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Life is too short for boring stories

Gott schuf durch sein Wort. Noch vor der Zeit war Er in Ewigkeit und begann die Zeit und begab sich aus der Ewigkeit und ward Wort, in der Ur-Einheit, sprachlos, wollend, atmend, und Sein Wort ward das Sein und das Leben. Sein Wort war vor der Sprache und vor jeglicher Verwirrung, und doch war es so kraftvoll und schenkend wie kein anderes Wort, denn es war das Eine, dem alles entspross. Und das Wort ward Gott und Gott war das Wort, weil Er sich darein begab und das Leben nicht für sich behielt, nicht in der Ewigkeit in sich selbst ruhte.

Die Schöpfung, die Sein Wort war, war Verstehen und Hinwendung, bis der Mensch kam. Wohl Teil der Schöpfung und des Wortes, ebenso in es begriffen wie alles andere in dieser Schöpfung, und doch taub und blind sich stellend. Und Gott, der aus seinem In-Sich-Ruhen in der Ewigkeit diesen Schritt aus sich getan hatte, um seiner Schöpfung willen getan hatte, ging noch einen weiter und ließ das Wort Fleisch werden. Inkarnation Gottes in Seinem Wort, in Seinem Immanuel, in Seiner selbst, da Er die Menschen sehend, hörend und berührend erreichen wollte.

 

Das Wort, der Logos, das Gott selbst war, ging unter die Menschen und ließ sich von ihnen berühren und berührte sie, um sie zu sich selbst und zur Eigentlichkeit des Lebens zurückzuführen. Und die sich von Ihm anrühren ließen begannen zu verstehen, die Eigentlichkeit und das Leben und die Zugewandtheit. Doch auch das Missverstehen ging mit ihm. Es war ihnen zu wenig, den Menschen, wie immer zu wenig. War es ihnen nicht genug, dass Er ihr Herz befreite und ihrer Seele Zuversicht schenkte? Sie wollten noch mehr. Sie wollten Befreiung.

 

„Sei unser Befreier, unser Retter!“, riefen sie Ihm zu.

„Ich bin Euer Retter in das Wort“, antwortete Er, aber sie verstanden nur, dass Er ihr Retter war. Retter vor den Besatzern. Retter aus der politischen Unterdrückung. Retter vor Hunger und Not. Retter vor der bissigen Ehefrau. Retter vor üblen Leibschmerzen.

„Hosianna! Hochgelobt sei der da kommt im Namen des Herrn!“, frohlockten sie an diesem Abend noch, als er einzog, denn sie verstanden nicht.

 

Die Menschen verstehen niemals etwas, schon gar nicht das Wort, das sich ihnen schenkt. Sie jubelten Ihm zu als den politischen Messias. Niemals hatte Er das gewollt. Und die wenigen, die begriffen hatten, die schwiegen. Doch die Enttäuschung war groß, als es am nächsten Morgen immer noch so war, als die Unterdrücker noch da waren, gleich ob sie nun Römer waren oder die eigenen Hohepriester. Immer noch lagen die Fesseln um ihre Armgelenke. Immer noch mussten sie sich vor Herren beugen, die sich zu Herrschern, ja Göttern aufspielten. Nichts hatte Er getan von all dem, was er gesagt hatte, meinten sie, doch Er hatte nichts weiter gesagt, als dass er sie aus der Zerstückelung in die Ganzheit des Wortes retten würde. Nichts weiter, und doch die unversiegbare Quelle des Lebens. Die Büchse der Pandora war wieder zu früh geschlossen worden. Die Hoffnung blieb eingeschlossen. Zu schnell hatten sie verstanden, hatten verstanden, was sie verstehen wollten. Nichts anderes schien ihnen dringlich, als die Rettung aus der politischen Unterdrückung. War Er denn wirklich Gottes Sohn, Sein Wort, dann müsste es Ihm doch ein Leichtes sein, die Unterdrücker aus dem Land zu jagen, aber er tat es nicht. Und ebenso schnell wie die Begeisterung unter den Menschen entflammt war, ebenso schnell verwandelte sich diese Begeisterung in Misstrauen und dann in Hass.

 

„Er hat versprochen uns zu retten. In Wahrheit hat Er uns verraten und in unserem Elend alleingelassen. Er hat uns versprochen unser Befreier zu sein. Stattdessen hat Er unser Joch noch erschwert.“, sagten sie. Und der Hass brachte sie dazu Ihn zu verraten und Ihn denen auszuliefern, die sie am meisten fürchteten. Niemals wieder würde Er sie enttäuschen. Niemals wieder würde Er ihnen falsche Versprechungen machen. Doch sie hätten nur ein wenig genauer hinhören sollen, dann hätten sie gewusst, dass die Befreiung stattgefunden hatte.

Aus: „Anonym. Begegnungen“

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