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Life is too short for boring stories

Der kleine Trupp, bestehend aus Amanda und Waldemar Ehrgeizig, Hartmut Schön und Verena Fleißig, die den kleinen Jimmy immer noch auf den Armen trug, setzte sich in Bewegung. Lisa staunte nicht schlecht, als sie auf ihr Klingeln hin die Türe öffnete.
„Dürfen wir hereinkommen?“, fragte Fr. Fleißig, die sich an die Spitze gesetzt hatte und damit den Eindruck einer Prozession noch verstärkte.
„Ja, natürlich“, meinte Lisa, die zwar nicht verstand, was da vor sich ging, sich aber den kommenden Ereignissen nicht in den Weg stellen wollte, denn dass da Veränderungen in der Luft lagen, das war beinahe mit Händen zu greifen. Damit führte Lisa die Neuankömmlinge auf die Terrasse. Rundum wurde vorgestellt und Hände geschüttelt. Doch die ersten Reaktionen waren nicht nur positiv.
„Was wollen die denn hier?“, zischte Marie-Luise Brügge ihrem Mann zu.
„Warten wir es ab“, zeigte sich dieser gelassen.

„Jimmy, Du bist wieder da!“, entfuhr es Fr. Schön unwillkürlich, „Meine Güte, wo bist Du denn gewesen? Wir haben Dich schon überall gesucht!“ Damit ging sie freudestrahlend auf Fr. Fleißig zu, um ihren Hund in Empfang zu nehmen.
„Er hatte sich zu mir in den Garten verirrt“, erklärte Fr. Fleißig.
„Es tut mir leid, dass ich Ihnen so viele Umstände gemacht habe“, meinte Fr. Schön.
„Es gibt nichts, was Ihnen leidtun muss“, erwiderte Fr. Fleißig sanft, „Ganz im Gegenteil, ich habe Ihnen zu danken.“ Damit gab sie Fr. Schön Jimmy, ein wenig widerstrebend, aber sie hatte keine andere Wahl. Jimmy strampelte sich aus den Armen seiner Besitzerin frei und rannte in den Garten, um weiter zu spielen. Hr. Fleißig hatte die Szene genau beobachtet und war sich sicher, dass er einen solchen Ausdruck von Wärme und Offenheit noch nie in den Augen seiner Frau gesehen hatte. Es war ihm, als wäre sie eine völlig Fremde, die ihm doch so vertraut war. Unwillkürlich stand er auf und ging auf sie zu. Einige Zeit standen Sie sich einfach nur gegenüber und sahen sich an. Dann kniete sich Hr. Fleißig nieder, fasste die Hände seiner Frau.
„Willst Du meine Frau werden?“, fragte er ernst und feierlich.
„Was für eine Frage“, erwiderte Fr. Fleißig lachend, „Wir sind doch schon seit Jahrzehnten verheiratet.“
„Das stimmt schon“, meinte Hr. Fleißig, „Aber die Frau, mit der ich bisher verheiratet war, ist eine andere, als die, die jetzt vor mir steht.“
„Das stimmt“, erwiderte sie leise, „Ich hätte nie gedacht, dass Dir das auffällt.“
„Wahrscheinlich, weil Du vieles nicht gewusst hast, Du nicht von mir und ich nicht von Dir“, meinte Hr. Fleißig.
„Aber es ist nicht zu spät das nachzuholen“, erklärte sie sanft, zog ihn zurück auf die Füße, umarmte ihn und ließ ihren Tränen freien Lauf, Tränen der Erleichterung und Freude, denn sie hatte ihn noch nicht verloren. Und sie schämte sich nicht. Hr. Dr. Schön, der doch ein wenig verunsichert gewesen war, als sie kamen, fühlte sich durch diese Beobachtung gestärkt und setzte sich zu seiner Frau.
„Lucinda, wie schön Du bist“, erklärte er und es klang tatsächlich aufrichtig.
„Ach ja, jetzt bin ich plötzlich schön?“, erwiderte sie schnippisch, „So ganz ohne Make-up und mit Falten und allem Drum und Dran.“
„Ja, das bist Du“, bestätigte er, ohne sich von ihrem Argwohn irritieren zu lassen, „Ich habe Dich lachen gesehen. Deine Augen blitzten. Du wirktest so voller Lebensfreude, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt habe. Da erinnerte ich mich daran, dass ich mich genau deswegen in Dich verliebt habe. Aber ich habe das vertrieben, mit meinem Perfektionswahn und all dem anderen Unsinn. Ich habe schlicht darauf vergessen. Glück, das ist es, was einen Menschen strahlen lässt. Alles andere ist Unsinn.“
„Und was ist mit der Klinik? Ich meine, dort verkaufst Du genau das, was Du gerade verteufelst“, erwiderte Fr. Schön skeptisch.
„Mit Deiner Hilfe möchte ich das ändern“, erklärte er, „Du kannst Dich doch erinnern, dass ich am Anfang vor allem Patient*innen operierte, die aufgrund eines Unfalls oder einer Krankheit entstellt waren. Denen habe ich tatsächlich ins Leben zurückgeholfen. Das möchte ich wieder machen.“
„Das ist wunderbar“, meinte Fr. Schön nachdenklich, „Aber ich möchte trotzdem meine eigenen Pläne verfolgen.“
„Und die wären?“, fragte Hr. Dr. Schön.
„Ich möchte Architektur studieren und Hr. Fleißig hat mir bereits einen Job angeboten“, erwiderte sie und sah ihren Mann skeptisch an, weil sie nicht wusste, wie er auf die Neuigkeit reagieren würde.

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