01. Eine Tür fällt ins Schloss
„Das Leben ist ein Spiel“, dachte Zoe, als sie die Türschnalle mit der Hand umschloss, immer noch unsicher, „Entweder wird mit Dir gespielt oder Du spielst selbst. Das ist der einzige Unterschied.“ Wenn sie jetzt diese Schnalle drückte, die Türe öffnete, dann würde sie – darüber war sie sich im Klaren – die Rolle der Spielfigur verlassen und in die der Spielleiterin schlüpfen.
Der säuerliche Geschmack, der den Gedanken daran, Opfer zu sein, immer begleitete, machte sich in ihrem Mund breit. Doch Opfer kann es nur geben, wenn es auch Täter gibt. Jemanden, der bestimmt, was geschieht, und jemand anderen, der es geschehen lässt. Begriffe, denen der Nimbus von Gewalt anhaftet. Ersetzt man das Wort Opfer jedoch durch Schützling und das Wort Täter durch Beschützer, so klingt es gleich viel positiver. Der Effekt ist derselbe.
Weder das Opfer noch der Schützling haben die Möglichkeit, selbst zu entscheiden. In beiden Fällen wird der Wunsch nach Eigenständigkeit im Handeln, Denken und Fühlen durch Repression unterdrückt, wobei sich nur die damit verbundenen Adjektive voneinander unterscheiden. Obsessiv oder liebevoll. Das Ergebnis ist identisch. Selbst die Vorgehensweise, die in der Herabwürdigung der Person und in der Unterminierung des Selbstvertrauens besteht, ist in beiden Fällen deckungsgleich.
„Ohne mich bist Du nichts“, heißt es, „Du kannst nichts, Du hast nichts, Du weißt nichts. Nur mit mir kannst Du leben.“ Das lässt sich natürlich auch positiv formulieren: „Schau, ich meine es doch nur gut mit Dir. Ich entlaste und beschütze Dich, sodass Dir nichts passieren kann. Dazu musst Du nichts weiter tun, als dem Folge zu leisten, was ich sage, denn ich will ausschließlich Dein Bestes.“
Und das wird so lange wiederholt, bis das Opfer oder der Schützling gar nicht mehr wagt, auch nur darüber nachzudenken, ob es denn anders möglich wäre. Geschweige denn, danach zu fragen.
Man erkennt solche Menschen sofort. Sie ziehen den Kopf ein wenig zwischen die Schultern. Um ihn zu schützen. Sie wagen es kaum, den Blick zu heben, ohne sich vorher zu vergewissern, ob es denn gestattet sei. Eltern verfahren so mit ihren Kindern. Geschwister untereinander. Oder auch Personen in einer Paarbeziehung, egal wie diese aussieht. Es gibt Menschen, die andere freisetzen und welche, die andere einkerkern. In Abhängigkeit setzen. Gefügig machen.
Es bedarf weder Gitter noch Ketten. Zumindest keiner äußerlichen. Die Gitter und Ketten, die sich in den Köpfen finden, genügen vollauf. Um von der einen Seite zur anderen zu gelangen, die Türe zu durchschreiten und die Repression hinter sich zu lassen, bedurfte es nur eines einzigen Schrittes vorwärts. Dann war es möglich, die Türe zu öffnen.
„Ich will nicht, dass Du länger mit mir spielst“, wiederholte Zoe einmal, zweimal, dreimal und noch viel öfter, während die Türe sich öffnete, sie sie öffnete und der Raum, in dem sie bis jetzt gelebt hatte und den zu verlassen, sie sich nun endgültig anschickte, mit milchiger Helligkeit durchflutet wurde, alles, was sich darin befand, und dieses alles war das, was sie bisher ihr Leben genannt hatte.
Diese Helligkeit wirkte wie eine warme, weiche Decke, die sie aufforderte, sich hineinzukuscheln. Sie war verführerisch, diese Aufforderung.
Bequemlichkeit und Sicherheit und Vertrautheit versprach sie. All die Dinge, die Zoe nur allzu gut kannte. Doch Bequemlichkeit und Sicherheit und Vertrautheit hatten ihren Preis, wie sie ebenso gut wusste. Unterwürfigkeit und Gehorsam und Fremdbestimmtheit hieß er. Schließlich wird einem nichts geschenkt. Die Frage ist nur, ob es mir das wert ist. Ob ich es mir wert bin.
Freiheit kann lästig sein. Der goldene Käfig hat etwas Verlockendes. Zoe kannte es nur allzu gut. Nein, gewollt hatte sie es nicht und sich auch nicht wirklich entschieden. Es war nicht in einem Moment nicht gewesen und im nächsten schon, was eine Entscheidung implizieren würde.
Vielmehr handelte es sich um eine Entwicklung. Langsam, schleichend und beinahe unmerklich, bis sie endlich erwachte, sich umsah und ihre Lage erkannte.
Doch an welcher Stelle ihres Lebens war Zoe falsch abgebogen? In welchem Moment war es, dass sie sich an der Hand nehmen und einfach nur mehr führen ließ?
Es war verlockend, und Zoe war müde, von all den Kämpfen, auch Erkenntnissen, die so schmerzten und so wütend machten, ausgefochten und zugelassen während der letzten …
