Hamish war ein großer Mann, mit breiten Schultern und feuerrotem Haar, der die Gunst der Stunde zu nutzen wusste. Das tat er gründlich. „Vor fünf Jahren bist Du hier gestrandet und ich habe Dich, weil Du eine gute Hausfrau warst und Köchin, vom Fleck weg geheiratet“, erzählte er der Frau, die er Catriona nannte. Sie merkte es sich. „Aber jetzt ziehst Du den komischen Fummel aus und was Anständiges an und dann gehst du an die Arbeit.“ Tatsächlich fanden sich Kleider, die ihr passten. Hamish vergaß einfach darauf, ihr zu sagen, dass es die seiner Schwester waren, die ihm bis vor einem Jahr den Haushalt geführt hatte. Tatsächlich kamen nach und nach sämtliche Nachbarinnen zu Besuch, also alle fünf und unterließen es nicht, ihr Wissen mit Catriona zu teilen, so dass sie tatsächlich innerhalb weniger Wochen ganz in ihrer neuen Aufgabe versunken war und sie bestens bewältigte. Bald schon fühlte sie sich unterfordert. Auf der Suche nach einem weiteren Betätigungsfeld wurde sie schnell fündig.
Der Schafscherer kam. Catriona stand daneben und sah ihm bei seiner Arbeit zu. Was ihr als erstes auffiel, war, dass er sehr grob mit den Tieren umging. Das unterband sie mit der resoluten Art, die sie nicht abgelegt hatte. Zuletzt nahm sie die Arbeit selbst vor. Am Abend hatte sie einen großen Berg Wolle. „Den bringe ich jetzt zum Händler“, meinte Hamish, doch Catriona widersprach ihm. „Was wäre, wenn wir die Wolle selbst verarbeiten“, schlug sie vor. Verdutzt sah er sie an. „Wie stellst Du Dir das vor? Bei uns wurde schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesponnen?“, erwiderte er, doch Catriona ließ sich dadurch nicht beirren, sondern trommelte sämtliche Nachbarinnen zusammen, um ihnen den Vorschlag zu machen, gemeinsam zu spinnen und eine eigene Modelinie herauszugeben, mit Wolle von sanft geschorenen, glücklichen Schafen. Die Frauen waren zunächst skeptisch, aber zuletzt gelang es ihr, alle zu überzeugen. Bald schon brachten sie die ersten Stücke in einem kleinen Laden in der nächstgrößeren Stadt unter. Sie fanden reißenden Absatz bei den Menschen, die meinten, sie würden etwas ökologisch Wertvolles tun, wenn sie diese Textilien kauften. Und am Abend, wenn alle Arbeit getan war, saß Catriona bei den Schafen und streichelte sie. Ja, wenn schon scheren, dann so, dass diese angenehmen Geschöpfe keine Angst mehr haben brauchten. Und geschoren mussten sie werden. Daran führte kein Weg vorbei. Doch Catriona sann nach Alternativen. Deshalb schlug sie dem Mann, den sie für den ihren hielt, vor, sie sollten doch Hanf zur Fasergewinnung anbauen und dann bräuchten sie die Schafe nicht mehr. Nachdem ihr erster Plan so gut funktioniert hatte, machte er, wie ihm geheißen, gemeinsam mit den bereits erwähnten fünf Nachbarn, während deren Angetraute sich nach der Ernte um die Verarbeitung kümmerten.
Zwei Jahre nach dem legendären Unfall, die Umstellung von Schafzucht auf Hanfanbau, standen die sechs Männer des Dorfes im Pub und unterhielten sich. „Und da war nie jemand, der nach der Frau gefragt hat?“, fragte ein Nachbar Hamish. „Doch nach einem Monat ungefähr kamen sie an, der Ehemann, die Polizei, doch sie erkannten Catriona nicht wieder. Seltsam, wie andere Kleidung und Umgebung einen Menschen verändern. Sie zogen auf jeden Fall wieder ab. Es wäre nur blöd, wenn Catriona ihr Gedächtnis wiederfinden würde“, sagte Hamish. Was er nicht wusste war, dass Catriona dies schon längst hatte, doch sie fühlte sich so wohl, angenommen und vor allem gebraucht, dass sie für sich beschlossen hatte, sie wolle hier bleiben. Natürlich hatte ihr neues Leben mit einer Lüge begonnen, aber einer, die sie ihr zu einem Glück verholfen hatte, das sie nie für möglich gehalten hatte, denn sie hatte eine Aufgabe, in ihrem Umfeld etwas bewegt und Hamish war ein guter, einfühlsamer und liebevoller Mann. Alles Dinge, die sie nie gekannt hatte. Im Einklang mit der Natur, in aller Bescheidenheit, umgeben von zufriedenen Tieren und Menschen. Es gibt so viel Bereicherndes im Leben, was man nicht kaufen kann. Als Hamish an diesem Abend nach Hause kam, umarmte in Catriona herzlich. Irritiert sah er sie an. „Was ist passiert?“, fragte er ausweichend. „Nichts, ich bin nur so froh, dass ich die bin, die ich bin und keine andere“, erklärte sie lächelnd. Und in dem Moment wusste er, dass sie ihre Erinnerung wiederhatte und trotzdem blieb. Stumm erwiderte er ihre Umarmung. Es war nicht notwendig, mehr zu sagen.

