Margarete von Maltenbrück mochte im Leben unbedarft sein, denn sonst hätte sie zumindest die Autotür öffnen können, aber das hatte bisher keine Rolle gespielt, da sie immer von dienstbaren Geistern umgeben war, die diese niedrigen, manuellen Tätigkeiten für sie erfüllt hatten. Deshalb hatte sie zumindest etwas Grundlegendes gelernt, sich anderer Menschen zu bedienen, aber das mit Bravour und Überzeugung. Deshalb rief sie dem Schäfer zu, er solle herkommen und ihr die Türe öffnen. Amüsiert sah der Angesprochene hinüber und rührte sich nicht von der Stelle.
„Herr Schäfer“, wiederholte sie, „Kommen Sie her“, aber der Erfolg blieb aus. Der Schafbegleiter stand, grinste und sah sie an. Da endlich kam ihr die Erleuchtung, er verstand sie wohl nicht. Hier im Norden Schottlands verstanden die Indigenen wahrscheinlich nur die Einheimischensprache. Deshalb versuchte sie es ein weiteres Mal auf Gälisch. „Chan eil“, antwortete dieser bloß. Was für eine verdammt seltsame Sprache. In jeder anderen, die sie bisher gelernt hatte, klang Nein ungefähr ähnlich, aber im Schottischen war es ganz anders. Da kam ihr eine Idee. Statt lange zu verhandeln, entschied sie sich dafür, die Sprache zu sprechen, die die ganze Welt verstand. Kurzerhand holte sie ihre Geldbörse aus der Tasche, entnahm ihr einen Schein und hielt ihn in die Höhe. Es funktionierte tatsächlich, der Mann setzte sich in Bewegung und als sie ihn aufforderte, die Türe zu öffnen, verstand er plötzlich sogar Englisch. Margarete stieg grazil aus dem Wagen, das Täschchen damenhaft in Händen haltend und schritt versuchsweise ein paar Meter durch die Reihen der Schafe, die sie auch ohne Weiteres durchließen. Als sie meinte, sich mitten unter ihnen zu befinden, nahm sie die Dienste des Schäfers nochmals in Anspruch, um ein Foto von sich machen zu lassen. Mit einem weiteren Geldschein ausgestattet, nahm er die altmodische Kamera entgegen, während sich Margarete in Positur brachte. In dem Moment, in dem sie meinte, es wäre der richtige, um ihn photographisch festzuhalten, also ihr perfektes Auftreten innerhalb einer Schafherde zu dokumentieren, fühlte sich der eigentliche Chef der Herde, ein beeindruckender Bock bemüßigt, diesen unbekannten Menschen als Fremdkörper zu betrachten, rannte auf sie zu und rammte ihr seine Hörner in das Hinterteil. Der Schäfer drückte den Auslöser, so dass Margaretes Flug tadellos festgehalten wurde. Ein Schmerzenslaut entrang sich ihrer Kehle, als sie endlich hart auf dem Boden aufschlug, was dem Schäfer ebenfalls eine Ablichtung wert schien, denn er hatte noch niemanden erlebt, der nach solch einem heimtückischen Angriff derart grazil ohnmächtig war. Dann steckte er den Apparat in seine Tasche und hob die Dame, die sich der schottischen Erde so sehr verbunden fühlte, dass sie sich der Länge lang auf sie gelegt hatte, hoch. „Leichter als ein Schaf“, dachte er, während er sie in seine Hütte trug und aufs Bett legte. Während der Schäfer, der auf den Namen Hamish getauft worden war, noch überlegte, was er tun sollte, den Arzt holen oder nicht, den Priester holen oder nicht, kam die Ohnmächtige wieder zu sich. Hilfesuchend sah sie sich um. Zuletzt blieb ihr Blick auf Hamish hängen. „Wo bin ich? Wer sind Sie? Was ist passiert? Warum tut mein Kopf so weh?“, fragte sie. „Du hast Dich mit Schwung auf den Boden gelegt, deshalb auch die Kopfschmerzen“, erklärte Hamish. „Aber warum bin ich hier? Warum habe ich so komische Kleider an? Und wer bin ich?“, insistierte Margarete. Da begann dem Schäfer zu dämmern, dass sie offenbar unter Gedächtnisverlust litt, den er für sich zu nutzen gedachte, schließlich hegte er schon lange den Wunsch, seine Schäferhütte mit einer Frau zu teilen. Auch wenn diese hier ziemlich unbrauchbar schien, für die meisten praktischen Dinge des Lebens, so war sie doch zumindest eine Frau. Das genügte. Den Rest könnte er ihr beibringen. Und weil er ein richtiger Highland-Schotte war, hatte er im Handumdrehen eine passende Geschichte parat, die er ihr auftischte. „Ich werde Dir alles erzählen“, erklärte Hamish, „Aber ich sage es gleich, es ist eine sehr traurige Geschichte, doch ich habe Dir vergeben, denn schließlich bist Du meine Frau. Und ganz gleich, was Du getan hast, ich werde Dich immer lieben.“ Margarete, die nichts mehr davon wusste, dass sie Margarete hieß, fühlte sich tiefbewegt von diesen Worten und forderte ihn auf, weiterzuerzählen. „Nun denn, Du hast es so gewollt“, sagte er seufzend, „Zunächst, Dein Name ist Catriona.“ Was für ein schöner Name, dachte die, die eigentlich Margarete hieß, aber auch, was für ein schöner Mann, den ich offenbar geheiratet habe.

