Pauletta, die kleine, quirlige Endzwanzigerin mit dem roten Wuschelkopf und den lustigen Sommersprossen, war verliebt. Das merkte sie vor allem daran, dass sie in der Anwesenheit des Menschen, an den sie ihr Herz und zeitweilig auch das klare Denken eingebüßt hatte, ihre allseits bekannte, ja berüchtigte Schlagfertigkeit verlor und stattdessen einem seligen Lächeln hingab. Nun war dieser gar nicht abgeneigt, aber wie das so ist, wenn man sich seiner Gefühle bewusst wird, tritt auch unweigerlich die Frage auf, wie man sich denn nun verhalten soll, weil man doch nicht weiß, wie es um die Gefühle des anderen bestellt ist. So klar, offen und gerade heraus Pauletta auch bei allen anderen Fragen war, so schüchtern wurde sie angesichts dieser. Schließlich bestand die Möglichkeit, dass er nicht dieselben Emotionen für sie aufbrachte.
Eines Tages, es war gerade am Internationalen Tag der Aufmerksamkeit für Lebensmittelverluste und -verschwendung, an dem Pauletta traditionell eine Infoveranstaltung abhielt, bei der sie genau thematisierte, wie viele Lebensmittel verschwendet wurden bzw. nicht dazu genutzt wurden hungrige Münder sondern gierige Tanks zu füllen, trat der Mann auf sie zu, zu dem sie sich so sehr hingezogen fühlte.
„Pauletta“, sprach er, „Ich möchte Dich unterstützen.“ Die Angesprochene verlor sich in seinen klaren blauen Augen und dem charmanten Lächeln, während sie die Frage nicht wahrnahm.
„Pauletta“, fuhr er deshalb fort, „Hörst Du mir zu?“
„Ja, natürlich, Patrick“, fasste sie sich endlich, „Ich freue mich, wenn Du mich unterstützt.“ Das tat er dann auch und nachdem sie den Infostand abgebaut hatten, trat Patrick auf Pauletta zu. Er war so groß, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, wollte sie ihm in die Augen sehen.
„Wollen wir miteinander essen?“, fragte er und Pauletta war verdutzt und glücklich zugleich.
„Und wo soll das sein?“, brachte sie gerade heraus.
„Ich dachte, wir kochen miteinander bei mir“, erwiderte er.
„Was für eine tolle Idee!“, meinte Pauletta und Patrick fügte hinzu
„Gut, dann gehen wir jetzt einkaufen!“ Und das taten sie.
„Was willst Du kochen?“, wollte Pauletta von Patrick wissen.
„Ich dachte mir, wir schauen, was es in der Kiste mit den Lebensmitteln gibt, die entsorgt werden sollen und entscheiden danach“, erklärte er und sah sie stirnrunzelnd an.
„Das ist super, gerade heute. Ich mache es auch immer so. Es wäre doch schade drum“, meinte sie. Und so erstanden sie eine Zucchini, Zwiebel, Paprika und Kartoffeln.
„Schau mal, der Tofu ist auch im Angebot“, wies Patrick sie auf einen großen Prozentaufkleber hin.
„Den nehmen wir, der wäre sonst auch im Müll gelandet“, stellte sie fest. Kurz darauf waren die beiden in seiner Wohnung und bereiteten sich gemeinsam ein köstliches Abendessen vor. Es war nicht viel in den Vorratsschränken, aber sie waren kreativ.
„Ich meine, es gibt so viele Pflanzen, Getreide, Nüsse, Samen, Hülsenfrüchte und Gewürze, dass man nichts braucht, was gelebt hat“, meinte Patrick.
„Deshalb ist es auch falsch Fleisch, Milch, Eier und alles andere, was von ausgebeuteten Tieren kommt als Lebensmittel zu bezeichnen. Eigentlich sind es Todesmittel, denn ein Lebewesen muss dafür leiden und sterben. Lebensmittel befördern das Leben und für sie muss keines unserer Mitgeschöpfe sterben“, sagte Pauletta.
„Und wenn man dann auch noch das gute Gefühl hat, etwas zu sich zu nehmen, was so gut schmeckt, aber von anderen missachtet und weggeworfen wird, weil es nicht perfekt ist, dann ist es perfekt“, meinte Patrick.
„So sehe ich das auch. Ich bin so froh, dass ich Dir begegnet bin. Es gibt so viele Menschen, die das ganz anders sehen. Es macht mich immer ein wenig traurig. Und auch wütend. Ich lasse mich davon nicht abbringen, aber es tut so gut, jemanden zu kennen, der genauso denkt und dem das auch wichtig ist“, sagte Pauletta leise, während sie den Blick gesenkt hielt. Da hob Patrick ihr Kinn an, beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie sachte auf den Mund.
So unterschiedlich die beiden, Pauletta und Patrick, äußerlich auch erscheinen mochten, sie passten perfekt zusammen. Von diesem Tag an, teilten sie nicht nur die Essenszubereitung, sondern auch alles andere im Leben, was man mit anderen teilt, aber vor allem den Wunsch, nur mehr Mittel zu sich zu nehmen, die das Leben befördern.


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