Die Sache mit der Liebe (3)

Die Sache mit der Liebe (3) – Alle Geschichten

Herbert Hanzl kam gegen sieben Uhr abends nach Hause. Tobias saß in der Küche am Boden und spielte mit seinen Autos, während Sebastian beim Tisch Platz genommen hatte und leise vor sich hin sagte: „Abendessen 18.00 Uhr, niemals später. Theresia kommt um 17.30 Uhr. Von der Arbeit. Nicht direkt. Sie geht einkaufen. Davor. Dann kocht sie. Um 18.00 Uhr ist Abendessen. Es ist zu spät“, so ging es immer weiter, doch Herbert nahm es kaum wahr, denn er wusste auch so, dass etwas nicht stimmte. Sebastian hatte recht, Theresia hätte schon längst zu Hause sein müssen. Noch nie, seit sie bei ihnen wohnte und das Leben mit ihnen teilte, war es geschehen, dass sie auf das Essen vergessen hätte. Es musste etwas geschehen sein. In dem Moment läutete Herberts Handy. Ein kurzer Blick auf das Display beunruhigte ihn noch mehr.

„Hallo, hier Hanzl, wer spricht?“, meldete er sich atemlos.
„Sind Sie der Mann von Theresia Schmal?“, fragte eine kühle Stimme.
„Ja, der bin ich“, stimmte er zu, „Ist etwas passiert?“
„Herr Hanzl, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihre Frau hier bei uns auf der Notfallambulanz eingeliefert wurde, nachdem sie einen schweren Unfall gehabt hatte“, erklärte ihm die reservierte Stimme ruhig.
„Ich komme sofort“, meinte er und wollte schon auflegen, doch er wurde zurückgehalten.
„Ich denke nicht, dass es sinnvoll ist, überstürzt wegzufahren“, erklärte die Anruferin sachlich, „Sie wird gerade notoperiert. Vor morgen Vormittag wird sie nicht ansprechbar sein. Behalten Sie einen kühlen Kopf und schlafen Sie sich aus. Morgen können wir Ihnen mehr sagen. Gute Nacht!“

Kühlen Kopf bewahren, schlafen, die hatte gut reden, dachte sich Herbert, während er sich bewusst wurde, dass das Einzige, was er gerade tun konnte, darin bestand, sich um die Jungen zu kümmern, vor allem um Sebastian, der besonders litt, weil er die Abweichung von der Routine nicht verstand. Dennoch gelang es dem Vater, beide Söhne zu beruhigen, jeden auf seine Art und zum Schlafen zu bewegen. Es war das erste Mal, dass Theresia nicht da war. Und er spürte etwas, was er nicht für möglich gehalten hätte, sie fehlte ihm. Nicht, weil er die häuslichen Pflichten alleine zu tragen hatte, das war kein Problem, nein, es war ihre Gegenwart, noch mit ihr hier zu sitzen und zu reden. In ihr hatte er eine gute Zuhörerin gefunden, die ihn auch nicht mit billigen Floskeln abspeiste, sondern tatsächlich für ihn da war. Es war eine Art der Verbundenheit zwischen ihnen gewachsen, die ihm bis jetzt nicht bewusst geworden war, weil sie einfach da war. Es musste kein Aufhebens darum gemacht werden. Mit aller Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit, die das Lieben ausmachen sollte, war es entstanden und geblieben, gewachsen, von Tag zu Tag. Und es war ihm erst bewusst geworden, als die Gefahr bestand, sie zu verlieren. Das durfte nicht passieren, durfte einfach nicht. Er würde es kein zweites Mal erleben. Endlich fiel auch er in unruhigen Schlaf.

Am nächsten Morgen half ihm die Routine, die Zeit zu überbrücken, bis der erlösende Anruf kam. Sie habe die Operation gut überstanden und sei nun ansprechbar. Kurz darauf saßen sie im Auto und fuhren zum Krankenhaus. Er musste es ihr sagen, das was er am Abend zuvor endlich begriffen hatte. Ganz gleich, was sie davon hielte, er war sich sicher.
„Ich muss Dir etwas sagen“, erklärte er ihr, als er sich vergewissert hatte, dass es ihr den Umständen entsprechend gut ging, „Seit gestern der Anruf gekommen war, haben wir gebangt um Dich. Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich mir ein Leben ohne Dich nicht mehr vorstellen kann und auch nicht will. Nicht, weil mit Dir alles reibungslos läuft und wir uns gegenseitig helfen, nein, ich denke, ich liebe Dich.“
„Ich bin in solchen Dingen nicht so gut“, sagte Theresia in diesem schleppenden Ton, der Genesenden eigen ist, „Aber ich habe es auch analysiert, und ja, das könnte hinkommen. Und das ganz ohne diesen Firlefanz, ein solides Miteinander und für Einander. Wenn das Liebe ist, dann ja, dann geht es mir auch so.“
„Ich habe Dich auch lieb“, platzte Tobias dazwischen, „Nicht so wie meine Mama, aber doch schon so.“ Und Sebastian tat etwas, was er noch bei keinem anderen Menschen gemacht hatte, er umarmte Theresia. Es bedurfte keines weiteren Wortes. Alle verstanden. So einfach kann es sein, auch die Sache mit der Liebe.

Noch mehr Lesestoff:

Kommentar verfassen