trinken für die Kinder. Nun weiß ich ja im Vorhinein nicht ob sie lieber Saft oder Wasser möchten. Deshalb habe ich beides mit. Außerdem muss ein Milchflascherl mit für den Kleinen. Das kann ich, wie sich ja eigentlich von selbst verstehen müsste, aber Du wahrscheinlich nicht weißt“, und dabei wirft sie mir fast einen strafenden Blick zu ob meiner Unwissenheit, „weil du ja nicht in der Situation bist Kinder zu haben.“

Hier senke ich nun endgültig schuldbewusst den Blick, dass ich es bis jetzt schmählich unterlassen habe meinen Bauch für die Erhaltung unserer Nation zur Verfügung zu stellen, denn wahrlich, es gibt doch keine größere Aufgabe. Ich beschließe das bei nächstbester Gelegenheit nachzuholen.

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