Alexander war sich sicher, er wollte der Behütetheit entkommen, wissen, wie Menschen lebten, von denen seine Eltern so abschätzig sprachen. Ein wenig hatte er schon mitbekommen, wenn er die Gespräche der diversen Dienstbot*innen belauscht hatte, doch diese verstummten regelmäßig, wenn sie sich seiner Anwesenheit gewahr wurden. Das weckte die Neugierde in ihm. So beschloss er, auszureißen, zumindest für einen Nachmittag. Doch wie sollte er es anstellen? Er beschloss, den scheinbar einfachsten Weg zu gehen, indem er beim Mittagessen vortäuschte, es gehe ihm nicht gut. Er wolle sich niederlegen und nicht gestört werden, was seiner Aufpasserin sehr zupass kam, bedeutete es für sie doch unvermutet einen freien Nachmittag.
Sobald er alleine war, die Türe zu seinem Zimmer sorgsam verschlossen hatte, stieg er durch das Fenster und lief zur Straße. Es war nicht schwer, die Überwachungskameras zu umgehen, schließlich wusste er, wo sie sich befanden. Sobald er dort stand, fischte er sein Handy heraus, auf dem er die Anweisungen Florians genau notiert hatte. Alexander solle in den Bus steigen und zu einer bestimmten Haltestelle fahren. Dort in einen Zug umsteigen und wiederum ein paar Stationen zurücklegen. Florian würde ihn dort abholen. Für Alexander, der noch nie in seinem jungen Leben mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren war, war dies tatsächlich ein Abenteuer und eine große Herausforderung. Er musste, so wusste er es von Florian, ein Ticket kaufen. Deshalb ging er zu dem Buschauffeur und forderte ihn auf, ihm ein solches zu verkaufen. „Heast Depperta, schau i aus wia Schaffner?“ und wandte sich ab. Also musste er den Schaffner suchen, doch da waren nur Fahrgäste. Eine ältere Dame sah ihn bedauernd an und meinte, dass es schon lange keinen Schaffner mehr gäbe, aber dafür einen Automaten, bei dem er sein Ticket kaufen könne. Dankbar nahm Alexander die Anweisung an und fühlte sich großartig, als er den Fahrschein in Händen hielt. Die alte Dame sagte nun seufzend zu ihm, dass er diesen noch entwerten müsse und verwies ihn an eine andere Apparatur. Er sei noch nie mit einem Bus gefahren, gestand Alexander der Dame, die meinte, das habe sie sich schon gedacht. Aber zumindest sei er gut erzogen und so habe sie ihm gerne geholfen. Das hatte also geklappt und auch das Umsteigen in den Zug. Alexander war aufgeregt wie ein kleines Kind, das zum ersten Mal auf dem Jahrmarkt ist. Er schaffte mehr, als er sich selbst zugetraut hatte. Endlich war er bei der von Florian bezeichneten Haltestelle angekommen, als der Freund, als den er ihn bereits sah, ihn in Empfang nahm. Er wolle ein wenig durch die Stadt gehen, meinte Alexander und Florian führte ihn herum, als wenn Alexander ein Tourist wäre. Alles war neu und beeindruckend für diesen. Er sah die Massen von Menschen, die sich durch die Straßen schoben und offenbar alle ein Ziel verfolgten, von dem er nichts wusste. Sie schienen nichts miteinander zu tun haben zu wollen, so rasch gingen sie aneinander vorbei. Doch er sah auch Bettler, die am Straßenrand saßen, übersah auch nicht die Tauben, die verzweifelt nach Futter suchten. Florian erklärte ihm, dass es sich bei diesen Tauben um verwilderte Haustiere handelte, die nun von allen verstoßen, ein leidvolles Leben fristen müssten. Alexander beobachtete diese Geschöpfe eine Zeitlang und meinte, er wolle was für diese Vögel tun. Was das denn sein soll, fragte Florian. Das wisse er noch nicht, aber es würde sich etwas finden. Zuletzt gingen sie in das Geschäft von Florians Mutter, die den Burschen im Hinterzimmer Kakao und Kekse reichte. Die Kekse schmeckten herrlich und der Kakao tat gut. Alexander war der Meinung, Florians Mutter müsse eine gute Köchin haben, die solche Kekse zaubere. Amüsiert sah ihn diese an und sagte, zu Alexanders Verblüffung, dass sie diese selber mache. Es wäre ihm im Traum nicht eingefallen, dass man Kekse selber machen könne, also ein durchschnittlicher Mensch, der das Backen nicht als Profession hatte, sondern auch er selbst. Noch mit genießen beschäftigt, nahm Alexander aus den Augenwinkeln wahr, dass eine weitere Person das Hinterzimmer betrat, achtete erst auf diese, als sie ihn ansprach: „Alexander, was machst Du denn da?“ Mit vor Schreck geweiteten Augen sah er zu dieser Person auf, die ihm so vertraut war. Was tat sie da? Und vor allem, wie sollte er es erklären, dass er da war?

