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Life is too short for boring stories

Eine vage Erinnerung. Auch ein wenig schmerzlich. Die Unschuld verloren zu haben. Zuerst die Geschichte mit dem Christkind. „Das Christkind bringt die Geschenke“, wurde mir erzählt, so wie Millionen anderen Kindern. Und dann wird man weggeschickt, weil die Mama den Baum aufputzt und die Geschenke darunter legt. Man darf es nicht sehen. Es ist die erste Lüge. Bis man erkennt, dass wir die Geburt des Christkindes feiern. „Seit wann bringt das Geburtstagskind die Geschenke, und dann auch noch für die anderen?“, fragteich, und bekam die Antwort, die immer schnell bei der Hand ist, wenn man keine andere hat. „Weil es so ist“, lautet sie. Wie oft hatte ich diese gehört, in den unterschiedlichsten Zusammenhängen. Weil es keine andere gab. Es konnte keineandere geben. „Warum nur ist es notwendig eine solch dreiste Lügengeschichte um ein Fest aufzubauen, das das Leben feiern sollte?“, fragte ich. „Wir haben keine Zeit für solchen Unsinn“, wurde ich rüde angeherrscht. Es war nie Zeit. Nicht für die entscheidenden Dinge. Das sagte ich nicht mehr, aber ich nahm mir etwas vor, etwas, das ich von Anfang an und bis zuletzt rechtfertigen musste. Immer wieder aufs Neue schlug mir Unverständnis entgegen. „Das kannst Du doch nicht machen!“, hieß es da. „Du machst doch den Kindern Weihnachten kaputt!“, wurde dazugesagt. „Ich mache den Kindern Weihnachten kaputt, weil ich sie nicht belüge?“, entgegnete ich ein klein wenig irritiert, „Ich muss also meine Kinder belügen?“

„Sollte ich einmal Kinder haben“, so nahm ich mir bereits imTeenageralter vor, zu einer Zeit, zu der ich keine Ahnung hatte, ob ich überhaupt Kinder haben würde, „So würde ich mit ihnen Weihnachten feiern, wie ich es für richtig halte. Auf jeden Fall würde ich sie nicht belügen.“

Viele Jahre später bekam ich tatsächlich Kinder, doch auf das, was ich mir vorgenommen hatte, hatte ich nicht vergessen. Von Anfang an waren die Kinder involviert, d.h. sobald sie involviert sein konnten. Es sollte ein Fest der Freude und des Miteinander sein, von Anfang an, beginnend mit dem ersten Advent. Kerzen zu entzünden, um die langen Winterabende zu erhellen. Geschichten zu lesen. und Kakao trinken vor dem Kamin. Basteln und Malen. Singen und tanzen. Kekse backen und diesen wunderbaren Geruch nach Äpfeln und Zimt ins Haus zaubern. Eine Zeit der Einheit und der Verbundenheit. So weit es möglich war. Sich die Zeit zu nehmen und bei Unwichtigem einzusparen. Geschichten zu erzählen. Wie die von einer Mutter, die ein Kind erwartete und es in einer Krippe zur Welt brachte. Ausgestoßen von der Gemeinschaft. An den Rand gestellt, wie so viele heutzutage. Eine Geschichte, die zu allen Zeiten aktuell ist. Immer wird es die geben, die hinausgeworfen werden, bei Seite geschoben, wie Abfall. Nichts anderes waren Josef und Maria und Jesus. Draußenauf den Feldern, zwischen den Hirten. Keinen Teil an der Gemeinschaft der Wohlanständigen und Begüterten. Die Türen fest verschlossen. Auch heute verschließen wir die Türen ganz fest, so dass wohl jene kleine Familie weggewiesen wird. Immer und überall geschieht es. Nicht nur an Weihnachten. Aber das ist ein Teil der Geschichte, der nur allzu gerne übersprungen wird. „Hätte ich nicht auch gesagt, sorry, kein Platz, das Boot ist voll?“, müsste ich mich dann fragen. Das kratzt am Ego, am Selbstbild des anständigen, moralisch integren Menschen, der ich doch bin. Zumindest in meiner Vorstellung, die ich aufrechterhalten will, wenn nötig, indem ich mich selbst belüge und betrüge.

Ich habe nichts ausgelassen, sondern den Kindern immer alles erzählt. Und wenn es dann so weit war, dass der Baum aufzuputzen und die Geschenke zu platzieren waren, dann schickte ich sie nicht weg.

„Wir feiern die Geburt des Christkindes und wollen ihm eine ganz tolle Geburtstagsfeier gestalten, für das Christkind, nicht das Christkind für uns“, erklärte ich den Kindern. So dass sie mit mir den Baum schmückten. Jedes Jahr ein klein wenig höher. Tapsige kleine Hände, zuerst, die mit Feuereifer Strohsterne und Glöckchen, Lametta und Kerzen am Baum befestigten. Vielleicht sah es nicht perfekt aus. Aber es war ihr Beitrag dem Christkind zu sagen, hier bist Du willkommen. So war es gut. Und während andere in irgendwelche dummen Zeichentrickfilme geschickt wurden, legten wir gemeinsam die Geschenke unter den Baum. Nicht das Christkind bringt die Geschenke, sondern wir drücken unsere Freude darüber aus, dass es geboren wurde. Deshalb schenken wir uns gegenseitig was.

Sobald die Kinder in den Kindergarten kamen, erfuhren sie, wie es in anderen Familien zuging. Immer wieder sah ich mich mit Müttern konfrontiert, die mir vorwarfen, ich würde alles kaputt machen, wenn ich ihre Lüge enttarnte. Nicht die Lüge war das Schlimme, über die es nachzudenken galt, sondern dass ich die Mütter der anderen Kinder als Lügnerinnen enttarnte. Auch die Väter. Und auch all die anderen, die bei diesem Spiel mitmachten. Ich versuchte zu erklären. Zunächst. Wie so oft zuvor und wohl auch danach, stieß ich dabei auf völlige Ignoranz. Festgefroren in den eigenen Vorstellungen, brachten sie es nicht fertig auch nur darüber nachzudenken. Und die Kinder, sie konnten für sich selbst einstehen. Selbstbewusst traten sie dafür ein, ohne sich beirren zu lassen. Und so war es geblieben. Bis sie auszogen. Es war gut. Was sie mitnahmen waren wunderschöne Erinnerungen an ein Fest, wie es sein sollte.

An all das dachte ich, als ich am Morgen des dritten Tages im Advent am Fenster der kleinen gemütlichen Wohnküche von Gods Cottage stand und meine Hände die Tasse Tee festhielten, die ich mir gerade gemacht hatte. Vorsichtig nahm ich einen Schluck. Es tat gut. Wohlige Wärme durchströmte mich, während vor dem Fenster das Gewitter tobte. Der ideale Tag um sich im Haus einzumummeln. Am Esstisch vorbei, aus der Küche, ging ich zur Couch, die vordem Kamin stand. Ein breiter, einladender Kamin, in dem die Flammen fröhlich zuckten. Die Steinwände versprachen Sicherheit, schirmten ab gegen die Unwirtlichkeit des Wetter und anderer Unbilden. Es war gut hier zu sein. Ein simples, banales Hier-sein, mit den Zehen vor dem Feuer und der Tasse Tee in der Hand. Braucht es denn mehr? Und wenn es nicht mehr braucht, warum lassen wir uns ständig einreden, dass es mehr braucht?

Am Beistelltisch standen Kerzen. Viel Dekoration gab es in dem Haus nicht. Das eine oder andere Bild an der Wand. Mehr nicht. Dennoch war es ein Ort, an dem ich mich wohlfühlte, doch dieses Wohlfühlen hängt weder von der Dekoration noch vom Interieur ab, sondern von dem Geist, der in dem Haus wohnt, ein Geist der Verbundenheit, der Annahme und des Miteinander.

Die Kinder waren ausgezogen. Sie waren erwachsen geworden und lebten ihr eigenes Leben. So weit man je ein eigenes Leben führen kann. Soweit es wünschens- und erstrebenswert ist ein eigenes Leben zu führen. Und letztlich, so dachte ich in jenem Moment im Schein des flackernden Feuers, habe ich sie auch belogen. Weil ich selbst nicht verstand, warum wir Weihnachten feiern, wenn die Botschaft, die damit verbunden ist, völlig ignoriert wird.

„Siehe ein Kind wurde uns geboren“, hieß es. Das Leben selbst, mit all seiner Urgewalt und Größe, hat sich uns geschenkt. Wir sind zu klein für dieses Geschenk, halten ihm nicht stand. Deshalb konzentrieren wir uns auf das Unwesentliche. Das Baby, das so niedlich ist. Die Geschenke, die gekauft werden müssen. Den Tod, den wir auf unseren Tellern haben.

Gerade eben, in der Erinnerung, hatte ich gedacht, gehofft, mich anzunähern, an den Sinn von Weihnachten, hatte ich gedacht, einen Schritt in diese Richtung getan zu haben, doch mit dem Schritt darauf zu, erkannte ich mehr, vor allem den Unsinn und die Lüge, die vorherrscht, wenn es um die Liebe geht. Auch das war nicht der richtige Weg. Vielleicht galt es woanders weiterzusuchen.

Und so verging der dritte Tag des Advent. Verging, weil er vergehen musste, ohne nennenswerte Ereignisse, in aller Ruhe und Stille. In der Besonnenheit eines Tages, der nichts weiter ist als ein Tag Leben. Nichts weiter. Wie viele dürfen nicht einmal das, einen Tag einfach leben. Eintagsküken, z.B., oder weibliche Menschenkinder in Indien. Unter solchen Umständen erdreisten wir uns Weihnachten zu feiern, mit dem Haben zu protzen und uns bis zum Erbrechen vollzustopfen? Ich werde diese Gedanken nicht los, während andere einfach die Türe schließen und das alles draußen lassen. Als würde es sie nichts angehen. Als hätten sie nichts damit zu tun. Man kann es sich einreden. Doch der Sinn von Weihnachten kann es nicht sein.

2 Gedanken zu “Auf der Suche nach dem Sinn von Weihnachten (3): Die Weihnachtslüge

  1. Lüge oder Magie/Träume/Wünsche? Ich finde es auch okay, wie du es machst, aber ich bin 31 Jahre alt und seit 31 Jahren bringt der Weihnachtsmann die Geschenke. Der Zauber darf bleiben. Als ich erkannte, dass es keinen Weihnachtsmann gibt, fühlte ich mich zwar stolz, es erkannt zu haben, doch ich hatte und habe trotzdem noch Spaß an der Geschichte und das gebe ich inzwischen auch den Kindern weiter. Dass der Weihnachtsmann nur Fantasie ist (oder eine Lüge) ist mir dabei ganz egal, denn es ist schön.

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    1. novels4utoo sagt:

      Es sind zwei Paar Schuhe. Eine Geschichte wird nicht entzaubert, weil sie nicht der Realität entspricht, sondern indem wir sie missbrauchen, um dahinter anderes zu verstecken. Ich habe das Christkind nicht entzaubert (und der Weihnachtsmann ist sowieso eine seltsame Gestalt und hat mit der christlichen Botschaft gar nichts zu tun), sondern ihm den gebührenden Stellenwert gegeben. Die grundlegende Botschaft ist ein Neubeginn, wie eine Geburt immer ist, unbelastet und rein – das ist es worum es mir ging.

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